„Windelband“


1.   Gliederung

1............................................................................................................................ Gliederung. 2

2..................................................................................................... Der Neukantionismus. 3

3............................................................................................................................ Biographie:. 4

4.................................................................. Geschichte der Naturwissenschaften. 5

4.1. Zusammenhang zwischen der Arbeit der Philosophie und der der übrigen Wissenschaften................................................................................................................. 5

4.2.................................................................... Klassifikation der Wissenschaften. 5

4.2.1......... Methodologische Einteilung der Erfahrungswissenschaften. 7

4.2.2...................... Gemeinsamkeiten von Naturwissenschaft und Historik. 9

4.2.3................... Unterschiede zwischen Naturwissenschaft und Historik. 9

4.3. Der bestimmende Einfluss der Wissenschaften auf die allgemeine Welt- und Lebensansicht des Menschen.................................................................................... 10

4.3.1. Art der Arbeit ist stark vom Ziel einer wissenschaftlichen Arbeit abhängig.   10

4.3.2..................... Beurteilung nach der Nützlichkeit der Wissenschaften. 10

4.3.3. Beurteilung nach der persönlichen Befriedigung des Wissenschaftlers            11

4.3.4. Beurteilung nach dem Beitrag zur Gesamterkenntnis, bzw. dem Zweck    11

4.3.4.1..................................................................................... Bedeutung der Einzelheit. 11

4.3.4.2......................................... Einzelwissen folgt dem Gesetz der Induktion. 11

4.3.4.3............................................................... Das Wertbestimmen des Einmaligen. 12

4.4............................................................... Kausalbetrachtung eines Geschehens. 13

5.......................... Beschäftigung mit der Geschichtswissenschaft bei Kant. 15

1.   Der Neukantionismus

Der Neukantianismus gilt als die den Idealismus ablösende Philosophie, mehr oder weniger basierend auf der Philosophie Kants.

Die Situation am Ende des 19, Jhd. war diese:

ð     Die positiven Wissenschaften, die Naturwissenschaften und die Geschichtswissenschaften, hatten triumphiert.

ð     Die philosophische Bildung hatte einen großen Absturz hinter sich und ein platter, geistig verwahrloster Materialismus breitete sich zusehends aus.

ð     Der Rest eines philosophischen Geistes postulierte die Rückkehr zu Kant:

-       Die Naturforscher erhofften sich damit Unterstützung für ihren Empirismus

-       Die akademische Philosophie wollte sich von der bloßen Lehre der Philosophie verabschieden und sich eine Beschäftigung mit dem wissenschaftsgläubigen Zeitalter suchen und darin die Philosophie der Wissenschaften, die Erkenntnistheorie zu finden.

Im Neukantianismus galten zwei Schlagworte:

Es muss zu Kant zurückgegangen werden“. (Liebmann)

Kant verstehen heißt über Kant hinausgehen“. (Windelband)

Im ersten Moment klingen die Sätze wie eine absurde Forderung, bei näherer Betrachtung entpuppt sich aber ein sehr konstruktiver Sinn hinter beiden Aussagen:

Es muss wieder zu den Ursprüngen Kants zurückgekehrt werden

Man muss wieder in die kantische Bewegung gelangen und das erzeugende Denken zu neuer Wirksamkeit in sich kommen lassen“.


WINDELBANDWILHELM WINDELBAND

2.   Biographie:

* 11. Mai 1848 in Potsdam

V 22. Oktober 1915 in Heidelberg

Abstammung: Sohn eines preußischen Beamten

§        Studium der Fächer Medizin (Jena) und Naturwissenschaften, Geschichte (Berlin) und Philosophie (Göttingen)

§        Bis 1870 als Freiwilliger im Deutsch-Französischen Krieg

§        1873 Habilitation in Leipzig mit dem Thema: „Über die Gewissheit der Erkenntnis“.

§        1876 Professor für Philosophie an der Universität Zürich

§        1877 Professor für Philosophie an der Universität Freiburg i.Br.

§        1882 Professor für Philosophie an der Universität Straßburg

§        1903 Professor für Philosophie an der Universität Heidelberg

Windelband war Schüler von Hermann Lotzes. Rickert und Windelband gelten als die Begründer der „Badischen-„ oder auch „Südwestdeutschen Schule“. Diese Schule vertritt eine Wertphilosophie nach kantischem Vorbild. Außerdem hebt sie die Eigenart der Geschichtswissenschaft in ihrer wertbestimmten und individualisierenden Methode gegenüber den wertfreien und generalisierenden Naturwissenschaften hervor. Windelband gilt als der Schöpfer der Begriffe „nomothetisch“ und „ideographisch“.

Seine wichtigsten Werke sind:

§        Lehrbuch der Geschichte der Philosophie

§        Geschichte der alten Philosophie

§        Geschichte der Naturwissenschaften

§        Die Prinzipien der Logik

3.   Geschichte der Naturwissenschaften

3.1.        Zusammenhang zwischen der Arbeit der Philosophie und der der übrigen Wissenschaften

Die Philosophie beschäftigte sich schon immer mit durch Erfahrung gewonnen Erkenntnissen und mit der Wertung dieser Erkenntnisse, dem Wertgehalt des Geisteslebens.

Um sich in den jeweiligen Epochen, Strömungen, usw. mit verschiedensten Themen zu beschäftigen, war sie darauf angewiesen „guten Glaubens aus den Theorien der besonderen Wissenschaften als fertig und sicher zu übernehmen, was […] nur als werdende Wahrheit hätte gelten dürfen.“

Am deutlichsten wird der Lebenszusammenhang zwischen der Philosophie und den übrigen Wissenschaften bei der Logik: Logik bedeutet die kritische Reflexion auf die vor ihr bestätigten Formen des wirklichen Erkennens - oder kurz gesagt, Logik ist das Schlussfolgern aus Erkenntnissen.

Der Logiker muss etwas erfolgreich am Einzelnen ausgeübtes in eine allgemein gültige Form bringen und anschließend seine Bedeutung, seinen Erkenntniswert und die Grenzen seiner Anwendung bestimmen.

Bsp.: Woher hat die Logik das Beispiel der Induktion gewonnen: aus der Reflexion auf die Anwendung in der Einzelarbeit der Naturforschung, von Sonderproblem zu Sonderproblem.

3.2.        Klassifikation der Wissenschaften

Windelband fordert eine neue Einteilung der Wissenschaften. Der Grund für diese Forderung liegt:

im ständigen Wechsel der Führungsrolle zwischen den Disziplinen Philosophie, Mathematik, Naturwissenschaften, Psychologie und Geschichte während der damaligen Zeit.

Die Folge von dem häufigen Führungswechsel war, dass jede Disziplin während der eigenen Regie versucht hatte, die wissenschaftlichen Methoden mit denen in ihrer Wissenschaft typischerweise gearbeitet wurde, den jeweiligen anderen Disziplinen aufzudrängen, was zu einer Vermischung der Methoden führte. Daraus erwuchs die Aufgabe der Logiker, in diesem Fall für Windelband, eine gerechte Abwägung der Ansprüche und eine gerechte Abgrenzung der Gestaltungsbereiche der jeweiligen Disziplinen durch die allgemeine Bestimmung der Erkenntnisbereiche zu gewinnen.

Die Wissenschaften machten im 19. Jhd. Immer mehr und auch immer häufiger neue Entdeckungen. Dadurch wurden aber auch neue und neuartige Probleme aufgeworfen, welche eine weitere Durchmischung der wissenschaftlichen Methoden zwischen den Disziplinen verursachte.

In früherer Zeit vollzog sich die Einteilung der Wissenschaften vor allem hinsichtlich der Erfüllung praktischer und geschichtlicher, auch traditioneller Gesichtspunkte. Der Vorteil aus dieser Einteilung war, dass wissenschaftliche Disziplinen untereinander stark vernetzt waren und eine lebendige Wechselwirkung zwischen diesen vorhanden war.

Am Ende des 19. Jhd. dann gab es Bestrebungen den methodischen Motiven der Gliederung der Wissenschaften größere Bedeutung beizumessen. Dabei ergab sich folgende Konstellation:

Rationale Wissenschaften

Erfahrungswissenschaften

Philosophie, Mathematik

Naturwissenschaften

Geisteswissenschaften

-         Sind nicht unmittelbar auf etwas in der Erfahrung gegebenes gerichtet

-         Von ihnen gewonnene Einsichten können dazu verwendet werden Erfahrungen aus der Erkenntnis zu gewinnen

-         Aussagen basieren nicht auf Einzelwahrnehmungen oder Massenwahrnehmungen

-         Aufgabe ist eine gegebene und der Wahrnhemung zugängliche Wirklichkeit zu erkennen

-         Merkmale sind:

-       Axiome

-       Richtigkeit des normalen Denkens

-       Feststellung von Tatsachen durch Wahrnehmung

 

Gegensatz der Objekte:

Natur ßà Geist

-         Rührt von Locke her:

Natur = Sensation = körperliche Außenwelt

Geist = Reflektion = innere Geisteswelt

-         Neukantianismus:

-       Es gibt starke Zweifel bezüglich der inneren Wahrnehmung

-       Zweifel daran, dass Geisteswissenschaft durch innere Wahrnehmung begründet ist

-       Fehlende Übereinstimmung des Einteilungsprinzips: „Psychologie“ kann weder den Naturwissenschaften, deren Verfahren und Methoden sie sich bedient, noch den Geisteswissenschaften, zu den sie dem Gegenstand nach gehören müsste, zugerechnet werden.

 

Ab diesem Punkt findet die thematische Beschäftigung mit der Klassifizierung der Wissenschaften nur noch auf der Seite der Erkenntniswissenschaften statt. Die rationale Wissenschaft behandelt Windelband nicht weiter.

Die Bisherige Einteilung der Wissenschaften genügte den Ansprüchen nicht. Um diesen Umstand zu verbessern sieht Windelband die Möglichkeit, dass dieses Problem mit einer Änderung der Begriffsbestimmung auszuräumen ist: was hat zum Beispiel die Psychologie mit der Naturwissenschaft gemeinsam: das Sammeln, Feststellen und Verarbeiten von Tatsachen um die allgemeinen Gesetzmäßigkeiten verstehen zu können. Was letztlich gesammelt, festgestellt wird und welche Formeln schließlich daraus erschlossen werden, ist sehr unterschiedlich.

ABER: IM VORDERGRUND STEHEN NICHT DIE SACHLICHEN DIFFERENZEN, SONDERN DIE LOGISCHE GLEICHHEIT, WELCHE DIESE DISZIPLINEN HINSICHTLICH DES FORMALEN CHARAKTERS IHRER ERKENNTNISSE BESITZEN

Alle Disziplinen der Erkenntniswissenschaften, auch die Psychologie, basieren auf dem Gesetz des „Geschehens“. (Geschehen kann sein: Bewegung von Körpern, Umwandlung von Stoffen, Entfaltung des organischen Lebens, Prozesse des Fühlens, Vorstellens, Wollens, usw., also Prozesse aus sämtlichen Bereichen der Erfahrungswissenschaften).

Wie verhält es sich nun mit den Geisteswissenschaften? Sie sind darauf gerichtet ein einmaliges, zeitlich begrenztes Geschehen zu „voller und erschöpfender Darstellung“ zu bringen. Die Gegenstände, die behandelt werden sind meist sehr unterschiedlich und vielseitig, aber so wie wir vorher die Gemeinsamkeit der Psychologie und den Naturwissenschaften in der Gesetzmäßigkeit des Geschehens gefunden haben, so verfolgt auch die Geisteswissenschaft einen einheitliche Zweck, nämlich, dass ein Ereignis in einem Menschenleben, welches sich als wirklich herausgestellt hat, in „dieser ihm anhaftenden Tatsächlichkeit reproduziert und verstanden“ werde. Mit dieser Aussage wird ganz deutlich, dass Windelband die Geisteswissenschaften der Historik, der Geschichtswissenschaft, gleichsetzt.

3.2.1.   Methodologische Einteilung der Erfahrungswissenschaften

Die Einteilung der Erfahrungswissenschaften soll, so Windelband, auf sicheren logischen Begriffen beruhen und das Einteilungsprinzip soll der formale Charakter ihrer Erkenntnisziele sein.

Naturwissenschaften

Geisteswissenschaften

Suche nach allgemeine Gesetzen

Suche nach besonderen geschichtlichen Tatsachen

Ziel ist das generelle, apodiktische Urteil

Ziel ist der singuläre, assertorische Satz

Das „Allgemeine

Das „Besondere

Bereits in früheren Zeiten beschäftigten sich die Philosophen mit der Unterscheidung des Allgemeinen und dem Besonderen, bzw. mit der Frage nach der Wirklichkeit:

§        Platon: er suchte das Wirkliche in den Gattungsbegriffen: das Seiende, das Identische, das Andere, Bewegung und Ruhe

§        Aristoteles: er sucht die Wirklichkeit in den sich entwickelnden Einzelwesen

§        Neukantionismus: er definiert die Wirklichkeit durch die dauernde Notwendigkeit des in ihr stattfindenden Geschehens

Folglich suchen die Erfahrungswissenschaften in der Erkenntnis der Wirklichkeit entweder das Allgemeine in Form des Naturgesetzes oder das Einzelne in Form der geschichtlich bestimmten Gestalt.

Man kann also behaupten die Naturwissenschaft ist die „Gesetzeswissenschaft“ und die Geisteswissenschaft ist die Ereigniswissenschaft.

Und da das einmalige Ereignis immer Mittelpunkt der Historik ist, wird der Gegensatz „Naturwissenschaft gegen Geisteswissenschaft“ nun präzisiert zu „Naturwissenschaft gegen historische Wissenschaft“.

An dieser Stelle führt Windelband zwei bis dato neue Begriffe in die Logik ein: nomothetisch und ideographisch.

Naturwissenschaften

Geisteswissenschaften

Lehre was immer ist

Lehre was einmal war

Generell = immergleich

Singulär = einmalig

Nomothetisch

Idiographisch

ABER: DURCH DIESE NEUE UNTERTEILUNG WIRD LEDIGLICH DIE BEHANDLUNG DES WISSENS, NICHT DESSEN INHALT EINGETEILT: GLEICHE DINGE KÖNNEN JE NACH BETRACHTUNG NOMOTHETISCH ODER IDIOGRAPHISCH SEIN, DENN WAS BEI DER EINEN BETRACHTUNG IMMER GLEICH ERSCHEINT, KANN BEI ANDERER BETRACHTUNG AUCH ETWAS EINMALIGES SEIN.

Bsp.: Sprache:

Die Sprache ist in ihrem Formgesetz immer gültig = nomothetisch

In der Relation zur langen Geschichte der menschlichen Sprache, erscheint eine Sprache nur als eine vorübergehende, einmalige Erscheinung = idiographisch.

Was hier für die Sprache gilt ist selbstverständlich auch auf die Geschichtswissenschaften anwendbar.

Bsp: Organische Natur

Es gibt sie seit hunderttausenden von Jahren = normothetisch

In der Relation zur Evolutionist sie ein singuläres Ereignis = idiographisch

Die logische Theorie hat sich bezüglich dieses Gegensatzes unter den Wissenschaften sehr einseitig verhalten. Sowohl in der griechischen Philosophie, als auch noch im Neukantianismus beschäftigt sie sich fast ausschließlich mit der nomothetischen Denkform. Die Logik ist nach wie vor mit der Untersuchung, Begründung und Anwendung eines sich erschließenden Gesetzes beschäftigt. Windelband wünscht, dass die Logik der geschichtlichen Wirklichkeit genauso gerecht werden möge wie den Naturwissenschaften.

3.2.2.   Gemeinsamkeiten von Naturwissenschaft und Historik

§        Beide haben den Charakter der Erfahrungswissenschaft, d.h. beide benötigen Erfahrungen und Tatsachen der Wahrnehmung, um schließlich Beweise liefern zu können.

§        Beide bedürfen zu ihrer Grundlage einer „wissenschaftlich gereinigten, kritisch geschulten und in begrifflicher Arbeit geprüften Erfahrung“.

Weil beide diese Gemeinsamkeiten erfüllen, müssen beide in ihrer Methodik zu sachlichen Einsichten gelangen und logische Zusammenhänge schließen können.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die Gemeinsamkeit der beiden Disziplinen in der Anwendung des nomothetischen Verfahrens ist.

3.2.3.   Unterschiede zwischen Naturwissenschaft und Historik

Naturwissenschaft

Historik

-         Denken strebt vom Besonderen zum Erkennen allgemeiner Beziehungen

-         Das einzelne Objekt der Beobachtung hat nie als solches wissenschaftlichen Wert, es entsricht lediglich einem Spezialfall, aus dem ein Gattungsbegriff formuliert werden soll

-         Sie reflektiert nur was zur Erstellung einer gesetzlichen Allgemeinheit genutzt werden kann

-         Festhalten am Besonderen

-         Sie will eine Tatsache der Vergangenheit in ihrer individuellen Ausprägung nochmals bildhaft machen.

Aus dieser Gegenüberstellung wird deutlich:

Naturwissenschaft

Historik

Neigung zur Abstraktion

Neigung zur Anschaulichkeit

Ziel ist:

-         Das Aufstellen von Theorien, bzw. von mathematischen Gesetzesformen.

-         Sie lässt das Einzelne zurück und strebt zur Erkenntnis der gesetzlichen Notwendigkeit

-         Sie will den Sieg des Denkens über die Wahrnehmung, wobei sie alles als ewig so bestehend betrachtet

-         Ihr Ziel ist, gemäß Platon, die „unveränderliche Form der Veränderung“.

 

Ziel ist:

-         Aus der Vielzahl der Daten die richtigen zu wählen, um Vergangenes wieder lebhaft vorstellbar und deutlich zu machen (Personen, Völker, Sprachen, etc.)

Hier ist schließlich deutlich, dass es neben den Gemeinsamkeiten der beiden Disziplinen auch gewaltige Unterschiede gibt.

3.3.        Der bestimmende Einfluss der Wissenschaften auf die allgemeine Welt- und Lebensansicht des Menschen

Also welche Wissenschaft hat den bestimmenden Einfluss auf die allgemeine Welt – und Lebensansicht des Menschen? Die Naturwissenschaft oder die Historik?

Naturwissenschaft

Historik

= Wissen um die Gesetze

= Wissen um einzelne zeitliche Erscheinungen

= Wissen um das zeitlose Wesen

= Wissen einzelner zeitlicher Erscheinungen

3.3.1.   Art der Arbeit ist stark vom Ziel einer wissenschaftlichen Arbeit abhängig.

Das heißt je nach dem, wie die Zielsetzung einer Arbeit ist, wird man sich eher mit der Suche nach Gesetzmäßigkeiten oder der Suche nach der einmaligen Erscheinung beschäftigen.

3.3.2.   Beurteilung nach der Nützlichkeit der Wissenschaften

Beiden Wissenschaften weisen wir hinsichtlich des Gedankens der Nützlichkeit (Utilitarität) eine Existenzberechtigung zu Teil.

Naturwissenschaft

Historik

-         Das Wissen allgemeiner Gesetze hat den praktischen Wert, die Voraussicht zukünftiger Dinge und ein zweckmäßiges Eingreifen des Menschen zu ermöglichen.

-         Eine zweckvolle Tätigkeit im gemeinsamen Menschenleben ist auf Erfahrung des historischen Wissens angewiesen.

-         Wer am Kulturleben teilhaben will, muss die Entwicklung der selben kennen und verstehen.

-         Sie kann Sicherheit geben, dass im Falle eines Untergang unserer Kultur unsere Nachwelt unsere Kultur anhand der zurückgelassenen Spuren wieder „lebendig“ machen kann.

3.3.3.   Beurteilung nach der persönlichen Befriedigung des Wissenschaftlers

Dieser Punkt sollte bei der Diskussion von Wissenschaften eigentlich keine Rolle spielen. Gemäß Windelband tut er es aber doch. Das Maß der persönlichen Befriedigung hängt demnach mehr von der Schwierigkeit der Untersuchung, als von der Bedeutung des Gegenstandes ab.

3.3.4.   Beurteilung nach dem Beitrag zur Gesamterkenntnis, bzw. dem Zweck

Die Klärung dieses Punktes ist etwas vielseitiger.

3.3.4.1.                     Bedeutung der Einzelheit

Eine wahrgenommene Einzelheit bleibt solange eine Kuriosität, bis sie sich in ein Gesamtgefüge einordnen lässt.

In diesem Zusammenhang fällt auch häufig der Begriff „Tatsache“.

Eine Tatsache ist nur dann eine Tatsache, wenn sie eine Wirklichkeit widerspiegelt, durch die eine Wissenschaft etwas lernen kann, also profitieren kann. Es handelt sich um einen teleologischen Begriff, weil der Begriff Tatsache an einem Zweck ausgerichtet ist. Dieser Aspekt ist vor allem in der Geschichtswissenschaft interessant.

Bsp.: Wenn in einem Bericht erzählt würde, dass Goethe am 3. März 1725 einen Kopfstand gemacht hat, dann ist dieser Bericht für die Weltansicht der Menschen nicht relevant. Das Wissen um den Kopfstand bringt keinen Nutzen, somit ist laut Windelband der Kopfstand auch keine Tatsachen.

ABER: WAS HEUTE NOCH NICHT ALS TATSACHE ERSCHEINT KANN IN 20 JAHREN PLÖTZLICH EIN UNENTBEHRLICHES WISSEN SEIN. DESHALB APELLIERT WINDELBAND AN ALLE WISSENSCHAFTLER ALLES „EINZUHAMSTERN, AUFZUSPEICHERN […] UM NICHTS ZU VERSÄUMEN, WAS MAN VIELLEICHT EINMAL VERWENDEN KANN.“

3.3.4.2.                     Einzelwissen folgt dem Gesetz der Induktion

Das Ziel des Einzelwissens ist immer, sich einem großen Ganzen einzufügen, bzw. die des Besonderen, sich dem Gattungsbegriff zu unterstellen.

In der griechischen Philosophie ist das „Haften am Einzelwissen“ typisch.

§        Platon: er meint, dass die Erkenntnis im Allgemeinen liegt.

§        Schopenhauer: er folgte dieser Auffassung und sprach der Geschichte ihre wissenschaftliche Berechtigung ab, weil sie nur das Besondere, nicht aber das Allgemeine suche.

Der Mensch tendiert zunächst dazu sich mit vielen Einzelheiten zu befassen um sich möglichst viel auf einmal vorstellen zu können. Je mehr der Mensch aber nach Gesetzmäßigkeiten strebt, umso mehr muss er das Einzelne hinter sich lassen.

3.3.4.3.                     Das Wertbestimmen des Einmaligen

Das Interesse, Beurteilen und Wertbestimmen des Menschen bezieht sich immer auf das Einzelne und Einmalige.

Bsp.: Hat eine Frau 1 Diamantring, so ist dieser in der Regel etwas ganz besonderes. Hat sie aber bereits 15 Diamantring, so hat jeder einzelne dieser 15 Ringe seine Besonderheit, Einmaligkeit verloren und ist weniger interessant.

Das gleiche gilt auch für Gefühle:

Spinoza schreibt in „Die Lehre von der Überwindung der Gemütsbewegungen“ dass sich eine Gemütsbewegung unterdrücken lässt, „taucht man die besondere Erkenntnis in das Allgemeine ein und das Einmalige in das Ewige“.

Am deutlichsten aber wird, wie sehr die Wertbeurteilung des Menschen an der Einzigartigkeit des Objekts hängt bei unserer Beziehung zu den Persönlichkeiten:

Was wäre wenn die Freundin exakt ein zweites Mal existierte oder wir selbst ein absolut identisches Double hätten. In jedem Fall hätte das einen Wertverlust zur Folge.

Windelband beschreibt auch die Angst der Menschen vor einem Doppelgänger. Diese Angst ist heute vielleicht nicht mehr so ausgeprägt, aber die Literatur und die Medien beschäftigen sich dennoch gerne mit diesem Thema,

Windelband empfindet auch die griechische Vorstellung der Wiedergeburt als erstens nicht folgerichtig aus der griechischen Philosophie und zweitens verlöre das Leben an sich an Wert, da es wieder und wieder ablaufen würde. Einmal früher oder später zu sterben ist fast belanglos.

Der Wert im Einmaligen trifft auch bei der Geschichtswissenschaft zu. Als Beispiel soll die Stellung der christlichen Kirche gegen den Hellenismus dienen, die sich mit der Feststellung des Falls und der Erlösung des Menschen, also einem einmaligen Ereignis, von der Wiedergeburt losgesagt hat.

Hier sollte nun bezüglich des Zweckes der idiographischen Wissenschaft kein Zweifel mehr bestehen: sie ist enorm zweckmäßig.

Nun zur Zweckmäßigkeit der nomothetischen Wissenschaften:

Die Geschichtswissenschaft kann nur mit den Kausalerklärungen, die sie den Naturwissenschaften entliehen hat existieren. Mit diesem Satz ist die Frage nach dem Zweck der Naturwissenschaft auch schon beantwortet.

Nun aber noch einmal zur Kausalerklärung:

Will man historische Beweise auf ihre rein logische Form bringen, so erhalten sie stets als erste Prämisse Naturgesetze des Geschehens.

Dies ist schließlich eine sehr gewaltige Feststellung, denn das heißt es gibt letztlich keinen Gesamtzusammenhang von nomothetischer und idiographischer Wissenschaft, denn beide Wissenschaften bleiben nebeneinander bestehen und funktionieren parallel: sie verfolgen beide einen unterschiedlichen Zweck:

§        Die allgemeine, ewig gleiche Gesetzmäßigkeit gibt den festen Rahmen unseres Weltbildes vor

§        Innerhalb dieses Weltbilds befindet sich der Zusammenhang der Einzelheit.

Diese beiden Sätze bezeichnet Windelband als die „zwei Momente des menschlichen Wissens“. Was genau er damit meint wird im letzten Punkt nochmals deutlicher.

3.4.