Ist eine natürliche Deutung religiöser Erfahrung möglich?

 

Nach James sind die religiösen Erfahrungen einzelner die Wurzel aller Religionen. Diese Deutung ist heute umstritten, da die Einzelerfahrungen sehr stark von bereits vorhandenen religiösen Traditionen geprägt sind und durch ihre Gesamtheit gespeist wurden.

Es ist wahrscheinlicher, dass die Religion außer solchen Erfahrungen noch andere Wurzeln hat. Auch wenn der allgemeine Charakter  religiöser  und mystischer  Erfahrungen einlädt, sie im Zusammenhang mit uns vertrauten und erklärbaren Bewusstseinphänomenen zu sehen, bleibt doch wegen des allgemeinen Charakters dieser Betrachtungen das spezifisch religiöse Element des Inhalts dieser Erfahrungen unerklärt. Durch die uns bekannten Einzelerfahrungen lassen sich diese religiösen Elemente durch Rückgriff auf die sie umgebende religiöse Tradition erklären. Die Gesamtheit der  religiösen Erfahrungen ist erst dann erklärt, wenn man dazu auf etwas anderes als diese Erfahrung selbst zurückgreift. Wenn man mindestens einen weiteren Ursprung  fände so würde die Ansicht von James einleuchten, dass sich zwar die Gegenstände dieser Erfahrung von unten her sozusagen als Teil der unterbewussten Fortsetzung unseres bewussten Lebens verstehen lassen, wir aber trotzdem noch etwas annehmen müssen was von oben her wirkt.

 

In seiner Naturgeschichte der Religion hält Hume das teleologische1) Argument für überzeugend und betrachtet den darauf gestützten Theismus als gut begründete Vernunftwahrheit. Der reine Theismus ist nicht die tatsächlich gelebte Religion der Menschen. Ohne die jüdische Religion zu betrachten sind die ersten Religionen polytheistisch gewesen laut überlieferten Berichten. Aufgrund von apriorischen Überlegungen meint er, dass die zum Monotheismus führende Art zu denken dem Menschen zunächst fremd war. Sie suchten nicht, wie es durch den teleologischen Beweis nahe gelegt wird nach einer Erklärung für Gesetzmäßigkeiten oder Anzeichen eines Planes in der Pflanzen- und Tierwelt, sondern dies war dem Menschen so vertraut, dass es als selbstverständlich hingenommen wurde. Es waren außergewöhnliche Ereignisse (Unglücksfälle, Katastrophen), welche es nahe legten, diese Vorgänge als das Wirken bestimmter übernatürlicher Mächte zu deuten.

Laut Hume verdankt der Monotheismus seinen Siegeszug nicht der Beweiskraft des teleologischen Argumentes, sondern einer Entwicklung im Polytheismus. Die Gesellschaft der Götter wird nach dem Vorbild menschlicher Monarchien gedacht und ein Gott zum Herrscher über die anderen gemacht. Der Wettstreit um die Gunst dieses Gottes verleiht ihm den Status eines vollkommenen Wesens. Daneben gibt es noch die Tendenz nach speziellen Gegenständen der Verehrung, die Verehrung näher sind als der universale Gott. Dies wird deutlich am Beispiel der Heiligenverehrung im Katholizismus.

 

Laut Mackie geht es Hume darum, ein Keil zwischen die tatsächlich existierenden Religionen mit großer Anhängerschaft und dem reinen, einem Theismus nahe kommenden philosophischen Theismus zu treiben. Daher gelingt es nach Hume der Philosophie auch niemals, irgendeine der tatsächlich gelebten Religionen zu legitimieren. Weiter ist er zur Überzeugung gelangt, dass die in der Welt vorherrschenden religiösen Prinzipien eher Träume kranker Menschen oder übermütige Einfälle von Affen in Menschengestalt seien. Mackie kritisiert, dass Hume weit über das Ziel hinausschießt. Dem schließen wir uns an, denn im ersten Fall kann es höchstens um gewisse Art religiöser Erfahrung gehen und im zweiten Fall um eine nicht wichtig zu nehmende Ausuferung religiösen Denkens. Beides passt nicht zu den zentralen Themen Humes, nämlich: Wie der Supernaturalismus2) Bedürfnisse befriedigt, die den Ängsten und Hoffnungen der in ihren Ursachen unbekannten

 

1)        Teleologie: Lehre der ziel- und Zweck bestimmten Ordnung von Gegenständen und Ereignissen

2)        Glaube an Übersinnliches/ Übernatürliches, kann nur durch göttliche Erfahrung erkannt werden

 

 

 

Unwägbarkeiten menschlichen Lebens entspringen, und wie die Beziehung des Menschen zu einer Gottheit zum Monotheismus führt. Diese Tendenz zusammen mit mystischen Erlebnissen hat entscheidend zur religiösen Tradition beigetragen und findet in den sozial organisierten Formen der Religion Ausdruck.

Ob in den Wirtschaftsformen die magischen Faktoren oder rationale Elemente bestimmend waren, ist bis heute strittig. Mackie meint, dass beide Parteien teilweise Recht haben: Die Primitiven bedienen sich zur Verwirklichung ihrer Ziele vernünftiger Methoden. Warum? Sie haben technische Fertigkeiten, betreiben Landwirtschaft, kennen die Jahreszeiten, stellen Waffen zum Erlegen ihrer Beutetiere her und lernen Jagen. Sie glauben aber auch an die direkte Wirksamkeit magischer Praktiken oder religiöser Riten und verlassen sich teilweise auf sie. Hinzu kommen die Auswirkungen der Riten auf den Geist und den Zusammenhalt der Gesellschaft. Sie sind Ausdrucksformen, können aber auch kausal verstandene Methoden sein. Es gibt Hinweise darauf, dass sie die Funktion haben, seelische Spannungen abzubauen. Die Hoffnungen und Ängste der Menschen, ihre Praktiken und emotionalen Bedürfnisse erklären die Kraft und auch den spezifischen Charakter der Religion.

 

Feuerbach meint dazu, dass das Übernatürliche (im Animismus3), Polytheismus und Monotheismus) als Person gedacht wird. Die Menschen haben nicht nur ihre ersten, sondern auch ihre letzten Götter nach ihrem eigenen Gleichnis geformt. So meint Feuerbach, dass das, was für die frühen Religionen zutreffe, auch noch für die am weitesten entwickelten, wie die christliche Religion, gelte: Von der unendlichen Vollkommenheit bis zur Lehre von der Menschwerdung und Dreieinigkeit sei der gesamte deskriptive Gehalt der menschlichen Natur entlehnt. Die vollständige Vermeidung des Anthropomorphismus4) würde die Verneinung der Religion selbst bedeuten. Was den christlichen Gott betrifft, so sind seine Aspekte nur Projektionen des menschlichen Verstandes. Feuerbach gelangt zu den Schluss: Gott ist das von aller Widerlichkeit befreite Selbstgefühl des Menschen. Er möchte seine eigene Religion empfehlen: Diejenige Freiheit von allen Begrenzungen der Individuen, welche die traditionellen Religionen Gott andichteten, finde man in der Menschheit als Ganzes wieder. Das ist aber kein überzeugender Vorschlag, denn die Menschheit als Ganze ist zweifellos nicht von allen Begrenzungen der Individuen frei: Sie ist nicht allmächtig, nicht allwissend, nicht vollkommen gut. Viele Bedürfnisse, die die Religion befriedigt werden selbst bei optimistischster Zukunftsperspektive von der Menschheit als Ganze nicht befriedigt. Feuerbachs Erklärung ist nicht falsch und trägt einen Beitrag zur Gesamterklärung zum Phänomen Religion bei. Mackie findet den Gedanken, dass der Inhalt religiöser Ideen als eine Projektion der menschlichen Natur, besonders des moralischen Strebens der Menschen, erklärbar ist, wobei dieses Streben selbst aus den sozialen Interaktionen der einzelnen Individuen hervorgeht.

 

Die letzte Formulierung Feuerbachs enthielt einen sozialen Aspekt. Religion wird nicht so sehr als Produkt des Denkens und Fühlens einzelner, sondern der ganzen Gesellschaft aufgefasst. Die gemeinsam geübte religiöse Praxis ist zusammen mit den damit verbundenen Überzeugungen der Versuch einer gesellschaftlichen Probe, als Einheit den verschiedenen Krisen zu begegnen, den ihre Glieder, aber auch die Gruppe als ganze, ausgesetzt sind. Die Traditionen und Institutionen sind für das einzelne Individuum sowohl etwas Äußerliches als auch etwas Innerliches: Es sind objektiv existierende Realitäten, die in den einzelnen

    

 

3)        schriftloses Religionssystem, das davon ausgeht, Geister oder Seelen bewohnten natürliche Körper oder Gegenstände (Naturreligion)

4)        bezeichnet das Zusprechen menschlicher Eigenschaften auf unbelebte Gegenstände, Tiere, Götter

 

 

 

eindringen und sein Wesen mitformen, also verinnerlichte Institutionen und Praktiken. Damit wird versucht zu erklären, woher die Überzeugung des Glaubens kommt. Eine äußere Macht bewegt den Gläubigen aber andererseits findet er auch in sich selbst einen Teil der mit etwas höherem in engster Verbindung steht, das außerhalb von ihm im Universum wirkt. Der Gott der traditionellen Religionen ist eine verzerrte Darstellung solcher sozialen Realitäten. Das Element der Personifizierung muss getrennt erklärt werden gemäß z.B. Hume oder Feuerbach. Gesellschaftliche Erklärung der Religion muss nicht nur das Zusammenwirken der Menschen miteinander berücksichtigen, sondern auch die sozialen Klassenunterschiede und die sozialen Konflikte. Zum letzteren stammt der klassische Text von Marx: „Und zwar ist die Religion das Selbstbewusstsein und das Selbstgefühl des Menschen, der sich selbst entweder noch nicht erworben oder schon wieder verloren hat. Aber der Mensch, das ist kein abstraktes… Wesen. Der Mensch, das ist die Welt des Menschen, Staat, Sozietät. Dieser Staat, diese Sozietät provozieren die Religion, ein verkehrtes Weltbewusstsein, weil sie eine verkehrte Welt sind… Die Religion ist der Seufzer der bedrängten Kreatur, das Gemüt einer herzlosen Welt, wie sie der Geist geistloser Zustände ist. Sie ist das Opium des Volkes. Die Aufhebung der Religion als des illusorischen Glücks des Volkes ist die Forderung seines wirklichen Glücks. Die Forderung, die Illusionen über seinen Zustand aufzugeben, ist die Forderung, einen Zustand aufzugeben, der der Illusionen bedarf.“ (Karl Marx, Zur Kritik der Hegelschen Religionsphilosophie. Einleitung, 1844, in: K. Marx/ F. Engels, Werke, Bd. 1, Berlin (Ost) 1964, S. 378f.)

Hier deutet Marx seine eigene Lehre an. Es kommt zu einer revolutionär anklagenden Religionsanalyse und –Kritik.

Die Bedrängten und Ausgebeuteten finden in der Religion einen illusionären Trost, was sie mit ihrer materiellen Armut und ihrer Hilflosigkeit versöhnt und den Widerstand gegen ihre Unterdrückung schwächt.

Die Religion ist Teil einer Ideologie, mit der die herrschende Klasse ihre Stellung und Verhalten rechtfertigt.

Diese Ideologie wird den unterdrückten Schichten vermittelt (Sonntagspredigten) und sie werden dadurch angehalten, die bestehende Ordnung anzunehmen. Widerstand gegen die Ordnung ist Widerstand gegen Gott. Christliche Tugenden sind dazu geeignet, Ausgebeutete niederzuhalten, während die Ausbeuter diese Tugenden (Demut, Gehorsam) mehr predigen als praktizieren. Marx entwickelt hier die Theorie der Selbstentfremdung. Für Marx ist die Religion Ausdruck für die entfremdete Natur des Menschen, da die Menschen sowohl voneinander als auch von den Produktionsmitteln abgeschnitten seien. Für ihn ist bei Aufhebung der Entfremdung das Verschwinden der Religion zu erwarten.

Dieses Modell trägt zur Naturgeschichte der Religion bei, es gibt aber zum Teil Übertreibungen, da es auch revolutionäre Religionen gegeben hat und ebenso religiöse Bewegungen, die auf die Besserstellung der Unterdrückten hingearbeitet haben. Nicht alles Leid, das die Religionen lindern oder zu lindern vorgeben stammt aus ökonomischer Unterdrückung. Der marxistische Optimismus vom Verschwinden aller Konflikte und jeder Form der Selbstentfremdung entspricht einer säkularisierten Heilslehre und damit als trostbringende Illusion, die sich nur in ihrem Inhalt, nicht aber in allgemeinen Charakter von der Erwartung eines übernatürlichen Reiches unterscheidet.

 

Freud stellt eine Ähnlichkeit zwischen Riten und Zwangshandlungen neurotischer Besessenheit fest. Die Religion ist ein Überrest aus Ereignissen in der Darwinschen Urhorde. Damit wird die Beziehung des Menschen zu einem Gott den kleinkindlichen Zustand hilfloser Abhängigkeit vom Vater nachgebildet, der laut Freud Wohltäter und Tyrann in einem ist. Zwei allgemeine Thesen Freuds sind kaum zu bestreiten. In der Religion drücken sich sehr starke, bewusste wie unbewusste Wünsche aus, die die Religion zu erfüllen vorgibt. Die Beziehung des Glaubens zu einem Gott ähnelt sehr der einen Eltern-Kind-Beziehung und wird vermutlich beeinflusst von der Erinnerung der Erwachsenen an diese Beziehung.

 

Die bisherigen Erklärungen zeigen, wie komplex das Phänomen der Religion ist. Alle genannten Philosophen liefern Teilerklärungen gewisser Aspekte der Religionen. Man beachte eine zutreffende und so menschenmöglich vollständige Geschichte der Religion, die alle Faktoren und Interaktionen berücksichtigen würde, könnte nicht als Widerlegung des Theismus dienen. Keiner der hier angeführten Autoren hat eine solche Widerlegung im Sinn. Doch der Versuch, die Religion natürlich zu erklären, trägt dazu bei, den Theismus zu widerlegen. Der Ausgangspunkt war ja dass eine Argumentation der religiösen Erfahrung auf supernaturalistische Behauptungen geliefert werden sollte. Die Überprüfung der Argumente bringt uns zu folgendem Schluss: Wir benötigen keine übernatürlichen Ursachen für die Erklärung dieser Erfahrungen, denn die letzteren lassen sich vollständig auf rein natürliche Weise mit Hilfe von psychischen Vorgängen und Dispositionen erklären, die uns auch anderweitig vertraut sind. Religiöse Einzelerfahrungen lassen sich nur vor dem Hintergrund der religiösen Tradition, in der sie gemacht worden sind, verstehen. Diese Tradition bedarf einer weiteren Erklärung. Gäbe es keine solche, hätte die Annahme von James eine gewisse Plausibilität, die Gesamtheit religiöser Erfahrung als eine Abfolge von Kontaktaufnahmen zu einem objektiv existierenden unsichtbaren Reich aufzufassen. Denn würden die neurotischen Charakterzüge der Mystiker die Grundlage bilden für die Aufnahmebereitschaft von Botschaften aus diesem Reich. Da es jedoch, wie es aufgrund der geschilderten Versuche anzunehmen ist, eine Reihe von Faktoren gibt, die alle diejenigen Elemente religiöser Traditionen ihrerseits erklären, wird James Annahme unplausibel. Die supernaturalistische Erklärung versagt, weil es eine einfachere naturalistische Erklärung gibt. Dass der Mensch ein natürliches, seelisches Bedürfnis nach einem Glauben verspürt, spricht nicht für, sondern gegen die Wahrheit des Theismus. Dieses Bedürfnis würde erklären, weshalb religiöse Überzeugungen entstehen und bestehen bleiben und verteidigt und verbreitet werden, wenn es keinen Grund mehr für die Annahme gibt, dass sie wahr sind. Jeder Erklärungsversuch bringt ein Stück Wahrheit ans Licht.