Zusammenfassung: Moderner Empirismus: Rudolf Carnap und der Wiener Kreis
Allgemein
In der empiristischen und analytischen Philosophie der Gegenwart steht die logische Sprachanalyse ganz im Vordergrund. Dabei wird die Alltagssprache durch künstliche Sprachsysteme ersetzt.
1) Motive für die Entstehung des modernen Empirismus
Forderungen des empirischen Philosophen:
1. Wissenschaftliche Begriffe müssen empirisch sein
2. Wissenschaftliche Aussagen müssen entweder rein logisch begründbar sein, oder müssen
sich erfahrungsmäßig bewährt haben.
Akzeptierte Aussagen müssen entweder analytische Aussagen a posteriori (d.h. logisch) oder synthetisch a posteriori (empirisch nachprüfbar) sein und nach Kant können synthetische Aussagen auch a priori sein (nicht aus Erfahrung, sondern aus Vernunft). Moderne Empiristen leugnen aber die These von Kant.
Mitteilungsproblem des modernen Empirismus: Wissenschaft muss mitteilbar werden und zu einer lebhaften Diskussion mit anderen führen. Die Mitteilung ist in der metaphysischen Philosophie nicht möglich, da sie nur mittels logische und mathematisch Zeichen oder durch empirische Begriffe geschehen kann.
2) Der Immanenzpositivismus und Erkenntnislehre von M. Schlick
Nach Schlick muss man auch solche Dinge als wirklich annehmen, die nicht gegeben sind, d.h. es besteht zwischen der phänomenalen Welt und der Welt der kantischen Dinge keinen Unterschied. Wissenschaftliche Begriffe sind gegenüber Alltagsvorstellungen präzise, denn aufgrund genauer Definitionen ist stets eine Entscheidung darüber möglich, ob ein Gegenstand unter einem solchen Begriff fällt oder nicht. Um an wissenschaftliche Erkenntnis zu gelangen, muss ein Minimum an Begriffen verwendet werden.
3) Definitionen und Explikationen von Begriffen
- Nominaldefinitionen: Festsetzungen, in denen ein längerer sprachlicher Ausdruck durch ein
kürzeren ersetzt wird. Wichtigste Abart: Gebrauchdefinitionen, die Ausdrücke als Bestand-
teile ganzer Sätze definieren.
- Realdefinitionen: machen Aussagen über das Wesen von Gegenständen. Begriffs-
explikationen von Carnap: ein vager und mehrdeutiger Ausdruck der Alltagssprache zu
präzisieren. Begriffsexplikation kann nicht wahr oder falsch sein, sondern nur mehr oder
weniger adäquat.
- Axiome oder Grundsätze: werden an den Anfang gestellt und alle übrigen Aussagen werden
daraus aus rein logische Ableitung gewonnen. Axiome sind bloße Aussageformen, die weder
wahr noch falsch sind.
4) Aussage und Aussagesinn
- Empirisches Sinnkriterium: Die Verifizierung (unter welchen Bedingungen Sätze falsch
sein können) einer Aussage bildet eine notwendige und hinreichende Bedingung, um sie als
empirisch sinnvoll ansehen zu können.
- Metaphysische Aussagen erfüllen nicht das empirische Sinnkriterium, daher sinnlos. In ihren
Wörtern können keine empirischen Kennzeichen angegeben werden oder ihre Aussagen sind
in einer syntaxwidriger Weise zusammengestellt (z.B. Cäsar ist eine Primzahl). Nach Carnap
sind die Probleme der Metaphysik nur Scheinprobleme.
5) Die Struktur der empirischen Erkenntnis
- Carnap versuchte in seinem „Logischen Aufbau der Welt“ sämtliche empirische Begriffe in
einem systematischen Ableitungszusammenhang zu bringen. Dabei muss die Basis so ge-
wählt werden, dass sich die undefinierten Grundbegriffe auf unmittelbar Aufweisbares, also
auf erlebnismäßig Gegebenes beziehen.
- Im Wiener Kreis wurde der Gedanke der Einheitswissenschaft vertreten und die Forderung
erhoben, eine Einheitssprache der Wissenschaft anzugeben, in der sich jede wisssenschaft-
liche Behauptung ausdrücken lässt. Eine derartige Sprache muss intersubjektiv und universal
sein. Nach Neurath und Carnap kann das nur die Sprache der Physik (sog. „Physikalismus“)
diese Forderungen erfüllen.
- Popper setzt an die Stelle der induktiven Methode die deduktive Methode der Nachprüfung
empirischer Theorien. Erst wenn die Hypothesen aufgestellt sind, kann man sie überprüfen.
Die Überprüfung besteht nach Popper darin, dass man die Hypothese zu falsifizieren (zu
widerlegen) versucht.
- Carnap ersetzt die Begriffe der Verifizierbarkeit und Falsifizierbarkeit durch die viel allge-
meineren Begriffe der Bestätigungsfähigkeit und Prüfbarkeit von Aussagen.
Daraus entwickelt er das endgültige Sinnkriterium, das besagt, dass eine synthetische Aus-
sage dann als empirisch bezeichnet wird, wenn die Aussage Bestandteil einer empirischen
Sprache ist und nach präzisen Syntaxregeln aufgebaut ist und deren Aussagen bestätigungs-
fähig sind.
6) Semantik und logische Syntax
- Carnap versucht die inhaltliche Redeweise in eine formale Redeweise zu übersetzen und
vereinbart so scheinbar unverträgliche philosophische Standpunkte (z.B. Phänomenalismus
und Realismus).
- Die Wahrheitsbedingungen eines System werden in den Wahrheitsregeln „wahr in S“
formuliert.
- Das Präfix „L“ wird einem semantischen Begriff vorangestellt, wenn er „aus rein logischen
Gründen“ auf etwas anwendbar ist und das logische vom Nichtlogischen trennt.
Wichtigste Begriffe: L-Wahrheit und L-Implikation
- In der reinen Syntax werden künstliche Sprachsysteme aufgebaut, die aber im Gegensatz zur
früheren Axiomatik auf jegliche Interpretation verzichtet. Nur die Metasprache ist inhaltlich
von Bedeutung.
Würdigung
Empiristische Philosophen unterscheiden sich von anderen dadurch, dass sie keine definitiven und endgültigen Wahrheiten liefern, sondern sie versuchen, Begriffe zu präzisieren, eine exakte Wissenschaft aufzubauen und Klarheit zu verschaffen über das Verfahren der Einzelwissenschaften.
Carnap vergleicht sich selbst mit einem Ingenieur, der z.B. mit einer Konstruktion und Entwicklung neuer Flugzeugtypen beschäftigt ist. Auch der Philosoph ist nach ihm ein Konstrukteur, aber nicht von materiellen technischen Gebilden, sondern von Wissenschaftssprachen.