Subjekt versus Objekt

Esfandiar Tabari, Tübingen 2000

Subjekt-Objekt-Entwicklungslinie

Ein historischer Blick auf die Beziehung zwischen Subjekt und Objekt führt uns zu einer tieferen logischen Bedeutung dieser beiden Begriffe.

Es gibt bereits eine Reihe von Büchern und Werken, die auf diese entwicklungsgeschichtliche Beziehung zwischen Subjekt und Objekt hinweisen. Die Tatsache, dass besonders in der modernen Philosophie dieses Thema einen besonderen Platz eingenommen hat, ist vor allem auf wahrheitstheoretische Untersuchungen zurückzuführen, die ihrerseits für unsere moralische Handlungen eine bestimmende Rolle spielen. In diesem Sinn ist der Begriff Wahrheit eng mit dem jeweiligen Definitionsbereich von Subjekt und Objekt verbunden. Daher kann man eventuell die historische Entwicklung des Wahrheitsbegriffes mit der historischen Subjekt – Objekt – Beziehung in eine direkten Verbindung bringen.

Die ersten philosophischen Versuche, einen Definitionsbereich für das Subjekt zu suchen, sind in der attischen Philosophie zu sehen. Bei Pythagoras findet diese Trennung des Sinnlichen vom Gedanken erstmals wirklich statt; der Übergang von der natürlichen Sicht zu derjenigen des Intellekts ist vollzogen.

In der attischen Philosophie wurde das Subjekt als „tuendes“ gekennzeichnet.[1] Das Subjekt ist der Tätige bzw. der, der etwas verursacht. Subjekt und Objekt sind in dieser Zeit tief in einander verwickelt. Sokrates stellt in seinem Dialog mit Kratylos die Möglichkeit der Erkenntnis in Frage, da sich alle Dinge ständig verändern und die Objekte keinen Bestand haben können. Er weist jedoch auf die Möglichkeit hin, die sich ergibt, wenn man den Begriff Erkenntnis und nicht seinen Inhalt betrachtet: In dem Fall ist er ein unveränderter Teil des Subjekts. Da Erkenntnis veränderlich sein muss, verwandelt er sich in andere Begriffe, die nicht mehr den Begriff der Erkenntnis beinhalten können. Somit begründet Sokrates, dass weder ein Subjekt noch ein Objekt der Erkenntnis fähig sein kann. [2] In der attischen (platonischen) Philosophie ist zum ersten Mal das Konzept eines einheitlichen Innen-Raumes zu finden. Bei Plato ist erstmals eine Trennung zwischen „Innen-“ und „Außen-Raumes“ festzustellen.[3] Bei Plato wird der „Innen-Raum“ zu einer Einheit, die als menschlicher Geist bekannt ist. Die Gesamtheit der Teile wird durch das „ich“ zusammengehalten und so entsteht eine innere Ordnung, die Plato als Vernunft bezeichnet. Mit dieser Ordnung der inneren Welt entsteht die Idee. Die äußere Welt ist ebenfalls geordnet, sodass die ganze Subjekt-Objekt-Welt als eine Innen-Außen-Welt zu verstehen ist. Nach Taylor beginnt der nächste Schritt zur Subjekt-Objekt-Beziehung mit Augustinus (354-430). Während die Begriffe innen-außen bei Plato explizit nicht zu sehen sind, verwendet Augustinus diese Begriffe zum ersten Mal. Er gruppiert die beiden Welten um ein einziges Zentrum. Damit divergieren Subjekt und Objekt stark auseinander.

Das Subjekt im frühen Mittelalter unterscheidet sich zu dem Neuzeit durch eine viel geringere Distanz zur „Außen-Welt“, zum Objekt als Gegenstand, der wörtlich als Gegenüber-Stand verstanden werden kann.[4]

Dies gilt ebenfalls für das Objekt. Das Objekt als „Ding“ halte im Mittelalter eine reichhaltigere Natur als in der heutigen Zeit. Im Mittelalter handelte es sich beim „Ding“ nicht um ein „Einzel-Objekt“, das getrennt für sich existiert. „Dinge“ im Mittelalter hatten ein breites Spektrum, das sich in enger Verbindung mit dem Subjekt steht. So hat z.B. jedes Ding einen inneren Zweck, der nach seiner Funktionalität festgelegt wird.

Die neuzeitliche Subjekt-Objekt-Philosophie wird durch Nietzsche und Marx repräsentiert. Das Subjekt steht auf seinem Höhepunkt und hat, ohne es zu wissen, sich selbst zerstört.

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Hölderlin sah im „utopischen Griechenland“ die wahre Harmonie zwischen Mensch und Natur. Dort hatte tiefe Harmonie zwischen Natur und Mensch geherrscht, wo die Kunst spontan geboren war. „Die Entwicklung der Vernunft zwang dann die Menschheit zum Abfall von dieser glücklichen Einheit“[5]. Hölderlin kritisiert die Spaltung zwischen Subjekt und Objekt, die nichts anderes als das Verderben des Subjekts bedeutet. Er versucht die Ursachen dieser Trennung zu finden und sie möglichst aufzuheben. Dieses Programm wurde dann von Marx in seiner wichtigsten Arbeit „Das Kapital“ übernommen. Nach Marx fallen der Beginn des Warenaustauschs und die Subjekt-Objekt-Spaltung zeitlich zusammen. Somit versuchte Marx die genaue Ursache für die Herausbildung der Trennung Subjekt-Objekt benennen. Dieser historische Punkt ist der Beginn des Warenaustauschs. Erst nach der Entwicklung des Tauschs kann die Trennung von Subjekt und Objekt der Erkenntnis ermittelt werden. „Die menschlichen Produkte der Arbeit waren in den Gemeinwesen für den eigenen Lebensgewinnungsprozeß bestimmt; sie wurden nicht getauscht, weil jedem Mitglied des Gemeinwesens alle Produkte zur Verfügung standen.“[6] Die Produkte erhalten durch Tauschen eine zusätzliche Qualität neben ihrer natürlichen Gebrauchsqualität, nämlich die, einen Wert zu haben. „Die Subjekte werden von den von ihnen selbst geschaffenen Objekt-Produkten bestimmt. Dies wird in unserem Sprachgebrauch als Sachzwang bezeichnet: Die Sachen zwingen die Menschen zu einem bestimmten Verhalten. Das nennt Marx „Entfremdung“, die in der vorliegenden Arbeit ausführlich behandelt werden soll.

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Ein vernünftiges Wesen, so Kant, hat das Vermögen, nach der Vorstellung der Gesetze - zu denen die moralischen Prinzipien gehören - zu handeln. Vernunft ist aber in seiner Philosophie überall erforderlich, auch beim freien Willen. „...der Wille ist ein Vermögen, nur dasjenige zu wählen, was die Vernunft, unabhängig von der Neigung, als praktisch notwendig, d.i. als gut erkennt.“[7] Das Alltagsleben der Menschen sieht aber anders aus: Der Wille ist an sich nicht völlig der Vernunft gemäß. In diesem Fall sind nach Kant die Handlungen „subjektiv zufällig.“[8] Der kategirische Imperativ arbeitet nach diesem Prinzip der Objektivität der Vernunft, wonach aus subjektiv zufälligen Handlungen, objektiv richtige Handlungen abgeleitet werden können. „Die Vorstellung eines objektiven Prinzips, sofern es für einen Willen nötigend ist, heißt ein Gebot (der Vernunft) und die Formel des Gebots heißt Imperativ. Alle Imperative werden durch ein Sollen ausgedrückt, und zeigen dadurch das Verhältnis eines objektiven Gesetzes der Vernunft zu einem Willen an, der seiner subjektiven Beschaffenheit nach dadurch nicht notwendig bestimmt wird (eine Nötigung).“[9] Die Imperative bestimmen, was ich tun soll. Die von Kant beschriebenen drei Arten von Imperativen unterscheiden sich in der Reichweite der Vernunft.[10] Die kategorische Eigenschaft des Imperativs bestimmt die Notwendigkeit und Objektivität der imperativen Handlung. „Der kategorische Imperativ würde der sein, welcher eine Handlung als für sich selbst, ohne Beziehung auf einen andern Zweck, als objektiv-notwendig vorstellte.“[11] Dieser Zweckfreie Charakter des kategorischen Imperativs macht ihn apodiktisch. Bei Kant ändert sich damit die Grundlage der Objektivität, in dem die Gegenstandstheorie, die Onthologie, von einer Theorie des Subjekts abhängt. Nach Kant hat „Objektivität“ zwei aufeinander bezogene Bedeutungen. Zum einen bedeutet die Objektivität die Leistung, die wirkliche Welt zu erkennen und zwar im intersubjektiven Sinn und nicht von einzelnen Subjekte. Zum anderen bzieht sich die Objektivität auf die wirkliche Gegenstände und nicht auf Fiktionen und bloße Einbildungen. Dabei setzt die erste Bedeutung die zweite voraus.[12]

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Karl Marx versuchte die historische Entwicklung der Subjekt-Objekt-Beziehung ökonomisch zu erklären. Nach ihm ist eine Trennung von Subjekt und Objekt vor den ersten Tauschhandlungen nicht aufzufinden. Es gibt in dieser Zeit kein „ich“, das der objektiven Welt gegenübersteht. Marx weist darauf hin, dass erst bei Epikur die Erscheinung als Erscheinung aufgefasst wurde, d.h., so Marx, „als eine Entfremdung des Wesens, die sich selbst in ihrer Wirklichkeit als solche Entfremdung betätigt.“[13] Bei Demokrit dagegen sieht Marx eine zusammengesetzte Natur, in der die Erscheinung nicht als Wirklichkeit gegenübersteht und somit sich nicht vom Wesen her unterscheidet. „Also ihrer Existenz nach betrachtet, wird das Wesen gänzlich mit ihr konfundiert, ihrem Begriff nach gänzlich von ihr getrennt, so daß sie zum subjektiven Schein herabsinkt.“[14]

Die starke Divergenz zwischen Subjekt und Objekt hat für Marx ihre Ursache im Kapitalismus. Die Ankündigung der Gleichverteilung der Vernunft war eine wichtige ideologische Voraussetzung für die Entwicklung der ersten Manufakturen, die gleichzeitig die Unterschiede zwischen Subjekten aufheben wollte. Das Subjekt wird nun durch seine „produktive“ Arbeit gekennzeichnet. Diese Verwirklichung der Arbeit, so Marx, „erscheint in dem nationalökonomischen Zustand als Entwirklichung des Arbeiters, die Vergegenständlichung als Verlust und Knechtschaft des Gegenstandes, die Aneignung als Entfremdung, als Entäußerung.“[15] Der Arbeiter als Subjekt produziert Ware (Objekt). Die Aneignung der Ware erscheint als Entfremdung, wobei gilt: „ je mehr Gegenstände der Arbeiter produziert, um so weniger kann er besitzen und um so mehr unter die Herrschaft seines Produkts, des Kapitals, gerät.“[16]

Die ökonomische Entwicklung vom einfachen Tausch zum Kapitalismus führt zur Trennung von Subjekt und Objekt der Erkenntnis; „die Trennung von Sinnlichkeit und Verstand; die Herausbildung des reinen, abstrakten Denkens; die Herausbildung von reinen Formen der Anschauung als Bedingungen der Anschauung, die Eigenschaften des Erkenntnisobjektes sind; die Herausbildung einer allgemeinen, reinen Logik, die sowohl von ihren Anwendungsgebieten wie auch von den psychischen Eigenschaften des Anwenders, des Erkenntnisobjekts abstrahiert. Es beginnt zu einem späteren Zeitpunkt auch die Herausbildung der Ich-Identität, die Herausbildung eines freien Subjektes, das mit Verstand begabt ist mit den Prinzipien der Vernunft ausgestattet.“[17]

Marx rechtfertigt die Notwendigkeit der Natur dadurch, dass der Arbeiter ohne sie nichts schaffen kann. Somit ist die sinnliche Außenwelt eine wichtige Komponente der Arbeit. Auf der einen Seite ist Arbeit ohne Gegenstände nicht möglich, andererseits bietet sie auch die Mittel der physischen Subsistenz des Arbeiters selbst. Daraus folgert Marx: Je mehr also der Arbeiter sich die Außenwelt, die sinnliche Natur, durch seine Arbeit aneignet, um so mehr entzieht er sich Lebensmittel nach der doppelten Seite hin, erstens, daß immer mehr die sinnliche Außenwelt aufhört, ein seiner Arbeit angehörender Gegenstand, ein Lebensmittel seiner Arbeit, zu sein; zweitens, dass sie immer mehr aufhört - Lebensmittel im unmittelbaren Sinn - Mittel für die physische Subsistenz des Arbeiters - zu sein.[18] So entsteht eine Entfremdung zum Wesen der Arbeit. Die Entfremdung hat zwei Komponenten: die Entäußerung des Arbeiters, die sein Verhältnis zu den Produkten beschreibt und die Entfremdung im Akt der Produktion, innerhalb der produzierenden Tätigkeit selbst. Die erste ist eine Entfremdung zu dem Produkt seiner Tätigkeit und die zweite ist die Entfremdung zu sich selbst.

Das entfremdete Verhältnis des Arbeiters zum Produkt seiner Arbeit (Gegenstand) ist zugleich das Verhältnis zur sinnlichen Außenwelt, zu den Naturgegenständen als einer fremden, ihm feindlich gegenüberstehenden Welt.[19]

Die zwei-dimensionale Entfremdung, die Marx für charakteristisch im Kapitalismus hält, beschreibt die Abgrenzung des Subjekts nicht nur vom Objekt sondern auch von seinem eigenen Selbst. Die Arbeit als ein Teil des Subjektes wird objektiviert und verlässt den Definitionsbereich des Subjektes, was nichts anderes als den Tod des Subjektes bedeuten kann. Eine weitere Folge dieser Abgrenzung ist die Entfremdung des Menschen vom Menschen. „Wenn der Mensch sich selbst gegenübersteht, so steht ihm der andere Mensch gegenüber. Was von dem Verhältnis des Menschen zu seiner Arbeit, zum Produkt seiner Arbeit und zu sich selbst, das gilt von dem Verhältnis des Menschen zum andren Menschen, wie zu der Arbeit und dem Gegenstand der Arbeit des andren Menschen. Überhaupt, der Satz, dass der Mensch seinem Gattungswesen entfremdet ist, heißt, dass ein Mensch dem andern, wie jeder von ihnen dem menschlichen Wesen entfremdet ist. Die Entfremdung des Menschen, überhaupt jedes Verhältnis, in dem der Mensch zu sich selbst [steht], ist erst verwirklicht, drückt sich aus in dem Verhältnis, in welchem der Mensch zu d[em] andren Menschen steht.“[20]

Für den Arbeiter ist kein Interesse mehr an der Zielproduktion seiner Arbeit vorhanden, da er in seiner Arbeit keine Autonomie besitzt und als Glied eines Arbeitsnetzes betrachtet wird, wodurch er mit den anderen Arbeitsarten in Verbindung kommt. Der Arbeiter als zerstörtes Subjekt hat kein Interesse und Wissen mehr, was die Endproduktion seiner Arbeit anbelangt, da diese selbst zur Ware geworden ist. Ein Vertreter der Kritischen Theorie, wie Marcuse, akzeptiert im Grunde genommen diese Marxsche These der vom Individuum entfremdeten Arbeit, jedoch widerspricht er Marx darin, dass diese entfremdete Arbeit selbst nicht zum Objekt (oder zur Ware, wie Marx es beschreibt), sondern zu einem unabhängigen, produzierenden Objekt und damit selbst zu einem Subjekt wird.[21]

Zwar ist dies bei Marcuse keine Rettung des Subjektes, jedoch sorgt die Erweiterung des Definitionsbereichs für eine Überwindung der Technologie in spielerischem Sinne. Zusammengefasst versucht Marcuse den marxistischen Arbeitsbegriff durch Subjektivierung auf der einen Seite und Sozialisierung auf der anderen Seite wiederzugeben und so zu verändern, dass er dem gesamten Marx-Freudschen Konzept angepasst ist. Marx sieht den einzigen Weg für die Rettung des Subjektes in der Aufhebung des Privateigentums und in der Rückkehr des Menschen aus Religion, Familie, Staat etc. in sein menschliches, d.h. gesellschaftliches Dasein. „Die religiöse Entfremdung als solche geht nur in dem Gebiet des Bewusstseins des menschlichen Innern vor, aber die ökonomische Entfremdung ist die des wirklichen Lebens - ihre Aufhebung umfasst daher beide Seiten.“[22]

Es ist jedoch zu erwähnen, dass selbst die Aufhebung der Entfremdung bei Marx subjektiviert ist, so befasst er sich mit den Formen der Aufhebung: Die Aufhebung geht immer von der Form Entfremdung aus, „welche die herrschende Macht ist, in Deutschland das Selbstbewusstsein, in Frankreich die Gleichheit, weil die Politik, in England das wirkliche, materielle, sich nur an selbst messende praktische Bedürfnis.“[23]

Der Subjektbegriff ist in der Marxschen Philosophie stark von Hegel beeinflusst. Für Hegel ist das Subjekt das gleiche wie Bewusstsein und steht der Materie gegenüber. Was aber das Marxsche Subjekt vom Hegelschen unterscheidet, ist nicht die Struktur der Gegenüberstellung zur Materie (als Objekt), sondern die Funktionsweise des Subjektes in Wechselwirkung mit dem Objekt: Marx definiert das Subjekt aus der Sicht des Objektes und in Bezug auf das Objekt. Somit verschwindet das Subjekt als Bewusstsein im Objekt als Produktionsmittel. Das Zentrum des Koordinatensystems der Subjektdefinition von Subjekt liegt bei Hegel im Gegenteil im Subjekt selbst. Daher besitzt das Subjekt bei Hegel eine Bewusstseinautonomie, während bei Marx diese Autonomie nicht existieren kann. Dies verdeutlicht Marx selbst, wenn er sagt: „Hegel geht aus von der Entfremdung (logisch: dem Unendlichen, abstrakt Allgemeinen) der Substanz, der absoluten und fixierten Abstraktion. - d.h. populär ausgedrückt, er geht von der Religion und Theologie aus.“[24] und weiterhin betont Marx: „Die Entfremdung, welche daher das eigentliche Interesse dieser Entäußerung und Aufhebung dieser Entäußerung bildet, ist der Gegensatz von an sich und für sich, von Bewusstsein und Selbstbewusstsein, von Objekt und Subjekt, d.h. der Gegensatz des abstrakten Denkens und der sinnlichen Wirklichkeit oder der wirklichen Sinnlichkeit innerhalb des Gedankens selbst.“[25]

Bei Marx wird das Subjekt (als Bewusstsein) durch das Objekt (als Produktionsmittel) bestimmt. Daher können wir das Subjekt bei Marx und Hegel als „Bewusstseinssubjekt“[26] interpretieren. Die Selbstbezogenheit des Bewusstseins heißt bei Marx Selbstbewusstsein. Er wirft Hegel vor, dass er das menschliche Wesen mit dem Selbstbewußtsein gleichsetzt. Daher ist alle Entfremdungen des menschlichen Wesens nichts als Entfremdung des Selbstbewusstseins zu werten.

Habermas kritisiert in seinem Werk „Erkenntnis und Interesse“ ebenfalls (wie die Kritische Theorie) die materialistisch-reduktionistische Haltung von Marx und stellt wie Marcuse die Anthropologie in den Vordergrund.

Habermas stellt seine Theorie auf zwei Emanzipationsprozesse in der Gesellschaft: äußere und eigene Natur. „Die Synthesis der Arbeit vermittelt das gesellschaftliche Subjekt mit der äußeren Natur als ihrem Objekt. Aber dieser Vermittlungsprozess ist verschränkt mit einer Synthesis durch Kampf, welche ihrerseits zwei einander zum Objekt machende Teilsubjekte der Gesellschaft, nämlich soziale Klassen, vermittelt. „.... Die Synthesis durch Arbeit stellt eine theoretisch- technische, die durch Kampf eine theoretisch-praktische Beziehung zwischen Subjekt und Objekt her.“[27]

Arbeit ist für Habermas ein zweckrationales Handeln; hier liegt seine zentrale Kritik an Marx. Darunter versteht er entweder instrumentales Handeln oder rationale Wahl oder eine Kombination von beiden. „Instrumentales Handeln richtet sich nach technischen Regeln, die auf empirischem Wissen beruhen.“[28]

Habermas unterscheidet, anders als Marx, zwischen instrumentalem und kommunikativem Handeln[29]. Instrumentales Handeln liegt im Erkenntnisbereicht Subjekt-Objekt, während sich kommunikatives Handeln im intersubjektiven Erkenntnisbereich befindet.[30] In diesem wird bei Habermas das Subjekt in der Sprache und Kommunkation aufgelöst, während bei Marx in Produktionsmittel aufgelöst wird.

Daher können wir das Subjekt bei Habermas als ein „Sprachsubjekt“[31] aufassen.

Subjekt-Objekt-Beziehung am Beispiel Moral und Wissenschaft in der Mordene

Die rasante ökonomische und industrielle Entwicklung in unserem Jahrhundert führte zu einer stärker werdenden Divergenz zwischen Subjekt und Objekt. Diese scheint sich in der Spaltung zwischen Moral und Wissenschaft wiederzuspiegeln. Die schlechten menschlichen Erfahrungen mit der Anwendung der Wissenschaft und die Gefahren, die uns durch ihren Missbrauch drohen, waren in Wissenschaftlerkreisen immer wieder Ausgangspunkt für neue Diskussionen über die Moralisierung der Wissenschaft. Dadurch ist bewusst geworden, dass die Wissenschaft als Objekt der Erkenntnis nicht allein Verantwortung tragen kann. Vielmehr ist es der Mensch, der als Subjekt des Erkenntnisprozesses durch die Bestimmung der Rahmenbedingungen Verantwortung trägt. Die Frage ist nun, wodurch diese Bedingungen bestimmt werden? Hier stellen sich sehr viele moralphilosophische Fragen, die eingehend untersucht werden müssen. Bereits Kant hat versucht die Ethik in Form der Imperative zu verwissenschaftlichen. In unserer Zeit ist mittlerweile die wissenschaftliche Begründung von Moral und Ethik ein Hauptaufgabe vieler Moralphilosophen geworden. Diese bilaterale Wechselwirkung zwischen Moral und Wissenschaft ist offensichtlich: Die Wissenschaft braucht Moral, da ohne sie deren globalisierte technische Eroberung nicht überzeugend und erfolgreich sein kann. Moral braucht die Wissenschaft, da man ohne sie erstens nicht von der Allgemeinheit moralischer Urteile überzeugt ist.

Zweitens bedeutet die Verwissenschaftlichung der Moral, die Moral aus einer neutralen Position heraus zu untersuchen. Wie etwa die Wissenschaftstheorie versucht auf einer neutralen Ebene die Wahrheit wissenschaftlicher Aussagen zu ermitteln, versucht die Metaethik (als Wissenschaftstheorie der Ethik) auf einer neutralen Metaebene die Richtigkeit moralischer Urteile zu untersuchen. Die Wissenschaftstheorie und die Metaethik sind wertfrei. Ihre Wertfreiheit ist eine Folge der Entsubjektivierung. Bei der Wissenschaftstheorie ist eine solche Befreiung der Urteile von Subjektseinflüssen wesentlich einfacher als bei der Metaethik. Der Grund liegt darin, dass die Wissenschaftstheorie mit dem Objekt der Wissenschaft zu tun hat: mit etwas, dessen Objektautonomie bereits vorausgesetzt ist. Dies ist jedoch bei der Metaethik nicht der Fall: Substanz der Metaethik sind die subjektiven moralischen und ethischen Urteile. Die Schwierigkeit dabei ist, dass wir uns im Falle der Metaethik innerhalb des Systems der Moral befinden, sind also Moralakteur. Die Bewahrung der Neutralität ist daher fast unmöglich. Dieses Problem macht eine globalisierte Bewahrung moralischer Urteile sehr schwierig. Ein Teilziel dieser Arbeit ist es einen Weg zu finden, der uns aus dieser Schwierigkeit befreit.

Drittens gibt es einen weiteren Grund für die Verwissenschaftlichung der Ethik: wir überzeugen uns mit Hilfe der Neutralität der Wissenschaft persönlich davon, dass unser moralisches oder ethisches Handeln das richtige Format besitzt. Dies ist eine Folge der wissenschaftlichen Eroberung unserer Gesellschaft, die daraus eine Jederman-Überzeugung von Wissenschaft bewirkt hat. [32]

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Literatur

I. Kant: Grundlegung der Metaphysik der Sitten, Suhrkamp 1995

II. O. Höffe: Kant, Beck 5. Auflage 2000

III. E. Braun: Aufhebung der Philosophie, Metzler 1992

IV. J. Jaynes: The origin of consciousness, Boston1976

V. G. Simmel: Philosophie des Geldes, 8. Auflage Berlin 1987

VI. C. Taylor: Quellen des Selbst, Frankfur-Main, 1994

VII. W. Schmied-Kowarzik: Das dialektische Verhältnis des Menschen zur Natur, Karl Alber Verlag 1984

VIII. H. Ebeling: Das Subjekt in der Moderne, Rowohlt 1993

IX. D. Horster: Die Subjekt-Objekt-Beziehung im Deutschen Idealismus und in der Marxschen Philosophie

X. H. Marcuse: Triebstruktur und Gesellschaft, Frankfurt-Main 1965

XI. H. Marcuse: Der eindimensionale Mensch, dtv 1998

XII. K. Marx, F. Engels: Werke. Herausgegeben vom Institut für Marxismus-Leninismus beim ZK der SED, Bd. 1-43, Berlin: Dietz-Verlag, 1956 ff.

XIII. P. Bourdieu: Sozialer Sinn, suhrkamp 1999

 

[1] Plato: Sammel Werke Bd. 1, S. 342

[2] vgl. Plato: SW Bd. 1, S. 615-616

[3] C. Taylor: Quellen des Selbst, Die Entstehung der neuzeitlichen Identität, Frankfurt/Main, 1994

[4] G. Simmel: Philosophie des Geldes, 8.Auflage, Berlin 1987

[5] Detlef Horster: Die Subjekt-Objekt-Beziehung im Deutschen Idealismus und in der Marxschen Philosophie, Campus 1979, S. 30

[6] Ebenda, S. 33

[7] Kant: Grundlegung zur Metaphysik der Sitten, vgl. Kant-W Bd. 7, S. 41

[8] Ebenda

[9] Ebenda, S. 42.

[10] Vgl. O.Höffe, Immanuel Kant, denker 2000, S. 183f

[11] Ebenda, S. 49

[12] Vgl. O.Höffe, Immanuel Kant, denker 2000, S. 70

[13] K. Marx: Differenz der demokritischen und epikureischen Naturphilosophie, vgl. MEW Bd. 40, S. 296

[14] Ebenda, S. 296

[15] K. Marx: Ökonomisch-philosophische Manuskripte aus dem Jahre 1844, vgl. MEW Bd. 40, S. 512

[16] Ebenda, S. 513

[17] D. Horster: Die Subjekt-Objekt-Beziehung im Deutschen Idealismus und in der Marxschen Philosophie, Campus 1979, S. 46

[18] Marx: Ökonomisch-philosophische Manuskripte aus dem Jahre 1844, vgl. MEW Bd. 40, S. 514

[19] Marx: Ökonomisch-philosophische Manuskripte aus dem Jahre 1844, vgl. MEW Bd. 40, S. 515

[20] Ebenda, S. 517-518

[21] H. Marcuse: Der eindimensionale Mensch, dtv 1998, S. 57

[22] K. Marx: Ökonomisch-philosophische Manuskripte aus dem Jahre 1844, vgl. MEW Bd. 40, S. 537

[23] Ebenda, S. 553

[24] Ebenda, S. 570

[25] Ebenda, S. 574

[26] Vgl. H. Ebeling: Das Subjekt in der Moderne, rowohlts 1993

[27] J. Habermas: Erkenntnis und Interesse, Suhrkamp 1994, S. 77

[28] Technik und Wissenschaft als Ideologie, J. Habermas, Suhrkamp 1971, S. 62

[29] Unter kommunikativem Handeln versteht Habermas eine symbolisch vermittelte

Interaktion, die sich nach obligatorisch geltenden Normen richtet. Diese geltenden

Normen definieren „ die reziproken Verhaltenserwartungen“, die von mindestens

zwei handelnden Subjekten verstanden und anerkannt werden müssen.

[30] D. Horster: Die Subjekt-Objekt-Beziehung im Deutschen Idealismus und in der Marxschen Philosophie, Campus 1979,S. 5

[31] Vgl. H. Ebeling: Das Subjekt in der Moderne, rowohlts 1993

[32] Ein theoretischer Versuch zu einer Vereinheitlichung von Subjekt und Objekt in der Sozialwissenschaften ist in dem Werk von Pierre Bourdieu zu finden. Dieser Versuch geschieht durch eine Objektievierung der sozialen Dimension des Individuums. Nach Bourdieu hat die Sozialwelt Vorrang vor der individuellen Welt.

 

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