Martin Heidegger
1889-1976

"Doch das Sein -
was ist das Sein? Es ist Es selbst. Dies zu erfahren und zu sagen, muss das
künftige Denken lernen." Zitat aus Platons Lehre von der
Wahrheit mit einem Brief über den "Humanismus", Francke
Verlag Bern, 1975
1. Heideggers Leben – Eine kurze Biographie:
1889 26. September: Martin Heidegger wird in
Meßkirch in Baden geboren.
1909 Nach dem Abitur beginnt er mit
Unterstützung der katholischen Kirche das Studium der Theologie in Freiburg
(Breisgau). Zu diesem Zeitpunkt will er noch Priester werden.
1911 Heidegger beginnt Mathematik,
Naturwissenschaften und Philosophie zu studieren.
1913 Promotion über „Die Lehre vom Urteil
im Psychologismus. Ein kritisch-positiver Beitrag zur Logik“.
1916
Abschluss seines Studiums mit
einer Habilitation in Philosophie.
1919 Assistentenstelle in Freiburg bei
Edmund Husserl, mit dessen Phänomenologie er sich kritisch auseinandersetzt.
1922 Bau seiner Hütte in Todtnauberg
(Schwarzwald), auf die er sich bis zu seinem Lebensende immer wieder
zurückzieht.
1923 Außerordentlicher Professor der
Philosophie in Marburg.
1927 Heidegger veröffentlicht sein
Hauptwerk „Sein und Zeit“.
1928 Berufung nach Freiburg, wo er
Nachfolger von Husserl als Institutsdirektor wird.
1929
Intensive Auseinandersetzung mit
der Philosophie von Friedrich Nietzsche.
1931 Heidegger schätzt an Adolf Hitler
dessen Bereitschaft zum Handeln.
1933 Nach der Machtübergabe durch die
Nationalsozialisten schließt sich Heidegger der NSDAP an, von der er den
„Neubeginn des deutschen Schicksals“ erwartet. Er wird Rektor der Freiburger
Universität, die er zur Basis einer neuen Besinnung umwandeln will. In seiner
Antrittsrede „Die Selbstbehauptung der deutschen Universität“ zieht er
Parallelen zwischen dem Dienst des Gelehrten am Wissen und dem Dienst des
Soldaten im Heer sowie des Arbeiters in der Produktionsstätte. In weiteren
öffentlichen Reden kritisiert er aus seiner romantisch-konservativer Haltung
heraus die Entpersönlichungs- und Entfremdungserscheinungen der modernen
Gesellschaft.
1934 Er tritt vom Rektorat zurück, weil
er zum einen ungeeignet für Verwaltungsaufgaben ist, zum anderen Differenzen
mit dem Lehrkörper der Universität und übergeordneten Stellen hat.
In der
Folgezeit zieht er sich enttäuscht zurück, wird aber auch „ausgeschaltet“, da
er die Rassenlehre und andere grundlegende Ideen des Nationalsozialismus nicht
akzeptiert.
1936-38 In völliger Einsamkeit arbeitet Heidegger
sein zweites Hauptwerk „Beiträge zur Philosophie“ aus, das posthum 1989
veröffentlicht wird.
1947 Nach einem langwierigen
Entnazifizierungsverfahren wird ihm von den französischen Besatzungsbehörden
die Lehrbefugnis entzogen.
In dem
„Brief über den Humanismus“ verbindet er den Humanismus mit der Metaphysik und
mit dem Aufstand des Menschen, der nur noch um sich selbst kreist.
1950 Nach der Aufhebung des Lehrverbots
hält er bis 1967 Seminare für einen kleinen Kreis von Hörern in Freiburg, u. a.
die Vorlesung „Was heißt Denken?“.
1952 Emeritierung.
1974 Beginn der über 100-bändigen Gesamtausgabe
seiner Werke.
1976 26. Mai: Martin Heidegger stirbt in
Freiburg.
1.1
Seine Werke
Hauptwerke:
1927 Sein und Zeit
1953 Einführung in die Metaphysik
weitere wichtige Werke:
1929 Was ist Metaphysik?
1950 Holzwege
1954
Was heißt Denken?
1959 Unterwegs zur Sprache
1970 Phänomenologie und Theologie
2. Heideggers Philosophie
Martin Heidegger gehört zu
den einflussreichsten Denkern des 20. Jh. Seine Wirkung erstreckt sich über die
Philosophie hinaus auf die Theologie, Psychologie und Literaturwissenschaft.
Der Philosoph hat sich immer wieder der Frage gestellt, was Philosophie ist und
wie man sie noch betreiben kann, ohne zum bloßen Verwalter des Überlieferten zu
werden. Er hat immer daran festgehalten, dass Philosophie mehr ist als ihre
eigene Geschichte, denn sie kann es vermeiden, zur historischen Forschung zu
werden, indem sie sich einer sachlichen Frage unterstellt. Nach Heidegger, ist
es die Frage nach dem Sein. Im Allgemeinen weiß man nicht genau, was damit
gemeint ist und um Heidegger zu verstehen, sollte man die Seinsfrage erst
einmal in den Hintergrund stellen.
Außer von Husserl wurde Heidegger von der
griechischen Philosophie, insbesondere Platon und Aristoteles, dem dänischen
Philosophen Sören Kierkegaard sowie Friedrich Nietzsche beeinflusst. Viele
seiner Gedanken sind in der Auseinandersetzung mit dessen Philosophien gewonnen
und in Textinterpretationen dargestellt.
In seinen Hauptwerken lässt sich anfangs
noch keine philosophische Eigenständigkeit erkennen, es sind solide akademische
Arbeiten ohne eigenständige Akzente.
Doch mit entsprechender Aufmerksamkeit,
lassen sich die zentralen Motive, Erfahrung der Geschichte und unverstellte
Erfahrung des eigenen Lebens, erkennen. Mit der Wirksamkeit dieser Motive
zeichnet sich Heideggers eigenständige Philosophie ab, die in den zwanziger
Jahren und in der Zeit nach dem zweiten Weltkrieg ihren Höhepunkt erreichte.
Seine Philosophie lässt sich in drei
zeitliche Phasen gliedern, in denen er sich mit dem Problem eines „Sinn von
Sein“ (1922-1933), der „Wahrheit des Seins“ (1934-1946) und der „Ortschaft des
Seins“ (1947-1976) auseinander setzte.
2.1 Sein Hauptwerk „Sein und Zeit“
Mit seinem Hauptwerk „Sein und Zeit“
(1927), mit dem er die Fundamentalontologie[1]
begründet, will er die Frage nach dem „Sinn von Sein“ neu stellen. Dabei steht
die Problematik der Subjektivität im Zentrum seiner Philosophie. Mit der Frage
nach dem Sinn von Sein sucht er nach der Synthese von Erkennen und Gegenstand.
Er differenziert zwischen zwei wesentlichen Grundlagen: Erstens das „Seiende“,
ist das was ist – Dinge, Menschen, Welt und Gott, zweitens das „Sein“, ist das
was Dinge, Menschen, Welt und Gott zu dem macht was sie sind.
Zur Beantwortung der Seinsfrage analysiert
Heidegger das Sein des Menschen – „DAS DASEIN“. Der Ausgangspunkt ist somit der
Mensch, weil dessen Sein durch Seinsverständnis ausgezeichnet ist, welches sich
in der Sprache, im alltäglichen Zutunhaben mit den Dingen und im Umgang mit den
Mitmenschen ausdrückt. Das Sein dient
dabei als Ansatzpunkt der Daseinsanalytik. Diese hat die Bestimmung dessen zum
Ziel, was das Wesen des Seins, sein Sinn und sein Ziel sei. „Das Dasein ist als
verstehendes Seinkönnen, dem es in solchem Sein um dieses als das eigene geht.
… Dasjenige Sein selbst, zu dem als seinem eigenen das Dasein sich so oder so
verhalten kann und immer irgendwie verhält, nennen wir Existenz.“[2] – Die
Tatsache, dass ich meiner selbst bewusst bin.
Ein bedeutendes Thema der
Existenzphilosophie ist, im Unterschied zum Tier oder Pflanze, das der Freiheit
der Wahl des Menschen keine festgelegte Natur zukommt. Die Wahl ist wesentlich
und auch unumgänglich für die menschliche Existenz, denn auch die Weigerung,
eine Wahl zu treffen, ist eine Wahl. Dies zieht aber auch Verantwortung nach
sich, denn wer seinen eigenen Weg frei wählen kann, muss auch die Verantwortung
und das Risiko für die Entscheidung, wo sie auch immer hinführen mag, eingehen.
In der Fundamentalontologie Martin Heideggers ist das Sein die ihres
Daseins bewusste Existenz. Die Existenz
selbst steht in dem Spannungsverhältnis zwischen Eigentlichkeit und
Uneigentlichkeit, wobei der Sinn von Sein sich in der Eigentlichkeit erfüllt. Die Existenz wird vom jeweiligen
Dasein (dem Menschen) selbst entschieden, in der Wahl seiner eigensten
Möglichkeiten.[3] Verwirklicht es sich durch
seine Wahl selbst, so tritt es in die Seinsform der „Eigentlichkeit“, folgt es
jedoch dem Vorgegebenen, dem „Man“, so ist sein Sein „uneigentlich“.
Um dieses Sein ontologisch zu begründen,
untersucht Heidegger die Grundbestimmungen des menschlichen Daseins – er
erfasst diese als Existenzialien, die Seinsweisen des menschlichen Daseins
(Befindlichkeit, Geworfenheit, Rede, Verfallenheit, das Sein zum Tode, Gewissen
und Geschichtlichkeit).
Grundverfassung des menschlichen Daseins
ist das „In-der-Welt-sein“. Dieses wird geprägt durch „Sorge“, die
Grundstruktur, als Einheit von Existenzialität (Seinkönnen), Faktizität
(Geworfensein), Verfallenheit (man).[4] Die
Sorge als Seinsart der Bekümmerung, geht auch auf andere, im Kern aber immer
auf die eigene Seinsweise, d. h. der Mensch ist Dasein, das nicht nur ist,
sondern dem es immer auch um dieses Dasein geht.
Bei der genauen Auslegung des
„In-der-Welt-sein“ als Existenz geht Heidegger von der alltäglichen Situation
des Menschen aus.
Die Grundstimmung, -befindlichkeit des
Daseins, ist die Angst. Das WOVOR der Angst ist nicht etwas innerweltlich
Bestimmtes, sondern das >In-der-Welt-sein< als solches. In der Angst eröffnet sich die
Endlichkeit und Nichtigkeit, die als >Sein zum Tode< erfahren wird.[5]
Sie konfrontiert den Menschen mit der
Gewissenheit des Todes und der eigenen Vergänglichkeit. Dadurch wird für ihn
der wahre Sinn des Seins und des Lebens erfahrbar.
Der Tod offenbart die Unwiderruflichkeit
unserer Entscheidungen und ruft auf zum eigentlichen und eigenem Leben in
Freiheit und Selbstverantwortung.
Die Erfassung des Strukturganzen, des
Daseins, ist für Heidegger die Zeitlichkeit, denn Zeitlichkeit ist das Grundgeschehen des
Daseins.
2.2 Kernthese von Sein und Zeit
Der Sinn von Zeit ist zugleich das
ursprüngliche Wesen der Zeit. Und die Existenz, der Mensch, bildet die Stätte,
wo dieser Sinn von Sein aufgeschlossen daliegt, denn nur die Menschen besitzen
ein „Seinsverständnis“.
2.3 Sein
Spätwerk
Sein Spätwerk beginnt mit der Schrift „Vom
Wesen der Wahrheit“. Er selbst bezeichnet die Wandlung seines Denkens, die sich
etwa von 1930 an vollzieht, als Kehre. Wo er in „Sein und Zeit“ die Frage nach
dem Sinn von Sein vom Seinsverständnis des Daseins klärt, so ist es nun das Sein
selbst, das Seinsverständnis ermöglicht, in der Weise, in der es sich entbirgt.
So schrieb er in seinem Werk: „Der Mensch ist vielmehr vom Sein selbst in die
Wahrheit geworfen, daß er, dergestalt ek-sistierend, die Wahrheit des Seiende
hüte, damit im Lichte des Seins das Seiende als das Seiende, das es ist,
erscheine. … Ob und wie es erscheint, …, entscheidet nicht der Mensch.“[6] Die Ek-sistenz des Menschen bedeutet nun das
Stehen in der Lichtung des Seins. Lichtung meint hier, im Sinne von lichten,
etwas leicht, offen machen. Heidegger sieht nun nicht mehr im Dasein den
konstituierenden Ort der Wahrheit, sondern vertritt ein metaphysisches
Seinsverständnis. In der „Seinsvergessenheit“ drückt sich für den Philosophen
die wachsende Heimatlosigkeit des modernen Menschen aus.
Literaturverzeichnis
·
Figal, Günter: Martin Heidegger
zur Einführung, Junius Verlag, Hamburg, 1992.
·
Kunzmann, Peter / Burkard,
Franz-Peter / Wiedmann, Franz: dtv–Atlas Philosophie, München 11. Auflage,
2003.
·
Weischedel, Wilhelm: Die großen
Philosophen in Alltag und Denken. Die philosophische Hintertreppe, München,
1966.
·
Microsoft Encarta Enzyklopädie,
2001.
3. Heidegger und die Technik
„Das Wesen der Technik ist ganz und gar
nichts technisches, so wie das Wesen des Baumes nicht selber ein Baum ist, der
sich zwischen den übrigen Bäumen antreffen lässt.“[7]
Ausgegangen wird von der gebräuchlichen Auffassung der
Technik, die sie als Instrument versteht. Im Verlauf der Darstellung wird diese
Auffassung radikal zerstört.
Erst einmal muss
Klarheit darüber geschaffen werden, was wir ein Instrument nennen:
Durch das, was es bewirkt, was wir durch es vermögen, wird es
zum Mittel.
Beruft man sich auf Aristoteles, führt uns die Frage hier zur
Kausalität, die sich traditionell auf die vier Ursachen beruft.
Causa materialis (Stoff)
Causa formalis (Form)
Causa efficiens (Wirkursache)
Causa finalis (Zweckursache)
Nun hat aber die
Kausalität nichts mit Wirken und Bewirken zu tun, da „airia“ Verschulden
bedeutet. Die oben genannten Punkte sind demnach die vier Weisen des
Verschuldens, des Schuld seins.
Ein Beispiel:
Bei einer Opferschale ist das Silber als Stoff mit Schuld an
Ihr, desgleichen das Aussehen.
Die Opferschale gehört zum Tempel, zum Kult, dies ist das
eigentliche Umgrenzende, das sich vollendende.
Schließlich ist der Silberschmied mit Schuld am Vorliegen des
Opfergeräts, aber nicht einfach als Verfertiger und Bewirker.
Die drei genannten Weisen (Stoff, Aussehen, Vollendende) des Verschuldens verdanken der Überlegung des
Silberschmieds, dass sie und wie sie für das hervorbringen der Opferschale zum
Vorschein kommen und ins Spiel kommen.
Die nahe liegende „causa efficiens“ gibt es so bei
Aristoteles nicht. Das vor Vor-und Bereitlegen der Opferschale ist also die
Verschuldung .
Durch diese Verschuldung kommt die opferschale zum
Erscheinen, ins Anwesen. „Das Verschulden veranlasst, das etwas noch nicht
Anwesendes ins Anwesen gelangt. Diese Veranlassung im Sinne des Hervorbringens
heisst bei den Griechen poiesis und ist nicht auf das menschliche tun
beschränkt. Auch die Natur bring ständig etwas zum Vorschein, in die
Anwesenheit. Dinge, die schon da sind, aber noch nicht Hervorgebracht sind (so
ist die Apfelblüte schon immer da, aber erst im Herbst, durch das Wachstum, sichtbar). Im Unterschied
zum menschlichen Hervorbringens bedarf die Natur keines Anderen. Die
Opferschale braucht den Silberschmied, um zu Wirken.
Die Natur (physis) ist in sich selbst hervorbringend. Die
Apfelblüte kann, sobald ein Baum am Leben ist, bestehen. Da die Natur im
ständigen Wachstum, also ein
Lebenskreislauf ohne Ende ist, bringt die Natur auch ohne Unterbrechung und
ohne Hilfe von Selber ständig etwas hervor.
Das Hervorbringen bringt etwas aus der Verborgenheit ins
Unverborgene. Demnach ereignet sich dies nur, wenn etwas schon existiert, aber
noch nicht aus der Verborgenheit geholt wurde. Der Akt des Hervorbringens ist
dann der Transfer aus dem Verborgenen in das Unverborgene. Wie schon erwähnt,
brauch die Natur dazu niemandes Hilfe, das Objekt (z.B. ein Tisch) aber braucht
die Hilfe eines Menschen.
Begreifen wir aletheia (Wahrheit) als Entbergung, die ins
Unverborgene gebracht wird (zum-Vorschein-kommen-lassen) so ist es die
Anwesenheit, welche bei jedem Hervorbringen hervorgebracht wird.
Nun neigen wir dazu, die Technik auf ihre Rentabilität, auf
Ihr Nutzen zu reduzieren und fragen uns eher selten, was genau das Wesen der
Technik ausmacht.
Aristoteles sieht die Technik schon als etwas, das entbirgt.
Es geht um die Vorwegnahme des Zu-Erreichenden (z.B. des Hauses), also die
Vorausschau der zu erreichenden Gestalt. Hier ereignet sich bereits das
Entbergen, das dann die Grundlage alles weiteren Handelns ist. Von der
Beschaffung des Materials bis zur Verwendung des Hervorgebrachten. Es spielt
dabei keine Rolle, ob das Hervorgebrachte bekannt ist (Haus) oder Unbekannt
(Kunstwerk).
3.1 Die
Technik der Neuzeit
Heidegger fragt sich hier, ob sich diese Art der Bestimmung
nur auf den Griechischen Bereich anwenden lässt und ob diese auch für die
neuzeitliche Maschine –Kraft Technik gilt.
Was also ist das Eigenwesentliche der neuzeitlichen Technik?
Wie kommt in dem technischen das Seiende zum Vorschein? Wie verhält sich der
technikbezogene Mensch zum Gegebenen, wie ist sein Bezug zu ihm?
Das Zum- Bestand werden des Seienden bestimmt eine neue
Epoche. Ihr ging die Epoche voraus, das das Seiende zum Gegenstand wurde und
als Gegenstand gefasst war.
Heute, da der Mensch das Subjekt und das Gegenüber das Objekt
ist, versteht sich der Mensch als das eigentliche Zugrundeliegende, zumindest
wissensmäßig. Vor dieser Zeit schrieb man den Objekten noch eine gewisse
Eigenständigkeit zu. Das Könnenmäßige tritt jedoch immer mehr in den
Vordergrund. Das Wissensmäßige tritt zurück. Das Können wird zum Kriterium des
Wissens. Dieses Können versteht sich zunehmend im Sinne von Mächtigsein. Diese
Macht muss sich unmittelbar in der Verfügungsgewalt zeigen.
Dies geschieht im Bestand. Wegen dieser Wandlung, die man als
Vorwurf betrachten kann, ist es leicht möglich, Heidegger als Gegner der
Technik einzuordnen. Dies ist aber nicht der Fall. Er erfasst den Sachverhalt,
in dem wir uns befinden, ohne genau zu Wissen, was mit uns geschieht. Heidegger
versucht zu Deuten, damit wir verstehen. Damit geht er nicht den einfachen Weg,
die Technik zu Dämonisieren oder zu Verherrlichen. Er möchte nicht als Einziger
angesehen werden, sonder uns eine
Möglichkeit geben, die Frage beantworten zu können, wie es um den
Menschen im 20. Jahrhundert bestellt ist. Heidegger möchte der Technik den
Stellenwert zukommen lassen, die Ihr gebührt. Die Folgen der Technik als
positiv oder negativ zu beurteilen, wäre ein leichtes. Davon möchte sich
Heidegger klar distanzieren.
Dazu ein Zitat von Heidegger, um sein Anliegen deutlich zu
machen:
„Wo immer der Mensch sein Auge und Ohr öffnet, sein Herz
aufschließt, sich in das Sinnen und Trachten, Bilden und Werken, Bitten und
Danken freigibt, findet er sich überall schon ins Unverborgene gebracht. Dessen
Unverborgenheit hat sich schon ereignet, so oft sie den Menschen in die ihm
zugemessene Weisen des Entbergens
hervorruft. Wenn der Mensch auf seine Weise innerhalb der Unverborgenheit das
Anwesende entbirgt, dann entspricht er nur dem Zuspruch der Unverborgenheit
(…)“[8]
Der Mensch ist in diesen herausfordernden Umgang mit der
Technik gestellt, durch die Weise der Verborgenheit selbst, die Heidegger das
„Gestell“ nennt. Wie ist das zu verstehen? Gewöhnlich ist ein Gestell für uns
etwas Dingliches, etwas, das tastbar, sehbar und beschreibbar ist. Etwas, das
wir benutzen und wieder abstoßen können. Allerdings ist diese Überlegung nicht
von dieser Art:
Es geht um die Frage der Offenheit, in der wir stehen und
durch die uns das Offenbare (Seiende) zugänglich wird. Also um die Frage der
Unverborgenheit, der aletheia.
„Gestell“ ist nichts Dingliches, sondern der Name für eine
spezifische Weise der Unverborgenheit. Und zwar für die, in der der Mensch
herausgefordert ist. Wir dürfen die Tatsache, dass mit technischen Operationen
und Veranstaltungen Maschinerien verbunden sind, die als Gestänge, Geschiebe,
Gerüst bekannt sind, nicht Gestell auf dieses Dingliche beziehen. Heidegger
möchte nach der Unverborgenheit der Technik fragen. Er möchte betonen, das das
Wort „Stellen“ in „Gestell“ die
Verbindung lebendig erhalten soll mit dem Stellen im Sinne des Hervorbringens, wie das bei der
poiesis geschieht. Im Hervorbringen gemäß der poiesis wird Seiendes in die
Anwesenheit geholt, allerdings nicht in der Weise, dass es nun als verfügbarer
Bestand dasteht, sondern dass in diesem Stellen etwas zum Erscheinen kommt.
Literaturverzeichnis
Biemel, Walter: Martin Heidegger,
Rowohlt Verlag, Hamburg, 2002.
1.
Einführung
in die Publikation
„ Das
Bedenklichste ist, dass wir noch nicht denken.“
genügen.
Nun einige
Anmerkungen zur Entstehung der Vorlesungspublikation :
„Was heißt
Denken ? “
Heidegger hat von
1950 bis 1961 einige Abhandlungen und Publikationen
verfaßt : wichtig
darunter vorallem : „ Vorträge und Aufsätze “ ( 1954 ),
„ Was heißt
Denken ? “ ( 1954 ), „ Nietzsche “ ( 1961
) .
Heidegger wurde
in seinem Denken sehr stark von Edmund Husserl
beeinflußt.
Husserl kam 1916 als Professor nach Freiburg und lehrte unter
anderem auch
Martin Heidegger. Letzterer war sehr beeindruckt von der
Philosophie
Husserls. Dazu zitiere ich Heidegger : „ Dieser Umstand nötigte
mich von neuem, Husserls Werk ( Logische
Untersuchungen ) durchzuarbeiten.
Indes blieb auch der wiederholte Anlauf
unbefriedigend, weil ich über eine Haupt-
schwierigkeit nicht hinweg kam. Sie betraf
die einfache Frage wie die Verfahrens-
weise des Denkens, die sich Phänomenologie
nannte, nachzuvollziehen sei. “
Dies zeigt, dass Heidegger sich schon
während seines Studiums den Fragen
der
Phänomenologie widmete und Husserls Werke ihn inspirierten.
2. Was heißt Denken ?
„ Wir gelangen in das was Denken
heisst, wenn wir selber Denken. Damit
ein solcher Versuch glückt, müssen wir bereit sein das Denken zu lernen.
Sobald wir uns auf das Lernen einlassen, haben wir auch schon
zugestanden,
dass wir das Denken nicht vermögen.“
Der Mensch ist das vernünftige Lebebwesen. Die Vernunft entfaltet sich
im
Denken. Als das vernünftige Lebewesen muss der Mensch denken können,
wenn er nur will. Doch vielleicht will der Mensch denken und kann es
doch nicht.
Der Mensch kann denken, insofern er die Möglichkeit dazu hat. Allein
diese
Möglichkeit verbürgt uns noch nicht, dass wir es vermögen.
Denn etwas vermögen heisst : etwas nach seinem Wesen bei uns einlassen,
inständig diesen Einlass hüten. Doch wir vermögen immer nur solches, was
wir
mögen, solches, dem wir zugetan sind, indem wir es zulassen.
Wahrhaft mögen wir nur jenes, was je zuvor von sich aus sein mag, und
zwar
uns in unserem Wesen, indem es sich diesem zuneigt. Durch diese
Zuneigung ist
unser Wesen in Anspruch genommen. Die Zuneigung ist Zuspruch. Der
Zuspruch
spricht uns auf unser Wesen an, ruft uns ins Wesen hervor und hält uns
so in diesem.
Halten heisst eigentlich Hüten. Was uns im Wesen hält, hält uns jedoch
nur solange,
als wir, von uns her, das uns Haltende selber behalten.
Wir behalten es, wenn wir es nicht aus dem Gedächtnis lassen. Das
Gedächtnis ist
die Versammlung des Denkens. Worauf ? Auf das, was uns im Wesen hält,
insofern
es zugleich bei uns bedacht ist. Inwiefern muss das Haltende bedacht
sein ? Insofern
es von Hause aus das Zu – Bedenkende ist. Wird es bedacht, dann wird es
mit
Andenken beschenkt. Wir bringen ihm das Andenken entgegen, weil wir es
als
den Zuspruch unseres Wesens mögen.
Nur wenn wir das Mögen, was in sich das Zu – Bedenkende ist, vermögen
wir
das Denken.
Damit wir in dieses Vermögen gelangen, müssen wir an unserem Teil das
Denken
lernen. Was ist Lernen ? Der Mensch lernt, insofern er sein Tun und
Lassen
zu dem in die Entsprechung bringt, was ihm jeweils an Wesenhaftem
zugesprochen wird.
Das Denken lernen wir, indem wir auf das achten, was es zu bedenken
gibt.
Unsere Sprache nennt das, was zum Wesen des Freundes gehört und ihm
entstammt, das Freundliche. Demgemäß nennen wir jetzt das, was in sich
das Zu – Bedenkende ist, das Bedenkliche. Alles Bedenkliche gibt zu
denken.
Aber es gibt diese Gabe immer nur soweit, als das Bedenkliche schon von
sich her
das Zu – Bedenkende ist.
Wir nennen darum jetzt und in der Folge dasjenige, was stets, weil
einsther, was
vorallem voraus und so einsthin zu denken gibt : das Bedenklichste.“
Das Bedenklichste ist, dass wir
noch nicht denken. So könnte man den Einstieg
von Heidegger in das Denken kurz
umschreiben.
Das worüber wir bedenklich
nachdenken müssen, das Bedenkliche, ist die Tatsache
das wir das Denken noch nicht
gelernt haben.
Über das Denken können wir also
nicht reden, denn dann sind wir wieder in der
Subjekt - Objekt - Spaltung des
Denkens über Denken.
Ins Denken müssen wir uns
hineinbegeben, Denken müssen wir lernen.
Auf Denken müssen wir uns
einlassen, um Denken zu lernen. Aber wir können
nicht über das Denken sprechen.
Heidegger übt nun das Denken
dadurch ein, dass er ständig Worte von Nietzsche
oder von den Vor-Sokratikern
nach-denkt, sich von diesen Worten in das Denken
hineinnehmen lässt.
Deshalb kann uns Heidegger gar
keine Definition von Denken geben, denn die Definition wäre bereits Denken über
etwas, also Denken in der Subjekt – Objekt –
Spaltung.
Was ist aber dann Denken ? Denken
ist nicht Logos. Zitat Heidegger : „ Die
Wissenschaft denkt nicht .“
Denn die Wissentschaft
objektiviert : sie fragt nie nach dem Sinn des Ganzen.
In ihr wird immer nur Einzelnes
neben Einzelnes gesetzt und logisch verbunden.
In ihr wird also nur
objektiviert. Denken ist etwas anderes.
Denken zeigt sich ursprünglich
nicht im Logos, sondern im Mythos.
Der Mythos nimmt mich hinein in
seine Gedanken, der Logos dagegen trennt
das Gedachte vom Subjekt.
An dieser Stelle will ich
nochmals aus dem Werk Heideggers zitieren :
„ Das Zu – Denkende wendet sich
vom Menschen ab. Es entzieht sich ihm
indem es sich ihm vorenthält. Das Vorenthalten ist uns stets schon
vorgehalten.
Was sich nach der Art des Vorenthaltens entzieht, verschwindet nicht.
Doch wie
können wir von dem, was sich auf solche Weise entzieht, überhaupt das
geringste
Wissen ?
Was sich entzieht versagt die Ankunft. Allein – das Sich – entziehen ist
nicht nichts.
Entzug ist hier Vorenthalt und ist als solcher – Ereignis.
Was sich entzieht, kann den Menschen wesentlicher angehen und inniger in
den
Anspruch nehmen als jegliches Anwesende, das trifft und betrifft.
Man hält die Betroffenheit durch das Wirkliche gern für das, was die
Wirklichkeit
des Wirklichen ausmacht. Der Entzug, das Sichentziehen des Zu –
Denkenden,
könnte darum jetzt als Ereignis gegnwärtiger sein denn alles Aktuelle.“
Mythos also nimmt uns in das
Denken hinein : einen Mythos können wir nur
verstehen, indem wir ihn
nacherzählen, nach – denken, indem das Denken uns
in ihn hineinzieht, während der Logos ein Denken
ist, in dem wir über etwas denken
und selbst dabei draußen bleiben.
Der Dichter Hölderlin hatte es
Heidegger angetan, ich zitiere :
„ Vers Hölderlins : Wer das
Tiefste gedacht, liebt das Lebendigste.
Heidegger : Wir überhören jedoch bei diesem Vers allzuleicht die
eigentlich
Sagenden und deshalb tragenden Worte. Die sagenden Worte sind die Verba.
Die nächste Nähe der beiden Verben gedacht und liebt bildet die Mitte
des Verses.
Demnach gründet die Liebe darin, daß wir Tiefstes gedacht haben.Solches
Gedacht-
haben entstammt vermutlich jenem Gedächtnis, in dessen Denken sogar das
Dichten
und mit ihm alle Kunst beruht. Was heißt dann aber Denken ? “
Denken hängt nun nach Heidegger
mit Danken zusammen : Denken ist der Dank an
das Sein.Das Sein gibt sich dabei
in unsere Hand, es läßt sich von uns denken.
Genau : im Mythos, im Wort, in
der Sprache gibt sich das Sein in unsere Hand.
In dem Augenblick, da wir das
Wort haben, erhellt sich Sein, wortet sich Sein.
Wir werden damit im Denken zu
Hüter des Sein. Wir haben uns um das
Sein
zu bekümmern, aber nicht um das
naturwissentschaftliche Sein, nicht um einen
Logos, sondern im Mythos um ein
Sein, dass wir in der Zeit hüten müssen, auch
sprachlich.
Denken wird deshalb, wenn wir für
das Sein danken, zugleich zum Verweilen beim Sein : wenn wir danken für die
Sonne, die da scheint, dann definieren wir nicht
Sonnenschein, dann gehen wir
gleichsam denkend in die Sonne und werden dankbar.
Verweilen bei der Sonne, dieses
Verweilen bei etwas aus Dankbarkeit, heißt Andacht.
Die Sprache erhellt nicht nur
Sein, sondern Sein entzieht sich auch der Sprache.
Dahinter liegt der Gedanke, dass
eine Sprache, die alles sagen kann, was sie zu sagen meint, aus dem Mythos in
den Logos zurückfällt.
Mit 1*1= 1 habe ich alles gesagt,
was zu sagen ist. Mit einem mythischen Spruch
habe ich nie alles direkt gesagt,
was zu sagen ist.
Sein entzieht sich mir also
ständig. Es nichtet sich ständig. Es geht nie in Sprache auf.
Aber dieses Entziehen des Seins
heißt zugleich ein Nachsichziehen : indem Sein sich
uns entzieht laufen wir ihm
hinterher.
Wenn wir zum Beispiel in Andacht
die Sonne betrachten, spüren wir, dass wir das
schöne Sonnenwetter nie ganz
begrifflich ausschöpfen. Wir werden nie voll begreifen,
was das heißt, dass die Sonne so
schön scheint.
Dann kommt die Wolke und verdeckt
die Sonne. Das Sein der Sonne entzieht sich uns.
Aber nun gehen wir ihm nach. Was
ist das Sein der Wolke ? Wann scheint die Sonne
wieder ? Indem sich Sein
entzieht, zieht es uns auch an. Das Denken, die Andacht ist
so ständig im Prozeß, obwohl sie
Andacht ist und andächtig verweilt : eben weil das
Sein sich entzieht, denken wir
ihm nach, zieht es uns nach sich.
Der moderne Mensch hat nach
Heidegger das Sein vergessen.
Er ist der wissentschaftliche
Mensch , der sich nur noch mit Seiendem, nicht mit dem
Sein selbst beschäftigt, der
keine Andacht mehr kennt, der Mensch der nicht mehr
verweilt bei etwas, sondern von
einer Formel zur anderen hetzt, der , wie es in „ Sein
und Zeit “ ganz wörtlich hiess,
keine zeit mehr hat.
Die moderne Wissentschaft denkt
nur im Logos über Einzelnes, bei dem das Sein
selbst, bei dem wir nur mythisch
verweilen können, nicht mehr zur Sprache kommt.
Das die abendländische Menschheit
das Sein so vergißt, d. h. die philosophische
Frage nach dem Sein so vergißt
aufgrund der Naturwissenschaft, geht nicht auf das
Versagen der abendländischen
Menschheit zurück, sondern auf ein Seinsgeschehen selbst. Das Sein hat sich uns
Entzogen. Das ist ein Geschehen im Sein selbst.
Das Sein selbst ist in der Zeit,
ist im Werden, im Sich-uns-zeigen und Sich-uns-
Entziehen.
„ Wir müssen nun warten bis das
Sein wieder seine gnädige Ankunft hat, bis wunder-
barerweise uns die Seinsfrage wieder geschenkt wird. Das ist wiederrum
nicht unsere
Schuld oder unser Verdienst. Da muss sich das Sein in seiner Huld erneut
nahen,
sich uns wieder zu eigen geben, dass wir nun wieder der Hirt des Seins
werden und
neu in unserer Sprache das Sein hüten. Dieses wird immer nur in der
Sprache der
Dichter und Denker geschehen können, weil es wesentlich Mythos ist.“ (
Heidegger )
Nun will ich zum Schluss kommen
und an Heidegger anknüpfen. Das was wir alltäglich als unsere Sprache benutzen,
was wir von uns geben, ist die Sprache der
Verfallenheit. Wirklich sprechen,
das Sein ausdrücken, können laut Heidegger
nur die Dichter und die ihnen
verwandten Denker, die, in denen der Mythos sich wortet, in denen das Sein sich
hält, in denen das Sein aus seiner Vergessenheit
heraustritt.
Allen voran Hölderlin, der es wie
kein anderer vermocht hat, mythologisch als
Dichter vom Sein zu sprechen.
Literaturverzeichnis :
Coreth, Ehlen, Haeffner, Ricken :
Philosophie des 20. Jahrhunderts,
Stuttgart 1986
Biemel, Walter : Martin
Heidegger,
Hamburg 1973
Keil, Günther : Philosophiegeschichte
2,
Stuttgart 1987
Heidegger, Martin : „Was heißt
Denken ? “
Vorlesungspublikation 1954