Ästhetik von Friedrich Schiller

Ästhetik von Friedrich Schiller

Esfandiar Tabari

0. Einführung

Mit dem Dualismus des Verstandes (des praktischen und des theoretischen) bei Kants Kritik der Urteilskraft wird eine Kluft zwischen Theorie und Praxis geworfen. Dabei stellt sich die Frage, wie sich die Einheit der Vernunft aus einem Grundsatz herleiten lässt. Das Prinzip des Verstandes ist nicht das Prinzip der Praxis. Die Beseitigung dieser Kluft zwischen Praxis und Theorie, Natur und Freiheit hat für die systematische Verfasstheit der Philosophie eine große Bedeutung. Der Dualismus zwischen Sinnlichkeit und Verstand, dem im Bereich der praktischen Philosophie ungefähr der zwischen niederem und höherem Begehrungsvermögen entspricht, stellt ein weiteres Hindernis dar. Für die Beseitigung dieses Abgrunds führt Kant zwei Begriffe ein: Einbildungskraft und Urteilskraft.

Die Einbildungskraft vermittelt das anschaulich Gegebene mit den Bedingungen der Verstandessynthese. Die Urteilskraft sucht zu konkreten Gegenständen den Vernunftbegriff.

Die Urteilskraft bezieht vom Verstand (vermittels der Einbildungskraft) schon bearbeitete Anschauungskonfigurationen auf die Vernunft, weil der gesuchte Begriff kein solcher des Verstandes sein kann. Der würde nämlich Anschauungen zu einer Erkenntnis machen.

Wenn ich über die Schönheit einer Vorstellung urteile, bezieht das Urteil die Vorstellung nicht auf einen Verstandesbegriff, sondern auf das subjektive Gefühl. Das Schöne ist begrifffrei und autonom. Nach Kant sind die Begriffe, die das Schöne hervorbringt, unbestimmt oder leer und besitzen daher keine Objektivität. Schiller bezeichnet die kantische Ästhetik als subjektiv-rational.

Etwas anderes ist es bei Edmund Burke (1729-1797): Er unterscheidet zwischen dem Schönen und dem Erhabenen. Das Schöne ist verbunden mit dem Geselligkeitstrieb und das Erhabene mit dem Selbsterhaltungstrieb. Beide Triebe sind Subjekt bezogen. Somit findet die Ästhetik bei Burke eine psychologische Dimension, in der Vernunft und Verstand ausgeschaltet sind und die nach Schiller eine sinnlich-subjektive Form besitzt.

Für Baumgarten (1714-1762) ist Ästhetik als Wissenschaft der sinnlichen Erkenntnis definiert. Er setzt eine sinnliche Erkenntnisanstrengung voraus. Das sinnlich Wahrgenommene wird dort nicht zum passiven Material für rationale Erkenntnisprozesse gemacht, sondern hat als klare, aber undeutliche Repräsentation der Welt ihre Dingität und Legitimation. Eine solche sinnliche Erkenntnis hat jedoch kein Recht auf Autonomie. Sie ist vielmehr eine vorläufige Form endlichen Erkennens. Baumgartens ästhetische Theorie wird von Schiller als rational-objektiv eingestuft.

1) Kallias oder über die Schönheit I : wesentliche Aspekte

Man kann die ersten dreißig Seiten von "Kallias oder über die Schönheit" auf einen wesentlichen Punkt bringen:

eine objektive Begründung des Phänomens des Schönen

1.a) Warum die Objektivität ?

Nun stellt sich zuerst die Frage, warum Schiller diese Objektivität begründen will bzw. was er damit erreichen möchte?

Schiller ist stark von Kant beeinflusst; die terminologische Beschreibungsweise ähnelt der kantischen sehr stark. Was aber Schiller vor allem als ein Dichter anderes sieht, ist die Bedeutung und die Rolle des Schönen bei den menschlichen Sinnen und Gefühlen. Jede Theorie über das Schöne enthält nach Schiller einen Teil der Wahrheit. Dadurch dass die Schönheit meist unter dem Begriff eines Zwecks steht, besteht jedoch eine Verwechselung des logisch Guten mit dem Schönen. Kant als Philosoph nimmt eine freie, autonome und intellektuelle Schönheit an und jene Schönheit, die unter dem Begriffe eines Zwecks steht, ist für ihn keine reine Schönheit.

Schiller sieht in der Rationalität von Kant zwar den großen Nutzen, das Logische von dem Ästhetischen zu trennen, er verfehlt, so Schiller, jedoch den Begriff der Schönheit:

"Glanz der Schönheit ist in der Überwindung der logischen Natur ihres Objektes

und eine Überwindung ohne Widerstand ist nicht möglich!"

1.b) Theoretische Begründung

Schiller versucht von Anfang an einen Ausweg aus dem kantischen Dualismus zu finden. Dabei versucht er einen Begriff der Schönheit sinnlich- objektiv aufzustellen, in dem nach objektiven Kriterien gesucht wird, um so die subjektive Seite der Kants Theorie überwinden zu können. Er benutzt die kantischen Definitionen über theoretische und praktische Vernunft und baut darauf seine eigenen Definitionen auf. Unter der Form der Vernunft versteht Schiller "die Art und Weise, wie sie ihre Verbindungskraft äußert." Es ist schließlich die Aufgabe der Vernunft die Verbindungen herzustellen. Diese Verbindungen kommen auf verschiedene Arten zustande, die bei ihm als "Formen" bekannt sind.

Materie stellt den sinnlichen Inhalt der Vernunft zum Zweck der Vereinigung unter Begriffen dar. Dabei sind zwei Sorten von Materie ersichtlich: sinnliche Vorstellungen und Willenshandlungen.

Dementsprechend gibt es zwei Arten von Verbindungen: Die Formen des Verstandes (die bei Kant Kategorien heißen) und die Formen der praktischen Vernunft. Durch Verknüpfung von Vorstellungen mit dem Willen zur Handlung entsteht praktische Vernunft. Form der theoretischen Vernunft ist dann, wenn die Vernunft Vorstellungen untereinander zu Erkenntnissen verbindet. Die theoretische Vernunft wendet ihre Formen auf Vorstellungen an; diese lassen sich in mittelbare (Begriffe) und unmittelbare (Anschauung) einleiten. Anschauungen sind durch den Sinn und die Begriffe durch die Vernunft selbst gegeben. Zwischen Vernunft einerseits und Willenshandlungen andererseits findet eine Übereinstimmung statt. Mit anderen Worten; Materie (sinnlicher Inhalt) und Form (Vernunfttätigkeit) stimmen überein. Diese Übereinstimmung kann nun entweder notwendig oder zufällig sein. Sie ist notwendig, wenn die Begriffen sich selbst nicht aufheben und ihr Gesetz aufprägen. Diese Übereinstimmung kann aber auch überraschend sein. "Hier findet also die Vernunft Übereinstimmung mit ihrer Form; dort wird sie überrascht, wenn sie sie findet."

Der wesentliche Unterschied zwischen Kant und Schiller kann nun zusammengefasst werden:

Für Kant nimmt die Betrachtung des Schönen unterm Blickwinkel der reinen Verstandesbegriffe das betrachtetet Phänomen mithin als solches der theoretischen Vernunft. Das Schöne wird für Schiller aber auf die praktische Vernunft bezogen. "Es gibt also eine solche Ansicht der Natur oder der Erscheinungen, wo wir von ihnen nichts weiter als Freiheit verlangen, wo wir bloß darauf sehen, ob sie das, was sie sind, durch sich selbst sind. Eine solche Art der Beurteilung ist bloß wichtig und möglich durch die praktischen Vernunft, weil der Freiheitsbegriff sich in der theoretischen gar nicht findet und nur bei der oraktischen Vernunft Autonomie über alles geht." (Kallis, S24)

1.c) Handlung und Moral

Das Schöne wird bloß der Form nach auf die praktische Vernunft bezogen, nicht der Materie nach. Nach Schiller gehört ein moralischer Zweck zur Materie oder zum Inhalt und nicht zur bloßen Form. "Praktische Vernunft verlangt Selbstbestimmung. Selbstbestimmung der Vernünftigen ist reine Vernunftbestimmung, Moralität; Selbstbestimmung des Sinnlichen ist reine Naturbestimmung, Schönheit." (Kallias, S28)

Der Objektivitätsbegriff ist für Schiller nicht etwa Normendeformiert (etwa wie Menschenpflicht aus gesellschaftlichen Verträgen). Daher sind moralische Handlungen nur dann schön, wenn sie keinem Begriff zugeordnet werden können. Mit anderen Worten, wenn sie schön sind, dann sind sie objektiv und nicht mehr moralisch.

Das moralische Urteil beansprucht Allgemeinheit und ist frei von allem individuellen Interesse.

Schiller versucht in seinem Brief an Körner die Objektivität der Schönheit auch im Bereich der Handlungen darzustellen und verschiedene Arten von Handlungen zu unterscheiden.

In seinem Beispiel stellt er sich einen Mensch vor, der unter Räuber gefallen, von ihnen nackend ausgezogen und bei strenger Kälte auf die Straße geworfen ist.

Eine Handlung kann nach Schiller verschieden geartet sein:

a) gutherzig: wenn man rein von einem Affekt beeindruckt ist.

b) nützlich: wenn sie nur aus praktischen Gründen zustande kommt.

c) rein moralisch: wenn man gegen das Interesse der Sinne, nur aus Achtung vor dem Gesetz handelt.

d) schön: wenn sie weder moralisch noch nützlich noch gutherzig ist !

In einem praktischen Beispiel versucht Schiller die feinen Unterschiede dieser Handlungen darzustellen.

Literatur:

Kallias oder über die Schönheit, Friedrch Schiller, Reclam 1999

Vorlesungen über frühromantischen Ästhetik, M. Frank, SV 1989

Einführung in die Philosophische Ästhetik, B Scheer, Primus 1997

Die Aktualität des Ästhetischen, Her. W. Welsch, Fink 1993

Handbuch philosophischer Grundbegriffe, Her. H. Krings, B5 Kösel1974

Philosophisches Wörterbuch, G. Schischkoff, Kröner 1978

Metzler Philosophie Lexikon, F. Burkard, Metzler 1996

 

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