"Alles, was mir in den Weg kommt, wird mir
zum Bild dessen, worüber ich noch denke"
Wittgenstein
Esfandiar Tabari (et@falsafeh.com) ;
Januar 2002
Dieser Text
beschäftigt sich mit drei Fragen:
1. Wie sind
unsere moralischen Handlungen logisch zu erklären?
2. Wo sind die
Quellen unserer moralischen Handlungen?
3. Wo sind die
Quellen des Dissens bei unseren moralischen Urteilen?
Diese Fragen
werden wie folgt beantwortet:
3.
Während in der Induktion die Verallgemeinerung des Prinzips
Quelle des Dissens ist, ist in der Abduktion die Meinungsverschiedenheit über
den Fall Grund des Dissens.[1]
Die Idee des Überlegungsgleichgewichts, die ursprünglich für die Erklärung von
Induktiven Schlussfolgerungen aufgestellt worden ist, kann für abduktive
Schlüsse auch aufschlussreich sein.
Dabei soll ein Überlegungsgleichgewicht innerhalb eines abduktiven
Systems (inneres Überlegungsgleichgewicht) sowie Überlegungsgleichgewicht als
Konsensmöglichkeit unter verschiedenen abduktiven Systemen (äusseres
Überlegungsgleichgewicht) in Betracht gezogen werden.
-
Prinzipien und Regeln
Für unsere
methodischen Untersuchungen ist es wichtig zwischen Regeln und Prinzipien zu
unterscheiden. Prinzipien sind das, was wir uns als Maxime unserer Handlungen
gesetzt haben. Regeln sind gültige Prämissen, die nicht nur unsere
individuellen Handlungen betreffen, sondern als Vorgabe für jede Handlung in
Betracht kommen. Prinzipien sind Entscheidungen oder Handlungen. Regeln sind
Normen.
Nach Roland
Dworkin haben Regeln zwei Eigenschaften:
Erstens eine
Alles-oder-Nichts-Angelegenheit: Eine Regel gilt entweder oder sie gilt nicht. Wenn
sie gilt, dann schreibt sie eine Entscheidung vor. Wenn nicht, scheidet sie aus
dem Entscheidungssystem aus.
Zweitens wenn
eine Regel gilt, darf ihr Widerspruch nicht gelten, ansonsten ist die Regel
fehlerhaft und ihre Gültigkeit ist zu bezweifeln. Zwei widersprüchliche Regeln
können nicht gleichzeitig gelten.
Prinzipien
verhalten sich in diesen beiden Punkten anders. Erstens spielt bei ihnen die
Dimension der Gewichtung eine Rolle; sie können für einen Fall relevant sein
und man kann sich auf sie als Argumente zugunsten einer Entscheidung berufen,
ohne dass sie diese Entscheidung vorschreiben. Zweitens können sie im
Widerspruch zueinander stehen und trotzdem weiterhin gültige Regeln des Systems
darstellen.
In der
Moralphilosophie ist die Existenz einer Regel immer mit ihrer Gültigkeit
verbunden. Wenn sie gilt, dann existiert sie als Norm. Wenn nicht, dann ist sie
eben keine Regel mehr.
-
Abduktion als Grundlage für
moralische Begründung
Nach unserer
Definition von Regeln und Prinzipien gilt dann folgende schematische
Darstellung für logische Schlussfolgerungen:
Regel Prinzip Prinzip
Fall Fall Regel
-------------- -------------- ---------------
Prinzip Regel Fall
Zunächst
bringen wir ein Beispiel für eine deduktive Schlussfolgerung:
Regel: Ein
Mörder soll bestraft werden
Fall:
X ist ein Mörder.
Prinzip: X
soll bestraft werden.
Die
Plausibilität dieser Schlussfolgerung besteht in der als moralisch akzeptierten
Norm, dass Mord nicht erlaubt ist. Ihre deduktive Eigenschaft liegt auf der
einen Seite in der Allgemeinheit der Aussage (X soll bestraft werden, aber
welche Strafe wird hier nicht gefragt) und auf der anderen Seite in der
Überzeugung, dass X tatsächlich ein Mörder ist.
Ein anderes
Beispiel für ein deduktives Aussagesystem ist:
Regel: Freiheit
und Gleichheit gilt für alle Menschen.
Fall: Arme
Leute sind Menschen.
Prinzip: Freiheit
und Gleichheit gilt auch für arme Menschen.
Dieses
deduktive Aussagesystem enthält in der Schlussfolgerung (als Prinzip) nichts
neues als das was bereits in den Prämissen (als Regel und Fall) erwähnt ist.
Daher kann diese Schlussfolgerung (Prinzip) nicht zu einem Dissens führen. Ein
Dissens kommt zustande, wenn es darum geht, "Freiheit" und "Gleichheit"
gesellschaftlich zu bestimmen. Diese Prinzipien können nicht deduktiv
abgeleitet werden, da gültige Prämissen dafür fehlen.
Abduktive Schlüsse werden
in der Moral gezogen, wenn wir unter vorhandenen induktiven Schlussfolgerungen
eine Priorität setzen wollen. Diese These wird hier anhand verschiedener
Beispiele erläutert.
Nehmen wir als Beispiel
den Krieg in der Afghanistan:
Es gibt zwei
Aussagesysteme, die in diesem Zusammenhang induktiv abzuleiten sind:
A.
Für Krieg: (induktiv)
Prinzip: Es soll gegen die
afghanische Regierung Krieg geführt werden.
Fall: Die
afghanische Regierung ist eine terroristische .
Regel: Krieg
gegen Terroristen ist erlaubt.
B.
Gegen Krieg: (induktiv)
Prinzip: Es soll gegen die
afghanische Regierung kein Krieg geführt werden
Fall: Im
Krieg werden Zivilisten getötet.
Regel: Krieg
gegen Zivilisten ist nicht erlaubt.
Die beiden Aussagesysteme
A und B widersprechen sich. Ursache dieses Dissens der beiden Aussagen sind die
ausgewählten Prinzipien, deren Begründung induktiv erfolgt. Die Fälle und
Regeln werden weitgehend von beiden Gruppen akzeptiert. Die Ursache des Dissens
liegt jedoch in der abduktiven Prioritätssetzung einer der genannten
Prinzipien:
Für die Gruppe, die den
Krieg vorziehen, hat der Fall, dass Terroristen dabei getötet werden, höhere
Priorität als der Fall, dass dabei auch Zivilisten getötet werden. Diese
Prioritätssetzung hat einen abduktiven Charakter und ist der Grund für den
Dissens. Abduktiv ist sie deshalb, weil wir nicht wissen, ob tatsächlich mit
dem Krieg die terroristischen Organisationen vernichtet werden oder "nur"
Zivilbevölkerung. In der Abduktion liegen auf der einen Seite "Regeln" und
"Prinzipien" und auf der anderen Seite "Fälle". Jede abduktive Entscheidung ist mit einer Erklärung ausgerüstet.
Die jenige Erklärung, welche die beste Kohärenz und Konsistenz mit dem "Fall"
besitzt gilt als beste Erklärung. D.h. hier soll ein "ständiger" Austausch
zwischen "Prinzipien" und "Regeln" auf der einen Seite und den zu
beschreibenden "Fällen" auf der anderen Seite existieren. Dies beschreibt die
Idee des Überlegungsgleichgewichts in einer abduktiven Grundform. Ein solches "abduktives inneres
Überlegungsgleichgewicht" innerhalb eines
Aussagensystems, welche Goodman als induktive Aussagesysteme beschreibt,
kann auf einer kohärenztheoretischen Betrachtungsweise aufgebaut werden.
Umberto Eco unterscheidet
drei verschiedene Typen der Abduktionen:[2]
Die eine "übercodierte
Abduktion" zeichnet sich dadurch aus, "dass das Vermittlungsgesetz zur
Ableitung des Falles aus dem Ergebnis zwingend und automatisch, bzw.
quasi-automatisch vorgegeben ist." Solche übercodierten Abduktionen haben eine
"niedere" Stufe und daher eine höhere "Plausibilität" der Richtigkeit, da ihre
Richtigkeit direkt unseren Wahrnehmungen entspricht. Die übercodierten
abduktiven moralischen Handlungen haben oft eine "individuelle" bzw.
"kollektive" Reichweite (d.h. von einem
Individuum zu einem anderen bzw. Familien- oder Arbeitskreis) und sind situationsabhängig.
Die Entscheidung zu lügen, um einen Freund nicht in eine schwierige Situation
zu bringen, ist ein Beispiel dafür. Da meine Entscheidung zu lügen immer von
einer Unsicherheit begleitet ist (es kann sein, dass der Freund damit in eine
neue Schwierigkeit gerät), haben solche Handlungen einen rein abduktiven
Charakter.
Beim "untercodierten Abduktionstyp" wird "das Vermittlungsgesetz zur Ableitung des Falles durch
Auswahl aus den verfügbaren Enzyklopädien gefunden", das heißt, dass die wechselseitige
Implikation von Regel und Handlung mehrere gleichberechtigte Schlüsse
zulässt. Das bereits erwähnte Beispiel,
Urteile über den Krieg in Afghanistan, repräsentiert eine untercodierte
Abduktion. Die Reichweite solcher Schlussfolgerungen kann Kollektiv und
gesellschaftlich sein.
Der dritte Typ ist die
"kreative Abduktion". Diese abduktiven Schlussfolgerungen haben eine sehr hohe
Unsicherheit, aber dafür sind sie sehr kreativ und stellen ganz neue moralische
Fragen zur Debatte, z.B. die Aussagen
über aktive Sterbenhilfe, Gentechnologie und ihre Anwendung oder über das
Abtreibungsproblem. Die Reichweite solcher Entscheidungssysteme ist
individuell, kollektiv und gesellschaftlich.
(Quelle der
abduktiven Entscheidungen in der Ethik)
Nachdem wir die drei
Abduktionsarten nach Eco geschildert
haben, stellt sich die Frage, wie es zur hypothetischen Handlungen in
der Moral kommt?
Für eine einführende
Antwort auf diese Frage werden hier unter jedem Typ von Abduktion zwei weitere
Arten unterschieden: die analogische und die substantielle Abduktion.
a) Analogiegesteuerte Abduktion
In der Analogie werden die Fälle
miteinander verglichen. Ein Vergleich unter verschiedenen Fällen ist kein
logischer Schluss. Das soll aber nicht bedeuten, dass die Analogie nur als eine
Metapher gilt. Die Analogie ist ein Verfahren, das wir täglich anwenden. Mit
Analogien können wir schnell auf eine Schlussfolgerung kommen. Die Richtigkeit
einer analogischen Schlussfolgerung ist
stark kontextabhängig: der Zweck
bestimmt dabei den Kontext, z.B. es kann ein Auto mit einem Tiger verglichen
werden, wenn dabei der Inhalt des Vergleichs Schnelligkeit und Kraft ist. Der
Zweck des Vergleichs bestimmt den Kontext der Analogie.
Nach
Bobbio ist der analogische Gedankengang "ein Gedankengang, in dem es zwei durch
Ähnlichkeit verbundene Ausdrücke gibt, wobei dem zweiten ein Prädikat des
ersten zugeordnet wird"[3]
mit anderem Worten:
"Q ist P,
S ist ähnlich wie Q, S ist P"
Aristoteles
hält die Analogie neben der Induktion und der Deduktion für einen autonomen
Gedankengang. Während die Deduktion von Allgemeinen auf das Besondere und die
Induktion vom Besonderen auf das Allgemeine schließt, führe die Analogie - so
diese Ansicht - vom Besonderen zum Besonderen. Diese Ansicht ist nach Bobbio
nicht haltbar, "entweder sie bezieht
sich ausschließlich auf die Formulierung, so dass tatsächlich die erste Voraussetzung
und die Schlussfolgerung besonders sind; dann zeigt sie keinen Unterschied
zwischen Analogie und deduktivem Syllogismus auf. Denn dieser kann ebenfalls
eine derartige Formulierung annehmen, wenn nur die zweite Voraussetzung
allgemein ist. Oder die Formel berücksichtigt gerade die Eigenart der Struktur
des Gedankenvorganges, wodurch sie verstehen lassen will, dass bei einer
Analogie eine Schlussfolgerung ohne allgemeine Voraussetzung gezogen werden
kann. In diesem Falle sagt sie aber eine Absurdität aus, denn es ist eine
fundamentale Regel, dass aus zwei besonderen Voraussetzungen kein Schluss
gezogen werden kann."[4]
Der
Begriff Ähnlichkeit bezieht sich nach Bobbio auf eine Relation. Sie bezeichnet
eine Beziehung zwischen zwei oder mehreren Objekten, die man ähnlich nennt. Sie
sind ähnlich, weil sie "etwas gemeinsames" haben.
"Ähnlichkeit"
und "Identität" sind zwei Begriffe, die in den analogischen Gedankengängen eine
zentrale Rolle spielen. Je nach der Stärke der Ähnlichkeit zwischen zweier
Objekten kann die Identitätsrelation
zwischen diesen Objekten variieren. Mit anderem Worten "S ist ähnlich Q" kann
bedeuten: "S ist M und Q ist M" oder kann auch bedeuten "S ist P; S ist M; Q
ist M; Q ist P". In diesem Fall haben wir es mit einer komplexen Analogie zu
tun, in der die Ähnlichkeitsrelationen nicht mehr sichtbar sind. Nehmen wir das
Beispiel von Aristoteles:
4.
Fall: Der Krieg der Athener gegen die Thebaner ist übel.
5.
Fall: Der Krieg der Thebaner gegen die Phokäer.
6.
Ähnlichkeitsrelation: Der Krieg der Thebaner gegen die Phokäer
ähnelt den Krieg dem Athener gegen die Thebaner.
7.
Daraus folgt, dass der Krieg der Thebaner gegen die Phokäer übel
ist.
Was den
Fall 1 und 2 miteinander verbindet, ist "der Krieg". Diese analogische Schlussfolgerung
(dass der Krieg der Thebaner gegen die Phoäker übel ist ) kann als "Prinzip" in
einem abduktiven Gedankensystem
eintreten:
1.
Prinzip: Der Krieg der
Thebaner gegen die Phokäer ist übel.
2.
Regel: Im Krieg werden viele Unschuldige getötet.
3.
Fall: Der Krieg der Thebaner gegen die Phokäer ist in der Tat
übel.
In dem
ersten Fall der Analogie (Der Krieg der Athener gegen die Thebaner ist übel)
kann eine deduktive Schlussfolgerung wie folgt gesteckt haben:
1.
Regel: Alle Kriege gegen Nachbarn sind übel
2.
Fall: Der Krieg der Athener gegen die Thebaner war ein Krieg
gegen Nachbar.
3.
Prinzip: Der Krieg der Athener gegen die Thebaner ist übel.
Es ist
einzusehen, dass solche Analogiesschlüsse eine sehr hohe Unsicherheit haben und
falsch oder richtig sein können. Wie Ulrich Klug[5]
beschreibt, kann man nicht immer von einer bestimmten Ähnlichkeit ausgehen.
Analogieschlüsse sind besonders verdächtig, wenn man von einer allgemeinen
Ähnlichkeit ausgeht. In dem genannten Beispiel sind "Krieg" oder "übel" die
bestimmten Ähnlichkeiten. Bei den allgemeinen Ähnlichkeiten unterscheidet man
zwischen "formaler" und "wahrer" Richtigkeit. Die Tatsache, dass Mars und Erde
ähnlich sind, kann uns, analogisch gesehen, zu dem Schluss führen, dass der
Mars ebenfalls auf der Oberfläche belebt ist. Diese Schlussfolgerung ist formal
richtig aber nicht in der Tat richtig.
Wie wir
sehen ist eine Rechtfertigung der analogischen Schlüsse nur in einem abduktiven
Gedankensystem möglich.
Analogie Abduktion
1.
Fall + 2. Fall à
Prinzip + Regel à Fall
Nicht
immer haben die ausgewählten abduktiven moralische Prinzipien einen
analogischen Ursprung. Oft versucht man eine kausale Verbindung (statt einer
analogischen) festzustellen.
In unserem Beispiel, Krieg in Afghanistan, vergleicht die
erste Gruppe die Anzahl der Opfer und die Grausamkeit
der Attentate vom 11.September mit der möglichen Anzahl der zivilen Opfer in
Afghanistan. Für diese Gruppe kann der
Krieg problematisch werden, wenn diese Analogie eine vergleichbare Dimension
erreicht oder wenn die erwarteten Ergebnisse als nicht befriedigend erscheinen
(z.B. wenn die Terroristen nicht geschlagen
werden). Das Verhalten dieser Gruppe ist durch eine Analogie
in einer untercodierten Abduktion zu begründen. Neben der bereits erwähnten
Analogieversuche in diesem Beispiel
stellt man hier bestimmte kausale Verbindungen fest. Bei dem Krieg kommt nicht
jedes beliebige Land als Angriffsziel in Frage, sondern die Regierung, die
verantwortliche Terroristen
unterstützt.
B) Substantiell abduktive Schlüsse
Es gibt
auch abduktive Schlüsse, in denen jede analogische Form bewusst vermieden wird.
In dem Beispiel des Krieges
in Afghanistan versucht die zweite Gruppe (gegen Krieg) die Analogie bewusst zu
vermeiden und viel mehr substantiell, d.h. informationsgesteuert vorzugehen:
Jede Information über die Anzahl der Toten oder die negativen Auswirkungen des
Krieges ist ein Grund für die Bestätigung ihrer ebenfalls untercodierten
Abduktion.
Die Rechtfertigung der
abduktiven Schlussfolgerung ist in diesem Fall viel stärker
informationsabhängig als bei der analogischen Form der Abduktion. Eine kleine
qualitative "Informationsänderung" beim Beurteiler kann zu einem neuen Urteil
führen. Nehmen wir z. B. die
Beziehungskrise zwischen Ehepaar x1 und y1 :
A:
1)
Prinzip: y1 verliebt sich in x2 (einen
anderen Mann); aber sie entscheidet sich nicht für eine Beziehung mit x2
.
2)
Regel: Grund ist die moralische Regel: " Man soll in der Ehe treu
bleiben"
3)
Fall: y1 und x2
brechen ihre Beziehung ab.
Nun stellen wir uns vor, dass x2 und y1
beide "wissen", dass x1
bereits eine Beziehung mit einer anderen Frau (y2) hat (W). Dann
können wir uns eine andere Version für diese Beziehungskrise vorstellen:
B:
4)
Prinzip: y1 verliebt sich in x2 (einen anderen
Mann) und entscheidet sich für eine Beziehung mit x2 .
5)
Regel: Grund ist das Hintergrundwissen (W) und die moralische
Regel: " Liebe ist etwas moralisches"
6)
Fall: y1 und x2
schließen sich zusammen.
Wir sehen dass sich der Ausgang der ausgewählten Prinzipien
sich je nach Informationsstand der Betroffenen stark ändern kann. Aus dem Beispiel ist auf den ersten
Blick zu sehen, dass es einen
qualitativen Wert der Information gibt, der für unsere ethischen "Handlungen"
die entscheidende Rolle spielt. Dieser qualitative Wert ist die "Richtigkeit"
der Information, ein "Wert", der einem
Zustand zukommt. Eine moralische Bewertung der Handlungen kann ebenfalls je
nach Berücksichtigung der Information (W) variieren. (Perspektivwechsel wird an
einer anderen Stelle behandelt)
3. Wo sind die Quellen des Dissens bei unseren moralischen
Urteilen?
-
Abduktion und
Überlegungsgleichgewicht
Wie bereits erwähnt haben
unsere moralische Handlungen oft einen abduktiven Charakter.
In der Abduktion wird ein Prinzip
als moralisch angenommen. Seine Übereinstimmung mit der bestehenden Regel wird
als vorausgesetzt akzeptiert, da das Ziel der Handlung moralisch gerechtfertigt
ist. Diese Übereinstimmung hat jedoch einen hypothetischen Charakter, solange
keine objektive Verbindung zwischen dem moralischen Prinzip (oder Prämisse) auf
der einen Seite und dem Fall auf der
anderen Seite besteht. Es wird dann versucht die Fälle zu rekonstruieren, in
denen eine Explikation der Regel aus dem Prinzip möglich wäre. Dies wurde
bereits anhand verschiedener Beispiele verdeutlicht.
Die
Fragen, die nun beantwortet werden sollen, sind:
a.
Nach welchen Kriterien ist ein abduktives Entscheidungssystem zu
rechtfertigen?
b.
Wie können verschiedene abduktive Entscheidungssysteme zu einem
Konsens kommen?
Als
eine Antwort auf diese Fragen wird hier die Idee des Überlegungsgleichgewichts
als ein möglicher Ansatz verwendet:
a.
Überlegungsgleichgewicht innerhalb eines abduktiven Systems
(inneres Überlegungsgleichgewicht)
b.
Überlegungsgleichgewicht als Konsensmöglichkeit unter
verschiedenen abduktiven Systemen (äußeres Überlegungsgleichgewicht)
a. Überlegungsgleichgewicht innerhalb eines
abduktiven Systems (inneres Überlegungsgleichgewicht)
Wie wir
bereits gesehen haben, stehen in den abduktiven Schlüssen stehen auf der einen
Seite unsere ausgewählten Prinzipien und Regeln und auf der anderen Seite die
tatsächlichen Fälle. Das ausgewählte Prinzip wird durch die Regel unterstützt.
Die Auswahl der Regeln ist so trivial, dass sie viel mehr durch das bereits
"ausgewählte" Prinzip bestimmt wird. In diesem Aussagesystem wird
ständig eine Übereinstimmung zwischen Prinzip und Regel vorhanden sein. Die
ausgewählten Prinzipien können, wie bereits geschildert, irrational oder
rational zustande kommen. Die Analogie ist die irrationale Form der Abduktion.
Die rationale Form wird substantiell durch "Wissen" unterstützt.
Mit der
Idee des Überlegungsgleichgewichtes versuchte
Nelson Goodman dem
Induktionsproblem eine pragmatische Sicht zu geben.
Gleichgewicht
soll dabei zwischen Prinzipien und Fällen auf der einen Seite und Regeln auf
der anderen Seite bestehen:
Induktion: Prinzip
+ Fall --> Regel
z.B.
das Prinzip "Schwäne sind weiß" kann durch einige Beobachtungen
(Fälle) bestätigt werden. Dieses Prinzip wird dann als Regel verallgemeinert in
der Form "Alle Schwänne sind weiß"
Wenn
nun diese Regel durch einige Beobachtungen verletzt wird, soll das Prinzip etwa
heißen: "einige Schwäne sind weiß". Mit den anderen Worten, entsteht
ein Überlegungsgleichgewicht innerhalb eines Aussagensystems. Das Aussagenprinzip "Lügen ist nicht
erlaubt" gilt als eine allgemeine Regel, die zum Prinzip wird. Wenn nun in
einer Situation (Fall) "Lügen" als notwendig erscheint (d.h. als ein
moralisches Gebot), dann heißt es in der Regel "Lügen ist nur manchmal
erlaubt". Diese Art Wechselwirkung zwischen "Prinzip" und
"Regel" in der Induktion ist der Kern der Idee des
Überlegungsgleichgewichtes bei Goodman.
Rawls geht in
seiner Theorie der Gerechtigkeit auch von dieser Art der induktiven Logik aus:
Die Prinzipien müssen noch
gefunden werden. Seine deduktive Annahme (Prinzip), alle Menschen sollen frei
und gleich sein, beweist er durch den idealisierten Fall des "Urzustandes".
Daraus sucht er die Prinzipien, die am besten zu rechtfertigen sind. Dabei geht er folgendermaßen vor:
die Prinzipien existieren nicht und müssen erst gefunden werden.
Um die richtigen
Prinzipien finden zu können geht er von zwei Klassen aus und baut hier auf seine
Kriterien auf. Die erste Klasse ist die Klasse der kompetenten Moralbeurteiler,
die bestimmte Kriterien, wie Intelligenz, Wissen über ihre Umwelt, Vernunft und
Umgang mit der induktiven Logik, Begründungsfähigkeit, Aufgeschlossenheit
gegenüber Problemen usw. erfüllen
müssen. In der zweiten Klasse, nämlich ere Klasse der wohldurchdachten
moralischen Urteile müssen ebenfalls harte Kriterien wie Integrität des
Beurteilers, sorgfalt, Intuitivität des Urteils (keine bewusste Anwendung!)
usw. erfüllt sein müssen. Methodisch gesehen müssen aus so entstehenden
Prinzipien die Regeln explizierbar sein: Die Explikation ist die anfängliche
Form der Idee des Überlegungsgleichgewichtes bei Rawls. Auch für Goodman ist das Überlegungsgleichgewicht
eine "Leitmethode" für die Rechtfertigung der Induktion oder genauer gesagt,
dadurch bekommt das Rechtfertigungsproblem der Induktion eine neue Dimension:
sie setzt sich in einem fortsetzbaren Zirkel zwischen Regeln und Prinzipien,
die sich gegenseitig rechtfertigen sollen. Rawls geht für den Aufbau seiner
Theorie der Gerechtigkeit (wie Goodman) von der induktiven Logik aus (das ist
nämlich für den "Aufbau der neuen und richtigen Prinzipien" sehr wichtig). Seine theoretische Methode
erhebt den Anspruch auf Generalisierbarkeit auf dem Gebiet der
Moralphilosophie. Dabei kann Rawls
Theorie in der Analyse der moralischen Handlungen eine Dritt- Beobachter Rolle
spielen.
Die Gemeinsamkeit der
abduktiven und induktiven Schlüsse besteht darin, dass bei beiden im Gegensatz
zum deduktiven Schluss von einem Folgerungsteil auf den Bedingungsteil
geschlossen wird. Die Ursache des Dissens in den induktiven Schlüssen ist nicht
der bestimmte Fall, in dem die ausgewählten Prinzipien gelten können, sondern
hier ist der Anspruch auf die "Allgemeinheit der Prinzipen" das
Hauptproblem. Anders als in der Induktion ist in der Abduktion die
Fallbeschreibung und -konkretisierung der Hauptgrund des Dissens, da hier der
Fall entweder noch nicht eingetroffen ist, oder Informationen fehlen. Die erste These dieser Arbeit lautet:
Anders als in der Induktion ist in einem
abduktiven Überlegungsgleichgewicht eine Konsistenz zwischen Prinzip und Fall
zentral:
Abduktion: Prinzip
+ Regel --> Fall
Während
in der Induktion die Verallgemeinerung des Prinzips als "Regel" das
Hauptproblem darstellt, ist in der Abduktion die "Fallbeschreibung"
das Zentrum des Dissens.
In der
Abduktion ist das Verhältnis zwischen "Prinzip" und "Fall" intuitiv. Die
Auswahl der Regeln, welche Prinzipien unterstützen, ist jedoch rational. Das Überlegungsgleichgewicht ist innerhalb
eines abduktiven Systems ein intuitiver Zustand, während die "Konsistenz"
zwischen "Prinzip" und "Regel" eine rationale Feststellung ist, z.B. das Aussagesystem:
a) Menschliche Organe sollen geklont werden. (Prinzip)
b)
Menschen zu instrumentalisieren (als Rohmaterial zu verwenden), ist nicht
erlaubt (Regel)
c)
Durch Klonen von menschlichen Organen wird ein krankes Organ erfolgreich
behandelt . (Fall)
In
diesem Aussagesystem existiert keine Konsistenz zwischen a und b und damit ist
c keine logische Schlussfolgerung von a und b. Es besteht jedoch ein "inneres"
Überlegungsgleichgewicht zwischen a und c, da der Fall c eine Bestätigung für
das Prinzip a liefert, d.h. "aus c kann a expliziert werden." Das System ist logisch (rational) nicht
vertretbar (da b keine rationale Begründung für a liefert) aber intuitiv
haltbar, da eine Explikation von c nach a ohne b möglich ist. Etwas anderes ist das Aussagesystem:
a)
Menschenorgane sollen geklont werden. (Prinzip)
b)
Kranke Organe zu heilen ist erlaubt. (Regel)
c)
Geklonte Organe werden kommerzialisiert. (Fall)
In diesem Aussagesystem besteht eine
Konsistenz zwischen a und b, da b eine rationale Begründung für a gibt, aber
aus c kann das Prinzip a nicht expliziert werden. D.h. es fehlt ein
Gleichgewicht zwischen Prinzip a und Fall c. Der Fall c kann moralisch gesehen nur zu einem Verneinen des
Menschenklonen führen. Das Aussagesystem ist intuitiv nicht haltbar, da eine intuitive
Verbindung mit der Praxis (c) fehlt, aber rational kann es begründet werden, da
es sich nur um ein abduktives System handelt und man damit immer noch auf Fälle
verweisen oder hoffen kann, in denen c
nicht der Fall ist.
Nun beschäftigen wir uns mit der Frage des
Überlegungsgleichgewichtes unter verschiedenen Aussagesysteme.
b. Überlegungsgleichgewicht als
Konsensmöglichkeit unter verschiedenen abduktiven Systeme (äußeres
Überlegungsgleichgewicht)
In den nichtdeduktiven Systemen ist die Erklärungsstärke ein
Maß für die Kohärenz. Dies ist besonders bei Abduktion der Fall, da es hier um
den Schluß der besten Erklärung geht. Der Begriff der Erklärungsstärke ist ein
zentraler Begriff der Kohärenztheorie. Dort treten die Begriffe der unscharfen
Logik wie "je besser", "je weniger", "je bewährter", "je öfter" usw. auf.
Nach Bartelborth [TB- Bt] wird in der Kohärenztheorie bei
der Analyse der Kohärenz zwischen relationaler und systematischer Kohärenz
unterschieden. Dem Begriff der systematischen Kohärenz stellt er den Begriff
der Inkohärenz gegenüber. Die systematische Kohärenz ist dabei die Kohärenz
eines Überzeugungssystems. Ein Überzeugungssystem ist nach Bartelborth um so
kohärenter:
1. je mehr inferentielle Beziehungen (logische und
Erklärungsbeziehungen) die Propositionen in X vernetzen (Vernetzungsgrad)
2. je besser die Erklärungen sind, die X vernetzen
(Erklärungsstärke)
3. je weniger Inkohärenzen in X vorliegen (Inkohärenzgrad)
4. je bewährter X ist (Stabilitätsbedingung)
Die relationale Kohärenz gibt dabei an, wie gut eine Aussage
oder Meinung P in ein Überzeugungssytem X paßt. Nach Bartelborth paßt eine
Aussage p um so kohärenter in das Überzeugungssystem X:
1. (Abduktionsbedingung)
1. je mehr Propositionen aus X die Aussage P erklärt oder
abzuleiten gestattet und
2. um so besser es sie erklärt,
2. (Einbettungsbedingung)
1. je öfter P aus X abzuleiten ist und
2. je öfter und besser P von den Propositionen aus X erklärt
wird.
Es läßt sich zu einem System meist ein größeres System
finden, das eine Inkohärenz mehr enthält, aber logisch gleichwertig ist.
Das Überlegungsgleichgewicht erzeugt ein maximales Maß an
Konsistenz zwischen Überzeugungssystemen, die ein minimales Maß an Kohärenz
besitzen. Ohne Kohärenz können die Systeme nicht ins Gleichgewicht kommen. Die
Überzeugungssysteme im Überlegungsgleichgewicht stellen ein relationale
Kohärenz dar: Für diese Systeme sind Abduktion und Einbettung zentrale
Begriffe. Durch vernünftige Erklärung und rationale Auseinandersetzung können
die Überzeugungen den Weg zum Gleichgewicht mit anderen Überzeugungssystemen,
die ebenfalls so behandelt werden, finden.
Das Überlegungsgleichgewicht als ein Zustand kann als
systematische Kohärenz betrachtet werden. In diesem Zustand befinden sich die
konsistenten Überzeugungssysteme, die ein minimales Maß an Kohärenz besitzen.
Die Überzeugungssysteme in einem Überlegungsgleichgewicht sind über die
Grundsätze miteinander vernetzt. Je stärker die logische Erklärungsbeziehung zwischen
ihnen ist, um so größer ist die inferentielle Beziehung dieses
Vernetzungsgrades und infolgedessen die systematische Kohärenz der Urteile
innerhalb des Gleichgewichts. Die Stabilität eines solchen
Gleichgewichtszustands hängt somit von dieser systematischen Kohärenz des
Systems als Ganzes ab. Die Stabilität des Überlegungsgleichgewicht bewährt sich
nicht, da ständig neue Überzeugungssysteme auftauchen und damit ein neues
Gleichgewicht zustande kommt. Das Gleichgewicht ist umso gestörter in Überzeugungssystemen
1) je mehr Inkonsistenzen in Fallbeschreibung auftreten,