1.Einführung
in den Neukantianismus
1.1 Eine grobe
Einteilung der Schulen des Neukantianismus:
2.Die Entstehung und Ausbreitung des Neukantianismus:
2.1
Auswirkungen des „Materialismusstreit“:
2.2
Auswirkungen der Repressionszeit auf die Philosophieentwicklung:
2.3 Gründe für
die Anknüpfung an Kant:
2.4 Neue
Rahmenbedingungen für die Philosophie begünstigen die Ausbreitung des
Neukantianismus:
2.4.1 In den
1870er Jahren verändern sich die außerphilosophischen Faktoren:
2.4.2 In den
1870er Jahren verändern sich auch die Bedingungen für eine akademische
Karriere:
Der Neukantianismus war eine philosophische Bewegung.
Er breitete sich nach schwierigen Anfängen in den 70 Jahren des 19.Jahrhunderts schnell aus
Höhepunkt der Wirksamkeit des Neukantianismus: Ende des 19 Jahrhunderts
Danach ist er wieder von der akademischen Bildfläche verschwunden.
Der Neukantianismus wurde von Kant selbst überlebt und war eine Philosophie seiner Zeit. Während der Neukantianismus in der philosophischen Szene des 20.Jahrhunderts nahezu keine Rolle mehr spielte, blieb Kant weiterhin im philosophischen Diskurs präsent. Im heutigen philosophischen Diskurs spielt der Neukantianismus kaum mehr eine Rolle.
Wie die deutsche akademische Philosophie zwischen Hegel und Heidegger, wurde der Neukantianismus lange Zeit von der Forschung vernachlässigt.
Weit mehr Interesse als den akademischen Philosophen der Epoche wurde Nietzsche und Marx entgegengebracht.
Die Konturen des Neukantianismus verschwanden um 1920 im philosophischen Nebel. Er wurde abgelöst von der Phänomenologie, der Existenzphilosophie und der Lebensphilosophie.
1. Marburger Neukantianismus
a. Herrmann Cohen
b. Paul Natorp
2. Südwestdeutscher Neukantianismus
a. Wilhelm Windelband
b. Heinrich Rickert
3. realistischer Neukantianismus
a. Alois Riehl
Oft wurden im Neukantianismus Wendungen gebraucht wie etwa die Redeweise von einem „Philosophieren im Geiste Kants“ . Damit wurde eine Nähe zu Kant suggeriert, die tatsächlich so nicht gegeben war
Führende Philosophiehistoriker sehen die Gründe für den Aufstieg des Neukantianismus in den Fortschritten der Naturwissenschaft. Diese Fortschritte leiteten das Verschwinden der Hegelschen Philosophie von der philosophischen Bildfläche in den 1850 er Jahren ein.
Die Naturwissenschaftler hatten am raschesten die romantisch-spekulativen Anwandlungen überwunden und ignorierten die spekulativen philosophischen Systeme ringsum.
Die Philosophie kehrte in die Bahnen der strengen Wissenschaft zurück, die sie im Zeitalter des Idealismus in verlassen hatte.
Die Philosophie begann ihre Arbeit ganz von neuem und bestimmte ihre Aufgaben und Probleme neu.
Es kam zu einer Hinwendung der Philosophie zur Erkenntnistheorie. Das hat gleichzeitig eine Wiederanknüpfung an die Kantische Philosophie mit sich gebracht.
Nach
dem Niedergang des Hegelianismus bekam ein an Kant orientiertes Philosophieren
eine neue Chance. Das hatte weniger mit den Vorzügen der kantischen Philosophie
zu tun. Vielmehr damit, dass Kants Philosophie sehr gut in die damalige
akademische Szenerie passte.
Ein
Grund für den Rückgang auf Kant war sicherlich die Unangemessenheit des Hegelianismus
an den naturwissenschaftlichen Fortschritt. Aber vielmehr hat eine bestimmte
politische Konstellation die Ausbreitung des Neukantianismus begünstigt.
Das Scheitern der Revolution von 1848 hatte nämlich zur Folge, dass politische und soziale Fragestellungen von den Universitäten verbannt wurden.
- So konnten neben Veteranen der spekulativen Philosophie
- nur erkenntnistheoretisch ausgerichtete Philosophen zum Zug kommen und dort bleiben.
Nach dem Niedergang der idealistischen Systemphilosophie hat sich ein materialistisch und positivistisch geprägter Zeitgeist ausgebreitet . Der Neukantianismus hat seinen Ursprung auch darin aber vielmehr in der politischen Repression im Gefolge der gescheiterten Revolution.
Die gescheiterte Revolution von 1848 bedingte eine
akademische Selbstbegrenzung der Philosophie. Die Selbstbegrenzung der akademischen Philosophie fand in der
Verwissenschaftlichung der Philosophie ihren Ausdruck. Im Neukantianismus erreichte diese
Verwissenschaftlichung ihren Höhepunkt.
Neben der Revolution von 1848 war noch der sogenannte „Materialismusstreit“ in den Jahren nach 1854 für die Entstehung des Neukantianismus bedeutsam:
Die philosophischen Fachvertreter wurden dabei genötigt, sich zu einem Christentum zu bekennen, das in eine staatstragende Ideologie umfunktioniert worden war, oder sich einem naiv- materialistischen Weltbild zuordnen zu lassen.
Auf die akademischen Fachvertreter wurde also der Zwang ausgeübt, weltanschaulich Stellung zu beziehen.
In dieser für die akademischen Fachvertreter bedrückenden Situation bot sich eine Anknüpfung an Kant wie von selbst an.
Kant hatte nämlich vor Augen geführt, dass das Unterfangen, die Philosophie in den Dienst weltanschaulicher Interessen zu stellen, nicht nur die Philosophie in den Ruin treibt, sondern auch praktisch schädliche Konsequenzen nach sich zieht.
Das für die weitere
Entwicklung der Philosophie wichtigste Ergebnis der Repressionszeit der 1850er
Jahre war, dass sich das Interesse der gebildeten
Öffentlichkeit von der akademischen Philosophie abspaltete.
Während sich die
gebildete Öffentlichkeit für Zeit- und Kulturkritik, für Fragestellungen der
politischen und praktischen Philosophie interessierte, zogen sich die
akademischen Fachvertreter von diesen Themenbereichen zurück.
Mindestens in den 1850er
Jahren war für die Berufsphilosophen in Deutschland ein Philosophieren, welches aktuelle politische Fragestellungen berührte,
unmittelbar existenzgefährdend. Sehr
schnell konnte man eine Stellung an der Universität damit einbüßen.
Mit dem Rückzug der
akademischen Fachvertreter von solchen Fragestellungen ging einher, dass die
Philosophie im öffentlichen Ansehen an Boden verlor. Gegen Ende der 1850er
Jahre war das Ansehen an einem Tiefpunkt angelangt. Es wurde Mode, akademische
Fachvertreter zu verunglimpfen.
Das gebildete Bürgertum interessierte sich eher für Schopenhauer. Daneben hatten materialistische Strömungen Konjunktur.
Auch die Vorläufergeneration der Neukantianer hat Probleme mit dem akademischen Fortkommen. Sie hatten große Probleme, weil man als akademischer Philosoph in den 1850er Jahren sehr leicht unter die Räder der staatlichen Disziplinierungsmaßnahmen kommen konnte:
Einige Philosophen, wie zum Beispiel Friedrich Überweg haben durchaus Schwierigkeiten dass
- sie zur Habilitation zugelassen werden
- ihnen die Lehrerlaubnis entzogen wird
- sie zeitweilig aus Preußen ausgewiesen werden (Rudolph Haym, Kuno Fischer)
Von denjenigen, die zur Vorläufergeneration des
Neukantianismus zu zählen sind und für die späteren Neukantianer den Weg
bahnten, hat nur einer eine geradlinige Karriere gemacht: Nämlich der philosophierende
Physiker und Physiologe Hermann Helmholtz.
Es waren nicht primär philosophische oder wissenschaftliche Gründe, die die Anknüpfung an Kant zur Jahrhundertwende begünstigten. Aber es gab natürlich auch solche.
Hegels Philosophie, die den Anfang des 19.Jahrhunderts dominiert hatte passte nun nicht mehr in die Zeit:
- Die Hegelsche Philosophie war dem naturwissenschaftlichen Fortschritt unangemessen.
- Hegel sagt, dass das naturwissenschaftliche Wissen grundsätzlich hypothetisch bleibt.
- Da er meinte, dass die Philosophie zu notwendig wahren Einsichten führt, achtete er die Naturwissenschaften zeit seines Lebens gering.
-
Die Naturphilosophie Hegels fällt gegenüber den
anderen Teilen seines Systems, der Logik und der Philosophie des Geistes
deutlich ab. So jedenfalls die Aussage des Autors (Manfred Pascher,
Einführung in den Neukantianismus,München,1997) auf dessen Ausführungen ich mich hier
beziehe.
o Der
Grundgedanke der Hegelschen Naturphilosophie ist, dass etwas Geistiges in der
Natur danach strebt, sich zu befreien.
Dieser Ansatz führte Hegel manchmal zu naturphilosophischen Spekulationen im
Geiste der Romantik.
Diese Spekulationen Hegels machten nicht nur auf Naturwissenschaftler einen
verwirrenden und abschreckenden Eindruck.
o Die Vertreter der aufstrebenden Naturwissenschaften konnten nicht viel mit Hegel anfangen.
Kant besaß im Vergleich zu Hegel nicht nur ein ungleich tieferes Verständnis für die Naturwissenschaften, darüber hinaus kann seine erkenntniskritisch ausgerichtete theoretische Philosophie geradezu als Theorie des naturwissenschaftlichen Erkennens verstanden werden.
-
Kant nahm in einem Bereich , den man heute als
wissenschaftstheoretisch bezeichnen würde, Einsichten vorweg, mit denen er
nicht nur seiner Zeit, sondern auch dem ganzen 19. Jahrhundert voraus war.
-
Es ist somit kein Zufall, dass Hermann
Helmholtz, einer der führenden naturwissenschaftlichen Köpfe der Zeit eine
Schlüsselgestalt beim Aufstieg eines an Kant orientierten Philosophierens war.
Mit dem Niedergang des Hegelianismus ging zunächst eine Ausbreitung naturalistischer und materialistischer Strömungen einher. Hegels Philosophie ist die äußerste Zuspitzung eines rationalistischen Apriorismus, also des Anspruchs, aus reiner Vernunft wirkliches erkennen zu können.
Bei Hegel gibt es eigentlich nur ein Agens, also eine treibende Kraft, nämlich das Absolute, im Sinne der absoluten Idee.
Kappt
man Hegels System um das Absolute , so kann man von einer konsequent materialistische Position
sprechen.
Der naive Materialismus, der sich mit dem Niedergang des
Hegelianismus ausbreitete, war vom systematischen Gehalt her einer Position
Kants weit unterlegen.
- Kant hatte gezeigt, dass in der theoretischen wie in der praktischen Philosophie auf der Basis eines naturalistischen Standpunktes Erkennen und moralisches Handeln nicht begreifbar gemacht werden kann.
-
In Kants differenzierter Sichtweise wurde der
Bereich des Erkennens vom religiös –moralischen Bereich klar
auseinandergehalten.
- Kants Position bildete nicht nur eine Alternative zum objektiven Idealismus, sondern auch zum Materialismus.
- Kants Position kam einer Haltung entgegen, die Verständnis für den Fortschritt der Naturwissenschaften aufbrachte, den verbreiteten materialistischen Zeitgeist aber ablehnte.
- Kant hatte einerseits die empirische Methode gegen die idealistischen Spekulationen verteidigt, und andererseits war er einem Standpunkt entgegengegangen, der die Methode verabsolutierte und mit ihr methodologisch naiv alle Phänomene erklären wollte.
- Kants Position kam dem bestehenden Bedürfnis nach einer Trennung zwischen Wissenschaft und Weltanschauung entgegen.
- Kant entwickelte nicht nur eine für die Naturwissenschaften hervorragend geeignete Methodologie, sondern er zeigte auch, dass wissenschaftliche Fragen im engeren Sinn unsere moralisch- religiösen Vorstellungen eigentlich gar nicht berühren.
ÞInsofern kam Kants Standpunkt all denen
entgegen, die die Hinwendung zu den
Naturwissenschaften begrüßten, die reduktionistischen
Tendenzen der verbreiteten materialistischen Strömungen aber ablehnten.
Ein gewisser Nachholbedarf nach einem erkenntnistheoretischen Philosophieren bestand dann auch deshalb, weil dieses durch die Dominanz des Hegelianismus , so lange stiefmütterlich behandelt worden war.
Ganz allgemein war die Ansicht verbreitet, dass die Philosophie nach Kant eine Fehlentwicklung durchgemacht habe, die es zu korrigieren gelte.
Zusammenfassend kann man sagen, dass der Neukantianismus seinen Erfolg zunächst dem verdankte, dass seine Grundüberzeugungen von so vielen geteilt wurden.
Der frühe Neukantianismus , der Neukantianismus der 1870er
Jahre folgte Kant darin, dass er seinen Schwerpunkt
in der erkenntniskritischen Ausrichtung sah und strikt für die Trennung
zwischen Wissenschaft und Weltanschauung war.
Zu Beginn der 70er Jahre beginnt die Periode des Neukantianismus im engeren Sinn, mit der eine unmittelbare Anknüpfung an Kant einher ging.
Qualitativ stellt Hermann Cohens Interpretation von Kants theoretischer Philosophie , Kants Theorie der Erfahrung von 1871, einen Meilenstein mit der Auseinandersetzung mit Kant dar.
Quantitativ kommt die Beschäftigung mit Kant jetzt in Mode:
1. In den 1860er Jahren wurden über Aristoteles und
Platon etwa viermal so viel Vorlesungen angeboten wie über Kant.
2. Ende der 1870er Jahre hat Kant alle anderen
Philosophen bis auf Platon überholt
3. Innerhalb von 10 Jahren stieg die Anzahl der Kant-
Veranstaltungen um das Dreifache an.
- Die Repressionen hatten sich in der zweiten Hälfte der 60er Jahre gelockert, und zu Beginn der 70er Jahre hatten die Philosophen von Staat und Kirche nichts mehr zu befürchten.
- Verliefen die akademischen Karrieren der Vorläufergeneration des Neukantianismus allesamt verschlungen, so sind diejenigen der ersten Generation der Neukantianer im engeren Sinn geradlinig.
- Sie machen ihre akademischen Karrieren ohne große Behinderungen und ohne durch außerakademische Tätigkeiten erzwungene Unterbrechungen.
- In einer ganz kurzen Zeitspanne, in den Jahren zwischen 1876 und 1878 werden die prominentesten Neukantianer überhaupt, Otto Liebmann, Hermann Cohen, Alois Riehl und Wilhelm Windelband, in ordentliche Professuren berufen.
Die Ursache liegt in der
Kombination zweier Faktoren.
1. Einerseits kann es in der Folge des Prozesses der
Reichsgründung in Deutschland zu einem massivem Ausbau der
Universitätslandschaft, bei der kurzfristig viele Dozentenstellen neu
geschaffen wurden.
2. Andererseits erreichte der politische Liberalismus ,
dem die meisten Neukantianer von der Geisteshaltung her nahe standen, Mitte der
70er Jahre den Zenit seiner politischen Wirksamkeit.
a. Die Neukantianer wurden so Nutznießer einer bestimmten kulturpolitischen Situation, die primär ihren Erfolg begründete.
ÞIn den 70er Jahren macht
sozusagen der Neukantianismus als philosophische Strömung Karriere.