Sören Kierkegaard
(1813-1855)
Christ- Kirchenkritiker- Theologe-
Philosoph
„Das Große ist nicht, dieses oder jenes
zu sein, sondern man selbst zu sein; und das kann ein jeder Mensch, wenn er es
will.“
Sören Kierkegaard
(1813-1855)

Gliederung:
1. Biographie
2. Grundcharakteristika
seines Denkens
3. Kierkegaard
als Christ und Kirchenkritiker
4. Entweder-
Oder
4.1 Stadien der Existenz
4.2 Argument
der Wahl
4.3 Das Tagebuch des Verführers- die gesteigerte
Form des
Ästhetikers
5.Sören Kierkegaards späte Auswirkungen auf Heute
1. Biographie
Sören Kierkegaard wird am 5. Mai 1813 als jüngstes von sieben Kindern eines wohlhabenden Kaufmannes in Kopenhagen geboren.
Ab 1830, im Alter von 17 Jahren, beginnt er Theologie, später auch Ästhetik und Philosophie, an der Universität in Kopenhagen zu studieren. Sein Vater ist und bleibt in diesen Jahren die dominierende Gestalt in Kierkegaards Leben. Nachdem die Mutter und fünf seiner Geschwister innerhalb weniger Jahre sterben, ergreift den Vater eine tiefe religiöse Verzweiflung. Er empfindet die Ereignisse als Strafe Gottes für eine in früheren Jahren begangene Auflehnung gegen Gott. Und genau diese Verzweiflung und Melancholie färben die frühen Jahre Sören Kierkegaards.
Im Jahre 1840 verlobt er sich mit der 17-jährigen Regine Olsen, löst ein Jahr später ohne äußeren Anlass jedoch die Verlobung wieder auf. Er selbst ist der Meinung, dass er auf Liebe und Ehe verzichten müsse, um eine Aufgabe zu erfüllen, die nur ihm allein auferlegt sei, nämlich „in schrecklichen Leiden entdecken, was den anderen zugute kommt.“ [1]
Er verlässt daraufhin Kopenhagen und reist nach Berlin.
Dort beginnt ab 1843 seine Karriere als Publizist. Er veröffentlicht Bücher, Zeitschriften und Predigten unter Pseudonymen. Auch erscheint Kierkegaards programmatisches Hauptwerk „Entweder-Oder“ mit dem berühmt- berüchtigten „Tagebuch eines Verführers“. Der letzte Teil von „Entweder-Oder“ mit dem Titel „Ultimatum“ endet mit den Worten „denn nur die Wahrheit, die erbaut, ist Wahrheit für dich.“[2]
Er wirft der Kirche Verrat am Christentum vor, schreibt äußerst aggressive Flugschriften und hat heftige Auseinandersetzungen mit den Bischöfen.
Am 2.November 1855 im Alter von nur 42 Jahren, erleidet er auf offener Straße einen Schlaganfall und stirbt an dessen Folgen.
Man kann sein Leben in einem Satz zusammenfassen:
„Sören Kierkegaard ist der Philosoph..., der von den menschlichen Grunderfahrungen Angst, Sorge und Tod ausgeht. Als Theologe ist er der Meinung, dass jeder nur allein für sich Jesus Christus nachfolgen könnte.
Jeder müsste unangepasst und kompromisslos einen persönlichen Leidensweg gehen.“[3]
2. Grundcharakteristika seines Denkens
Sören Kierkegaard gehört zu den großen eigenwilligen Denkern des 19. Jahrhunderts.
Seine Werke sind auch nicht systematisch aufgebaut.
Im Gegensatz zu Hegel ist er der Auffassung, dass allein Gott eine allumfassende Sicht habe, die aber die Vernunft aus ihrer Kraft nicht schaffen kann. Bei Hegel setzt das Existierende das Wesen voraus; es ist das Unmittelbare, mit dem sich das Wesen zur Erscheinung bringt. Kierkegaard dagegen will dem Individuellen, dem Innerlichen, d.h. dem Existentiellen gegenüber dem Wesentlichen wieder zum Vorrecht verhelfen. Ihm geht es nicht um den aufhebbaren Charakter jedes einzelnen Menschen. Kierkegaard skizziert lediglich verschiedene typische Möglichkeiten des Menschseins und gibt den Lesern die Möglichkeit, selbstbestimmt über ihre Wahl nachzudenken. Kierkegaard wendet sich explizit gegen die Rationalität, indem er sagt: „Man frage mich, wonach man will, nur frage man mich nicht nach den Gründen.“ Von diesem Ort aus lässt sich auch der Titel Entweder/Oder als Angriff auf das vermittelnde Denken Hegels verstehen.
Seine Werke bestehen aus Essays, Aphorismen, Parabeln, fiktiven Briefen und Tagebuchaufzeichnungen, aus denen sich seine Anschauungen herauskristallisieren lassen.
Viele seiner Werke gibt er unter Pseudonymen heraus. Sie enthalten in sehr persönlicher Weise Literarisches, klarsichtige philosophische und psychologische Analysen und theologische Auseinandersetzungen.
In seiner Philosophie beschäftigt sich Kierkegaard intensiv mit den Problemen der menschlichen Existenz. Da er als Erster den Versuch unternimmt, die Ethik existentialistisch zu erklären, gilt er auch als Begründer des Existentialismus. Er kritisiert insbesondere den „überindividuell argumentierenden Idealismus“[4] Hegels. Im Gegensatz zu ihm betont Kierkegaard stark das unstete, zwiespältige Wesen des Menschen.
Sören Kierkegaard interessiert der Mensch als Individuum. Wodurch nun der Einzelne zum Individuum wird, das er ist, erklärt er in seinem Hauptwerk „Entweder- Oder“ biographisch an fiktiven Figuren. Er stellt das Individuelle über das Allgemeine.
Ihm geht es nicht um ewige Wahrheiten, sondern um Wahrheiten, die die Entscheidungen des Einzelnen beeinflussen und sein Leben verändern.
Die wirklichen Probleme entziehen sich demzufolge einer vernünftigen und objektiven Deutung.
Denn die Wahrheit ist für ihn immer subjektiv, niemals objektivierbar.
Ein philosophisches System, das das Leben durch logische Begriffe erklärt, trägt dazu bei, das Wesen des Lebens zu verschleiern. Somit sieht ein philosophisches System nach Kierkegaards Auffassung, die menschliche Existenz aus einer falschen Sicht.
Nach Kierkegaard schafft sich das Individuum durch seine Wahl selbst, „ es wird selbst als der, der er sein soll: es wird ein Selbst“[5], eine Wahl, die es unabhängig von allgemeinen und objektiven Kriterien oder Normen treffen muss.
„Der Mensch ist Geist. Was aber ist Geist? Geist ist das Selbst. Was aber ist das Selbst? Das Selbst ist ein Verhältnis, das sich zu sich selbst verhält, oder ist das an dem Verhältnis, das das Verhältnis sich zu sich selbst verhält; das Selbst ist nicht das Verhältnis, sondern, dass das Verhältnis zu sich selbst verhält.“[6]
Die Gültigkeit dieser Wahl lässt sich nur subjektiv erkennen, denn „die Subjektivität ist die Wahrheit“[7]. Wahrheit muss von der Existenz berührt und verwandelt werden.
Für den einzelnen Menschen geht es um die existentielle Wahl: entweder verfehlt er sein Leben und scheitert oder er gewinnt die Freiheit.
Doch was bedeutet Existenz?
Kierkegaard definiert den Begriff aus der menschlichen Selbsterfahrung. Diese ist für ihn die Erfahrung der Fremdheit zur Welt und zu sich selber, der inneren Zerrissenheit, der Angst, der Verzweiflung. Dies gilt es aber in voller Ehrlichkeit auszuhalten.
Er sieht die Selbsterfahrung oder auch das Selbstsein des Menschen als eine Art Prozess, eine Folge der Momente, in denen der Mensch eine Synthese aus Unendlichkeit und Endlichkeit vollzieht, die der erfüllte Augenblick darstellt.
Der Mensch an sich ist auch eine Synthese von Unendlichkeit und Endlichkeit, von Zeitlichem und Ewigem, von Freiheit und Notwendigkeit- eine Synthese.
Das Selbstsein ist dem Menschen also nicht gegeben, sondern Aufgabe deren Verwirklichung seiner Freiheit aufgegeben ist.
Sören Kierkegaards Denken ist durch und durch ein „Ruf zur Entscheidung“[9].
Mit diesem pietistischen Ausdruck lässt sich am besten beschreiben, was der dänische Denker philosophisch beabsichtigt, nämlich, dass sein Denken ganz und gar im „Christusgeschehen“[10] der Bibel verwurzelt ist.
3. Kierkegaard als Christ und Kirchenkritiker
Sören Kierkegaard ist und bleibt ein überzeugter Christ, aber auch ein Einzelgänger.
Zu Anfang des 19. Jahrhunderts verkündet er, dass Gott und das Christentum anders, vor allem aber, nach dem biblischen Zeugnis, viel herausfordernder seien als es sich ein normaler Bürger oder Kirchengänger vorstellen könne. Immer geht es ihm um das Recht des einzelnen Menschen und um die Existenz vor Gott.
Philosophisch ist für ihn alles, was Hegel einmal gesagt hatte, ein „Gräuel“[11], geistlich betrachtet ist es ihm die dänische Staatskirche.
Schonungslos greift er die dänisch-lutherische Staatskirche an. Ihr wirft er Verrat am Christentum vor, denn sie gebe durch ihre Dogmen vor, objektive und absolute Wahrheiten zu besitzen, statt sich auf die Wahrheit der Bibel zu stützen.
Vor allem aber kritisiert er die Äußerlichkeiten des Kirchenglaubens, wie Taufe und Konfirmation. Er verspottet regelrecht diese religiösen Rituale und gerät in immer heftigere Auseinandersetzungen mit den Bischöfen.
Auch seinen ehemaligen Konfirmator Bischof Mynster greift er sehr vehement an. Er sieht in ihm das „gesamte Elend einer ruinösen Volkswirklichkeit in Dänemark personifiziert und symbolisiert“[12].
Kierkegaard ist der Meinung, dass das Leid unverzichtbar zum wahren Glauben dazugehört. Auch bemängelt er, dass das Christsein immer mehr eine Angelegenheit der Vielen wird. Christ zu sein ist für ihn nicht eine Sache der Menge, sondern der Einzelnen, die um ihre ewige Seligkeit bemüht sind.
„Glauben bedeutet den Verstand zu verlieren, um Gott zu gewinnen.“[13]
Immer stärker kritisiert er auch die europäische Gesellschaft wegen ihres Mangels an ethischem Wertbewusstsein.
4. Entweder – Oder
„Das Entweder-Oder, das ich aufgestellt habe, ist also in gewissem Sinne absolut; denn es ist die Entscheidung zwischen Wählen und Nichtwählen.“[14]
Erstmals erregte Kierkegaard das Aufsehen mit seinem berühmten Werk Entweder- Oder, welches 1843 erschienen ist, er teilt sein Buch in zwei Teile ein. Der Titel des Buches weist den Leser schon darauf hin, dass er mit zwei möglichen Optionen für sein Leben konfrontiert wird. Sören Kierkegaard ist ein Philosoph der Wahl.
Kierkegaard gibt sein Werk aber unter einem Pseudonym heraus und verbirgt sich hinter der Maske des Victor Eremita, der sich neutral verhält, da seiner Meinung nach keiner von beiden Standpunkten der einzig Wahre ist.
Der erste Teil setzt sich zusammen aus den Papieren des Ästhetikers, der vom Herausgeber als A bezeichnet wird, welche eher von exklusiver Natur sind. Der zweite Teil befasst sich mit den Texten des Ethikers, der in Gestalt eines Gerichtsrates auftritt und sich nur in Briefform äußert. In diesen Briefen versucht er den Ästhetiker herauszufordern und setzt einen Appell an seine Lebensweise.
Der Herausgeber gibt aber an, dass beide Papiere von ein und derselben Person geschrieben sein könnten, indem er erwähnt: „ Es wäre also ein Mensch, der in seinem Leben beide Bewegungen durchlaufen oder beide Bewegungen überdacht hätte.“[15]
Über den Charakter des Ästhetikers lässt sich schon etwas in Erfahrung bringen, als der Herausgeber seine Schwierigkeiten beschreibt, die Papiere des Ästhetikers zu ordnen und zu katalogisieren: „Die Papiere von A zu ordnen war nicht so leicht. Ich habe daher den Zufall die Ordnung bestimmen lassen, das heißt, ich habe sie in der Ordnung belassen, in der ich sie vorfand, natürlich ohne entscheiden zu können, ob diese Entscheidung chronologischen Wert oder eine ideelle Bedeutung hat.“[16]
„...ohne entscheiden zu können“ zeigt sich hier schon die Unmöglichkeit der Entscheidung, welche das Leben des Ästhetikers stark betont.
Der Ethiker hingegen ist ein Mann, der ein geordnetes Leben führt und dessen ethische Auffassung im unbeirrten Glauben an Gott, an die Ehe und die Gesellschaft begründet ist. Er bindet sein Leben an Glaube und Dienst, er ordnet es einem Projekt zu, dem er sich verpflichtet.
4.1 Die Stadien der Existenz
Kierkegaard ist selbst als ein schwermütiger Mensch bekannt. Es lässt sich spekulieren, ob er gerade aus dieser Schwermut heraus sein Werk entstehen hat lassen. Er stellt die ästhetische, also sinnliche und die ethische Lebensweise mit der religiösen Existenz gegenüber. Er teilt die Existenz also in drei Stadien ein, das ästhetische, das ethische und das religiöse Stadium.
Ein Mensch, der sich im ästhetischen Stadium befindet, strebt ständig nach dem Genuss, wie zum Beispiel Frauen, Essen, Spiel etc., er hat wie ein Romantiker ein spielerisches Verhältnis zur Realität. Er lebt also für den Augenblick und interessiert sich nicht dafür, was später einmal ist. Um zu zeigen, wie befangen der Ästhetiker in seinem Glück ist, führt Kierkegaard das Beispiel Mozarts Oper „Don Giovanni“ an, welche er A in den Papieren „das Musikalisch-Erotische“ selbst ausführen lässt. Hier wird die absolute Sinnlichkeit in Form von Musik dargestellt.
Der Mensch hat eine Fülle von Entscheidungsmöglichkeiten, macht aber keinen Gebrauch davon, da er sich eher beobachtend verhält und nicht tätig wird, damit er keine Verantwortung übernehmen muss. Der Ästhetiker interessiert sich nur dafür, was seine Stimmung hebt oder den Genuss wegnimmt.
Er verdrängt alle negativen Gedanken wie Sterben und Tod aus seinem Kopf, um nicht den Genuss zu verderben. Daraus folgt, dass der Mensch aber auch sehr anfällig ist für Gefühle der Leere und der Angst, was unweigerlich eine innere Verzweiflung entstehen lässt. Er verfällt in eine Art Daseinsleere und bleibt im wesentlichen Sinne unwirklich. Diese Leere und Verzweiflung ist aber notwendig um in das nächste Stadium zu springen. Erst wenn der Mensch sich seine Verzweiflung eingesteht und versteht, dass er aus vielen Möglichkeiten die Wahl zwischen Gut und Böse hat, kann er in das zweite Stadium, nämlich das ethische Stadium übergehen, denn Wählen heißt existieren. Es ist nicht wesentlich, was man für richtig oder für falsch hält, wichtig ist, dass man sich überhaupt entschließt, zu dem was richtig oder falsch ist, zu verhalten.
Um dies zu verdeutlichen, lässt Kierkegaard, den Gerichtsrat ein Beispiel anführen, welches von einem Kapitän handelt. Immer wenn die Matrosen ein Kommando fordern, überlegt der Kapitän hin und her, was wohl zu befehlen sei und über seinen Überlegungen vergisst, dass das Schiff in diesem Moment völlig steuerlos dahin treibt und auflaufen könnte. Er überlässt das Schiff sich selbst, ohne die Macht des Navigierens zu nutzen. Dieses Bild kann leicht auf das Leben des Ästhetikers übertragen werden. Er achtet nicht, auf die Möglichkeit grundsätzlich zu wählen und verheddert sich in Indifferenz.
Das ethische Stadium ist geprägt von Ernst und konsequenten Entscheidungen. Dort wird der Mensch zum Pflichtmenschen. Er muss die Courage aufbringen, sich zu entscheiden, denn wer entscheidet ist frei und gelangt zur Wirklichkeit und gewinnt Stand im Dasein. Der Einzelne muss sich in seiner Verzweiflung selbst wählen, dann findet der Mensch zu sich selbst und findet seine Aufgabe. Er lebt nach dem Prinzip des Entweder- Oder und entscheidet nach moralischen Maßstäben. Doch auch hier enden Kierkegaards innersten Gedanken noch nicht, auch im ethischen Stadium entdeckt der Mensch, dass er nicht durch sich selbst zum Selbst finden kann, welches das tiefste Zeichen seiner Endlichkeit ist.
Der Mensch hat Angst mit seinen Möglichkeiten der freien Wahl allein zu sein, die ihm die Grenzen der Freiheit bewusst machen.
Dies führt wiederum zu einer erneuten Verzweiflung und der Ethiker erkennt, dass er nicht die Bedingungen besitzt um ethisch zu leben, weil er unter der Sünde steht, nämlich der Erbsünde. Der Mensch zerriss vor Tausenden Generationen das Band, welches ihn in das Gesamt des göttlichen Seins einschloss. Der Mensch missachtete das einzige Gebot Gottes, nämlich als Adam und Eva vom verbotenen Baum der Erkenntnis einen Apfel aßen. Von nun an war der Mensch auf sich selbst gestellt und es gab keine Hoffnung wieder ins Paradies zurück zu kehren. Der Mensch begreift, dass er sich nicht allein aus der Sünde befreien kann, denn nur Gott kann die Bedingungen zur Wahrheit geben.
An dieser Stelle fällt der Mensch entweder zurück in das ästhetische Stadium, oder er schafft den Sprung in das letzte Stadium, das religiöse Stadium um sich Gott anzuvertrauen, indem er das Paradox in Kauf nimmt, dass er nur in Abhängigkeit von Gott zu seinem eigentlichen Selbst finden kann. Der Mensch entdeckt, dass sein endliches Wesen mit dem Unendlichen in Verbindung steht und nur wer dessen Verhältnis bewusst ist, ist ein Selbst. Nun erhält der Mensch den nötigen Trost in seiner Verzweiflung und zugleich Anweisungen für sein Selbstwerden, sein Handeln und seine Entscheidungen.
Die Verzweiflung wird überwunden, wenn sich „das Selbst durchsichtig in der Macht [gründet], welche es gesetzt hat“[17], das heißt, wenn es sich in Gott gründet.
Für die Existenzphilosophen und vor allem für Sören Kierkegaard ist die Wahl ein wichtiges Thema. Dadurch haben wir meistens die Möglichkeit unser Leben und dessen Lauf selbst zu bestimmen, anders als bei Tier und Pflanze.
Die Wahl ist das entscheidende Argument, welches der Ethiker gegen den Ästhetiker vorzubringen hat. Die Wahl ist immer eine ethische, denn der Ästhetiker wählt nicht.
„Die Wahl ist entscheidend für den Gehalt der Persönlichkeit; durch die Wahl sinkt sie in das Gewählte hinab, und wenn sie nicht wählt, welkt sie in Auszehrung dahin.“[18] Das Leben des Ethikers wird also durch die Wahl bestimmt und erst dadurch bildet sich seine Persönlichkeit heraus. Doch durch Immerfortwährendes wählen müssen, begibt sich der Ethiker auf einen unbegrenzten Regress, denn alles wird von der Forderung wählen zu müssen eingeschlossen.
Der Wählende fühlt sich also immer gezwungen zu wählen. Für den Ethiker läuft das Leben stetig vorwärts und setzt entweder das Eine oder das Andere voraus, was durch die Wahl entschieden werden muss. Es gibt demnach keine Zeit für Gedankenexperimente.
Wer aber nicht wählt, der verliert sich selbst, weil er sich der eigenen Wahlfreiheit beraubt, da Dritte für ihn, aus der Notwendigkeit heraus, wählen müssen. Der Ethiker sichert sich hier die Autonomie über die eigene Wahl. Selbstbestimmung durch die eigene Wahl, ist die moralische Maxime des Ethikers.
Die Autonomie durch Selbstbestimmung birgt aber auch Gefahren in sich, nämlich die der Verinnerlichung. Der Ethiker sieht sich als ein Subjekt, das sein verborgenes Selbst auffinden soll. Er ist immer auf der Suche nach seinem eigenen und wahrhaften Selbst.
Die ästhetische Wahl ist für den Ethiker keine Wahl an sich, denn sie verliert sich in der Vielfältigkeit, im Moment. Ihr fehlt eine letzte Konsequenz, die ethische Entscheidungsmotivation, die aus der Bewusstheit des Selbst resultiert.
„ Die ästhetische Wahl ist entweder unmittelbar und insofern keine Wahl, oder sie verliert sich in der Mannigfaltigkeit [...] weil das Selbstbestimmende in der Wahl nicht ethisch akzentuiert ist und weil, wenn man nicht absolut wählt, nur für den Moment wählt und deshalb im nächsten Moment etwas anderes wählen kann.“[19]
Der Ethiker stützt seine Wahl auf etwas Höheres, denn wer das Ethische wählt, wähle das Gute. Dies ist zwar noch völlig abstrakt, aber „indem man absolut wählt, kann man das Ethische wählen“[20] und somit das Gute.
Da die ethische Wahl eine primäre Handlung ist, wird sie zur absoluten Wahl. Die ethische Wahl ist also generell über die Ästhetische zu stellten, weil diese immer a priori die Indifferenz sei.
4.3 Das Tagebuch des Verführers-
die gesteigerte Form des Ästhetikers
Der Verfasser des „Tagebuchs des Verführers“ ist als eine gesteigerte oder besser reinere Form des Ästhetikers zu verstehen, da er sich immer mehr von den Grundsätzen des Ethikers entfernt, um so das ästhetische Leben besser auskosten zu können.
In diesem Teil des Entweder-Oder tritt A nun nicht mehr als Autor auf, sondern als Herausgeber jener Aufzeichnungen, die ein gewisser Johannes verfasst hat, von dem nichts bekannt ist, weder Alter, Beruf oder Herkunft, außer, dass er Tagebuch führt. Mit diesem Positionswechsel will Kierkegaard zeigen, dass sich selbst A als Ästhetiker von dieser höheren Form, die fast als Ästhetizismus bezeichnet werden kann, distanziert.
Hier wird bereits die Doppeldeutigkeit des Wortes Ästhetik erkennbar. Die eine Seite der Ästhetik bezieht sich auf den Genuss des Lebens, aber andererseits ist dieser Genuss in künstlerischer Form reproduzierbar. Johannes genießt also nicht nur einmal die Unmittelbarkeit seines Genusses, sondern auch ein zweites Mal, wenn er seine amourös- verführerischen Erlebnisse niederschreibt. Dies ist die letzte Phase des Genussstrebens, da kein neues, unbekanntes Objekt mehr zu finden ist.
Im Folgenden beschreibt A, eine perfekt geplante Verführung eines jungen Mädchens, von der ersten Begegnung bis zur erfolgreichen Vereinigung. Der Verführer weiß genau, was er will und schafft es, dass die Auserwählte ihm von alleine gibt was er will.
Er sucht sich ein siebzehnjähriges Mädchen, welche noch vor kindlicher Naivität strotzt aus und wird zur Projektionsfläche seiner Phantasien. Johannes fügt sich in das Haus ein, indem Cordelia lebt. Er befreundet sich sogar mit einem jungen Mann namens Edward, der bereits um Cordelias Hand anhalten möchte, sich aber noch nicht traut und zurückhält. Der Tagebuchschreiber unterstützt nach allen Kräften die Werbung Edwards und verteilt gute Ratschläge. Doch diese Ratschläge enthalten das Gift seines eigenen perfiden Plans. Erst kurz bevor Edward seine Gefühle Preis geben will, bringt sich Johannes geschickt ein, denn Cordelia ist es längst Leid Edward zuzuhören, weil sie dem Verführer schon verfallen ist.
Johannes Verhalten Cordelia gegenüber ist stets provokant: er beachtet sie nicht, unterhält sich mit ihrer Tante und bringt sie in Verlegenheit. Als Edward sich endlich dazu entscheidet um Cordelias Hand anzuhalten, ist sie bereits in das widerstreitende Wesen des Verführers eingehüllt, hin und her geworfen von kalter Ironie und unscheinbaren liebevollen Winken, die sich nie auf sie direkt beziehen. Johannes verfolgt sein Ziel mit gnadenloser Kaltblütigkeit, indem er die Menschen als Schachfiguren sieht, die er nach Kalkül setzt und zieht.
Auch die Tante hat er bereits umsponnen und es gelingt ihm sich vor Edward mit Cordelia zu verloben. Diese Verlobung soll Cordelia das Gefühl geben, sie würde etwas erleben, das etwas Außergewöhnliches ist.
Doch Johannes macht sich schon Gedanken, wie er der Verlobung wieder entkommen kann, denn Ehe ist etwas zutiefst ethisches und für ihn eher Freiheitsberaubung als Sinngebung.
Selbst wird er die Verlobung nicht lösen, er zieht sich anders aus der Affäre: „Bald ist das Band der Verlobung gebrochen. Sie selbst ist es, die es löst, um mich durch diese Ungebundenheit womöglich noch stärker zu fesseln...“[21].
Von jetzt an vertauschen sie die Rollen, denn das Ende dieser Verführung ist bald erreicht: das Opfer möchte um nichts mehr als sich verführen zu lassen, und der Verführer wird dadurch zum Vollstrecker ihres Verlangens. Für diesen letzten Akt, plant Johannes einen Landaufenthalt und Cordelia willigt ein. Sie treffen sich in einem Haus, das Johannes mit Perfektion präpariert hat. Alles fügt sich zusammen, die Räumlichkeiten und das ausgeklügelte Arrangement der Gegenstände lässt Cordelia der Verführungskunst des Johannes widerstandslos erliegen.
Jetzt ist er am Ziel. Er genießt Cordelia ein einziges Mal und nach mehr verlangt ihm nicht.
„... nun ist es vorbei, und ich wünsche sie nie mehr zu sehen. Wenn ein Mädchen alles hingegeben hat, so ist sie schwach, so hat sie alles verloren... von nun an kann sie meine Seele nicht mehr beschäftigen.“[22]
5. Sören Kierkegaards späte Auswirkungen auf heute
Der Ernst, die Unerbitterlichkeit in seinem Denken und die schillernde Vielfalt seiner Pseudonyme hätten allein schon ausgereicht eine Veränderung im kirchlichen und gesellschaftlichen Establishment Kopenhagens hervorzurufen.
Doch die Funken dieser geistigen Explosion sprühten bis in die Geister der umliegenden Länder.
Da Kierkegaard alles in seiner Muttersprache schrieb, gelangten deutsche Übersetzungen seiner Werke erst Anfang des 19. Jahrhunderts zu uns und verbreiteten sich in den zwanziger Jahren weiter in den französisch- und amerikanischsprachigen Raum.
Heutzutage ist Existenzphilosophie ohne Kierkegaard undenkbar.
In bedeutender Weise prägte er auch seine Nachfolger Karl Barth, Friedrich Gogarten und Rudolf Butmann.
Indem Kierkegaard für den religiös Suchenden wie für den philosophisch Fragenden jeglichen Halt zerschlägt und den Einzelnen immer wieder in den ungewissen Grund seiner Existenz zurückwirft, leistete er die entscheidende Vorarbeit für den noch immer „unbegriffenen, erst recht unbeherrschten Erdrutsch“[23], den die Menschheit im Zeitalter der beiden ersten Weltkriege erlebt hat.
Man kann von Kierkegaard sagen, dass kein Mensch, der von ihm gelesen hat, unverändert aus dieser Geisteswelt herausgeht, allgemein gesagt, dass die Welt nach Kierkegaard unwiderruflich anders aussieht als vor ihm. Und dies kann nur von den wirklich Großen wie Sokrates oder Kant gesagt werden.
Literaturangabe:
1) Burkard, Franz-Peter/ Kunzmann, Peter/ Wiedmann, Franz: Dtv-Atlas Philosophie, München, 2003.
2) Kierkegaard, Sören: Entweder-Oder, München, 1988.
3) Kierkegaard, Sören: Die Krankheit zum Tode, München,1988.
4) Pieper, Annemarie: Einführung in die Ethik, Tübingen u.a., 2003.
5) Röd, Wolfgang: Der Weg der Philosophie, München, 2000.
6) Störig, Hans-Joachim: Kleine Weltgeschichte der Philosophie,
7) Unbekannter Verfasser: Sören Kierkegaard, in http: www.kierkegaard.de, 16.6.2004.
8) Weischedel, Wilhelm: Die philosophische Hintertreppe, München, 1999.
[1] Unbekannter Verfasser: Sören Kierkegaard, S.2.
[2] Ebd.
[3] Röd, Wolfgang: Der Weg der Philosophie, S.448.
[4] Ebd.
[5] Pieper, Annemarie: Einführung in die Ethik, S.264.
[6] Kierkegaard, Sören: Die Krankheit zum Tode, S.133.
[7] Weischedel, Wilhelm: Die philosophische Hintertreppe, S. 233.
[8] Burkard, Franz-Peter u.a.: Dtv-Atlas Philosophie, S.162.
[9] Unbekannter Verfasser: Sören Kierkegaard, S.4.
[10] Störig, Hans-Joachim: Kleine Weltgeschichte der Philosophie, S.188.
[11] Ebd.
[12] Srörig, Hans-Joachim: Kleine Weltgeschichte der Philosophie, S.192.
[13] Weischedel, Wilhelm: Die philosophische Hintertreppe, S.237.
[14] Kierkegaard, Sören: „Entweder-Oder“, S. 728.
[15] Kierkegaard, Sören: „Entweder-Oder“, S.23/24.
[16] A.a.O. , S. 19
[17] Kierkegaard, Sören: „Die Krankheit zum Tode“,Abt.26, S.10.
[18] Kierkegaard, Sören: „Entweder-Oder“, S.711.
[19] Kierkegaard, Sören: „Entweder-Oder“, S.715/16.
[20] A.a.O. , S. 728.
[21] Kierkegaard, Sören: „Entweder-Oder“, S.498.
[22] Kierkegaard, Sören: „Entweder-Oder“, S.521.
[23] Störig, Hans Joachim: Kleine Weltgeschichte der Philosophie, S.194.