Einführung in die Wissenschaftstheorie (Teil 1), Vorlesungen an der Ev. Fachhochschule Nürnberg; Wintersemester 2001/2002

Esfandiar Tabari (et@falsafeh.com) http://www.falsafeh.com/Vorlesungen_wt.htm

 

 

Kapitel I: Philosophie und ihre Geschichte

Einführung

Wissenschaftstheorie ist die Brücke zwischen Theorie und Praxis

Wissenschaftstheorie hilft uns die Komplexität zu überwinden und die Vorgehensweise im Praxis durch bestimmte "logische" Regeln zu analysieren.

In der Wissenschaftstheorie muß immer die Frage nach praktischer "Anwendbarkeit" im Vordergrund stehen.

Praktische Begriffe müssen theoretisch präzisiert werden.

"Nicht die Taten bewegen die Menschen, sondern die Worte über die Taten"
Aristoteles

 

Anfang der Philosophie und Wissenschaft

Philosophie als Weisheit und Moral

Thales: 640 v. Chr. Aus Griechenland

Zarathustra: 650 v. Chr. Aus Iran

Buddha: 560 v. Chr. Aus Indien

Thales

Nach antiker Überlieferung antwortete Thales auf die Frage, was am schwersten von allen Dingen sei: "Sich selbst kennen"; was am leichteste sei: "anderen Rat geben"; was Gott sei: "Das, welches weder Anfang noch Ende hat"; und wie man vollkommen tugendhaft leben könne:"Indem wir niemals das tun, was wir an anderen verurteilen".[1]
[1] H.J.Störig, kleine Weltgeschichte der Philosophie, Fischer 1969

Zarathustra: drei Güttigkeiten

Gute Gedanken, Gute Worte, Gute Taten. Jeder soll durch "Selbst-Erziehung" diese drei Gute zum Alltag machen und um den höchsten Punkt des Gipfels der Befreiung erreichen zu können.

Buddha: alles in der Welt vergänglich aber nur nicht "Selbst"

Die vier edlen Wahrheiten sind für Buddha:

Wahrheit vom Leiden: Das Leben im Daseinskreislauf ist letztlich leidvoll. Dies ist zu durchschauen.

Wahrheit von der Ursache des Leidens: Die Ursachen des Leidens sind Gier, Haß und Verblendung. Sie sind zu überwinden.

Wahrheit von der Aufhebung des Leidens: Erlöschen die Ursachen, erlischt das Leiden. Dies ist zu verwirklichen.

Wahrheit von dem Weg zur Aufhebung des Leidens: Zum Erlöschen des Leidens führt ein Weg, der Edle Achtfache Pfad. Er ist zu gehen.

Mensch und Natur: keine Grenze!

Es gibt keine Grenze zwischen Natur und Mensch. Es ist fast alles menschlich. Auch die Naturgötter wie Feuer und Wasser als Reinheitssymbole dienen allein zum menschlichen Zweck des "rein werden" des Menschen. Der Mensch sieht sich überall in der Natur anwesend. Sogar Gott ist nicht etwas übermenschliches, sondern steckt in jedem Selbst und die Aufgabe der Menschen ist, dieses Selbst so rein wie möglich werden zu lassen.

Weisheitsphilosophie

Weisheitsphilosophie ist das ein Durchdringen des Wertgefühles ins Leben, in alle Sachfühlung, alles Reagieren und Agieren, bis in die spontanen, alles Erleben begleitenden. Weisheitsphilosophie ist die Durchsetzung des ganzen eigenen ethischen Seins mit seinen Gesichtpunkten. Sie kann, nach Nicolei Hartmann, in einem streng antiintellektualistischen Sinne die "ethische Geistigkeit" als geistige Grundfaktor des Menschentums genannt werden.[1]
[1] Nicolai Hartmann, Ethik 4. Aufl.. - Berlin : de Gruyter, 1962

Was machen die Philosophen?

Etwa 95% der Philosophen etwa zu 95% ihrer Zeit treiben Philosophiegeschichte![1]
[1] vgl. P. Janich; Was ist Erkenntnis?; beck; 2000

geschichtliche Dimension nur dann interessant, wenn verknüpft ist mit der Geschichte des Entstehungs- und Entwicklungsgedankens.

Notwendigkeit der Geschichtsphilosophie:

Unterstützung für einen philosophischen Hypothesenentwurf

Die philosophische Ideen (im Vergleich zum Technik) haben mehr "Struktur" als "Funktion".

Flußlehre von Heraklit: "Alles fließt" (panta rhei)

B12a: "Denen, die in dieselben Flüsse hineinsteigen, strömen andere und andere Wasser zu."

B49a: "In dieselben Flüsse steigen wir und steigen wir nicht,

(wir sind und wir sind nicht)."

B91: "Man kann nicht zweimal in denselben Fluß steigen."

 

Sokrates: Philosophie im Gespräch!

Philosophie soll in Form von Frage-Antwort diskutiert werden.

Gesprächspartner kennt die Antwort auf die Frage. Die Antwort auf die Fragen sind spontan

die spontane Antwort soll nach Fehler geprüft werden. Dies geschieht durch Wiederholung, wodurch die unruhe im Gespräch wächst.

Der entscheidende Effekt der sokratischen Methode ist die Verwirrung und der Schock; Der Gesprächspartner begreift, dass er ein Bedürftiger ist und beginnt schließlich, sich dafür zu interessieren

Der Gesprächspartner soll sich aufmachen um die Lösung zu suchen

 

 

 

Kapitel II: Erkenntnis- und Wissenschaftstheorie

Erkennen und Erkenntnis

Unsre Sprache wird umso ungenauer, je mehr sie sich von den Gegenständen des Alltagssprache entfernt. Die Wörter wie Wasser, Brot, Buch usw. sind von Praxis leicht kontrollierbar. D.h. wir wissen, was damit gemeint ist, wo und wie sie zu verwenden sind. Sobald sich die Sprache aber, von den konkreten zu den abstrakten Gegenständen verschiebt, entfallen mehr und mehr solche Kontrolliermöglichkeiten durch die Praxis. Statt dessen finden Sprachgebräuche Eingang, die aus Tradition und Geschichte, aus unbekannter Herkunft in Religion, Kunst, Wissenschaft, Philosophie und aus nicht mehr aktuellen Lebensformen stammen. Das Wort Erkenntnis gehört sicher dazu. Bei Erkenntnis handelt es sich zunächst um einen Vorgang des Erkennens, auch wenn "das Erkennen" eine Sammelbezeichnung für zahlreiche Einzelvorgänge ist. Erkenntnisse kann man gewinnen, haben, nutzen, weitervermitteln, und sie können fehlen, verlorengehen, oder sich gar als gefährlich, blastend oder irreführend herausstellen. Wir unterscheiden zwischen Wissen und Erkennen: zum Wissen zählen die gelernten Vokabeln einer fremden Sprache genauso wie die Definitionen von Fachausdrücken in Spezialsprachen von Handwerken, Technikern, Wissenschaftlern und Philosophen. Das Wort Erkenntnis dagegen ist eng mit dem Entdeckungeszusammenhang, mit dem Erkennen verknüpft.

[mehr dazu: Siehe: Peter Janich "Was ist erkenntnis", Beck, 2000 ]

 

 

 

Erkennen als eine intentionale und auf eine zu erfassende Sachlage gerichtete Tätigkeit, die ein Wissen zu ermitteln sucht. Dieses Wissen kann intersubjektiv oder objektiv sein.

Beispiel für intersubjektives Wissen: in der Stadt darf ich nicht schneller als 50 fahren.

Beispiel für objektives Wissen: ich erkennen mein Auto wieder.

Erkenntnis kann sowohl zur Bezeichnung eines Prozesse als auch zur Charakterisierung des Resultates dieses Prozesses verwendet werden à Erkenntnis ist durch ihre zeitliche Dimension gekennzeichnet.

Subjektive Erkenntnis: ist eine Geist- oder Bewusstseinszustand, ein Glaube oder Zweifel, eine Erwartungs- oder Verhaltensdisposition;

Objektive Erkenntnis: besteht dagegen aus den sprachlich formulierten Theorien und Argumenten bzw. aus deren logischen Gehalten, die wiederum und im Unterschied zu der subjektiven Erkenntnis logisch-rational kritisiert und diskutiert werden können.

 

Erkenntnis und Interesse

Erkenntnisse sind verbunden mit Interesse

Interesse können individuell, kollektiv oder gesellschaftlich sein

Z.B.: Dissozialität ist zunächst für die einzelnen Betroffenen ein individuelles Problem sein; sie kann ferner für eine Familie, für eine Schulklasse ein kollektives Problem werden; schließlich kann sie die Herrschaftsinteressen führender Gesellschaftsgruppen bedrohen oder sogar das Funktionieren einer ganzen Sozietät gefährden.

Erkenntnisse haben zwei Komponente: theoretische und praktische

Jede Theorie strebt nach maximaler Glaubwürdigkeit: Die orientierende Funktion einer Landkarte ergibt sich gerade auch aus ihren schematischen Abweichungen von der Realität. Ein Autofahrer braucht eine andere Realitätsreduktion als ein Wanderer oder ein Segelflieger.

Die Glaubwürdigkeit einer Theorie hängt davon ab, welcher Praxis sie Orientierung bieten Will.

Drei Formen der Erkenntnisinteressen:

Das phänomenale Erkenntnisinteresse fragt nach den faktischen Gegebenheiten, ihren Merkmalen und Eigenschaften. Seine umgangssprachlichen Form lautet: "was ist los?", "Was geschieht?" Beobachtung und Deutung lassen sich ohnehin nicht voneinander trennen.

Das Kausale Erkenntnisinteresse richtet sich auf die Ursachen der Phänomene: "Warum ist das so?", "Warum geschieht es?" Für den Praxis ist der Unterschied zwischen hinreichenden und notwendigen Ursachen wichtig.

Aristoteles: Zweckfrage (wozu?) gehört auch zu den Kausalfragen: Warum-Frage ist dann eine rückwärtsgerichtete, die Wozu-Frage eine vorwärtsgerichtete Kausalfrage.

Das aktionale Erkenntnisinteresse fragt nach Möglichkeiten des Handelns der Praxis, der Intervention, ist also an der strategischen Beeinflussung der Phänomene interessiert: "Was ist zu tun?"

Die Antworten auf Erkenntnisinteresse

Die Antworten auf die phänomenale, die kausale und die aktionale Fragestellung führen zu phänomenalen, kausalen und aktionalen Theorien.

Theorien bestehen aus Hypothesen und / oder These. Thesen sind Behauptungen, Hypothesen sind Vermutungen. Beide sind Aussagen über Erkenntnisgegenstände in Form von Sätzen.

Wissenschaft kann nicht Wahrheit gewährleisten, sondern objektivere Kommunikation und damit effizienteres arbeitsteiliges Handeln.

Die Überlegungen von Aristoteles über wissenschafliche Theorien sind sehr aufschlussreich.

 

Das Abgrenzungsproblem

Was soll unter "Wissenschaft" verstanden werden, und wie ist Wissenschaft von Nicht Wissenschaft zu unterscheiden?

Wissenschaft : mehr institutionellen Erscheinungsformen

Wissenschaftlich: spezielle Wissensformen

Wissenschaft beduetet einen besonderen Geltungs- oder Sicherheitsanspruch, ein besonderes Vertrauen auf Verläßlichkeit und Geprüftheit, auf Interessenneutralität und Allgemeinheit eines Wissens

à Wissenschaft al eine besondere und besonders geschätzte oder abgelehnte Wissensform.

 

 

Wissenschaft nach Aristoteles

wissenschaftlich ist nur die Erkenntnis des Allgemeinen oder das Haben eines allgemeinen Begriffs von der Sache,

die Stufe der Wissenschaft (und des "praktischen Könnens") wird erst durch die Kenntnis des Warum, d. h. durch die Erkenntnis der Ursachen und Prinzipien ( = Gründe) einer Sache erreicht,

Wissenschaft ist Wissen dessen, was nicht anders sein kann, d. h. notwendig (für ARISTOTELES: = ewig) so ist, wie es ist,

Wissenschaft ist lehrbar, weil logisch begründbar (demonstrierbar).

Wissenschaftstheorie und Erkenntnistheorie:

Wissenschaftstheorie und Erkenntnistheorie sind zwei besonders seit 19. Jahrhundert unterschiedlich aber doch ergänzende philosophische Richtungen.

Die Rolle der Wissenschaftstheorie für alle Fachbereiche bedeutend.

Grund dieser Entwicklung ist die Praktizierbarkeit der Wissenschaftstheorie: Während sich die Erkenntnistheorie, mit der Begründung der Erkenntnisprozesse beschäftigt, für die Wissenschaftstheorie ist die Methodische Vorgehensweise für die Begründungen und damit die Unterscheidung zwischen "richtige" und "falsche" Erkenntnis vordergründig.

Wissenschaftstheorie und Erkenntnistheorie:

Erkenntnistheorie ist folge einer analytischen und historischen Untersuchung der Erkenntnisprozesse (und Erkenntnisinteresse!). Wissenschaftstheorie sucht nach praktische Lösungen in Form der "Methoden" für "wahre und objektive Erkenntnis". Wie weit diese wahre oder objektive Erkenntnis möglich ist, bestimmt die Zuverlässigkeitsgrad unserer Methoden.

Erkenntnistheorie untersucht die Beziehung zwischen Mensch (als Subjekt) und Gegenstände (als Objekt) und antwortet die Frage, "wie" Objekt durch Subjekt erkannt werden kann und welche intensionale und extensionale Bedingungen hier existieren oder existieren können. Wissenschaftstheorie schafft neue Bedingungen, in dem die Möglichkeiten aus einer methodischen Sicht für eine objektive Erkenntnistheorie geforscht werden.

Wissenschaftstheorie als Methodenlehre:

Ziel ist die Gewinnung wissenschaftlicher Erkenntnisse. Dabei handelt es sich um allgemeine wissenschaftliche Methoden, die für alle Wissenschaften von Bedeutung sind. à Wissenschaftstheorie

Im pragmatischen Sinn befasst sich die Wissenschaftstheorie als einer Form menschlichen Handelns. Sie formuliert Handlungsanweisungen, wie das Erkenntnisstreben zu ordnen ist, welche Hilfsmittel eingesetzt, oder welche Verfahrensweisen praktiziert werden sollen, um wissenschaftliche Erkenntnis gewinnen zu können.

In der Wissenschaftstheorie wird die Wissenschaft selbst Wissenschaftlich untersucht. Mit anderem Worten, die Wissenschaftstheorie ist eine Metatheorie aller Wissenschaften.

Methodologie (oder Methodenlehre) ist ein Begriff der Neuzeit. Vorher hat man zwischen Wissenschaft und wissenschaftlicher Methode nicht unterschieden.

Die Methoden der Erkenntnisgewinnung

Es gibt verschieden Wege zur Erkenntnisgewinnung; Diese sind jedoch nicht alle als wissenschaftlich begründet.

Alle diese Methoden werden wissenschaftlich nach bestimmten Kriterien untersucht und "wissenschaftlich" begründet. Dabei ist die wichtigste Kriterien die Allgemeinheit der Methode und ihre Objektivitätsgehalt.

Es stellt sich die Frage, was als wahr und objektiv gilt. Die Wahrheitstheorien beschäftigen sich mit dieser Frage und versuchen ihre Modelle zu begründen. (Es wird ein Thema dieser Vorlesungen werden!)

Die logische Methoden in der Wissenschaft: begriffliche Erläuterungen:

Prämissen: (vom lat. Praemissum, das Vorausgeschickte"), heißen die Vordersätze eines Schlusses; die Voraussetzungen, von denen man ausgeht, um etwas folgern zu können.

Prädikat: was von einem Subjekt ausgesagt wird; z.B.: "Die Materie ist ausgedehnt" ist eine Aussage mit einem Prädikat.

Schluss: das logische Verfahren, au mehreren Prämissen (oder Urteilen), ein einziges Urteil, die Schlussfolgerung, begrifflich abzuleiten.

Einfachste Schlussfolgerung ist Syllogismus.

Induktion und Deduktion gelten als logische Schlussfolgerungen in der Wissenschaftstheorie

Weitere Methoden, deren Schlussfolgerung weniger sicher sind: Abduktion und Analogie

Syllogismus

Das Wort Syllogismus: "Zusammen", "Aufrechnung",

Syllogismus als eine Rede, bei der, wenn man bestimmte Dinge als gegeben annimmt, etwas anderes (nämlich: die Geltung einer bisher kontroversen Aussage) "mit Notwendigkeit", "aus sich heraus", folgt.

Es geht um den Zusammenhang zwischen den verschiedenen Attributen konkreter Gegenstände, in denen sich eine bestimmte Wesenheit, ein Eidos, dem Betrachter darbietet; und die Vergegenwärtigung dieses Zusammenhangs dient dem Zweck, einen Opponenten zu der Einsicht zu bringen, dass eine von ihm bisher bestrittene Behauptung über gewisse Beziehungen zwischen diesen Attributen doch zu Recht erhoben wird.

Dabei handelt es sich um ein Schluss vom allgemeine auf das besondere.

Grundelemente der Syllogismus

Die Grundelemente der Syllogistik kann wie folgt zusammengefasst werden:

"Alle A sind B"  und      "Alle C sind A" à "Alle C sind B"

Wie wir sehen eine syllogistische Schlussfolgerung besteht aus drei Elementen: Zwei von denen werden Prämissen genannt. Die dritte Aussage, deren Geltung notwendigerweise aus den Prämissen folgt, heißt "Konklusion" oder "Schlusssatz". Die Richtigkeit der Konklusion folgt aus der Richtigkeit beider Prämissen. Wenn eine Prämisse falsch ist, dann ist die Konklusion ebenfalls falsch. Eine Prämisse ist damit eine Aussage, die zur Begründung der Konklusion verwendet wird. Mit den Prämissen werden also die Gründe für die Geltung der mit der "Konklusion" formulierten Behauptung angegeben. Ein solche Schlussform ist z. B.:

"Alle Menschen sind sterblich"  und   "Sokrates ist ein Mensch" à Sokrates ist sterblich

Die Notwendigkeit der Konklusion aus Prämissen ist auch so zu verstehen, dass in der Konklusion selbst gleichzeitig beide Prämissen vorhanden sind. Das bedeutet aber nicht, dass aus der Konklusion die Prämissen 1 und 2 logisch ableitbar sind. Die Prämissen dienen zur Begründung von Konklusion.

Zitat aus Arist.-Nikomanische Ethik, (S. 125)

das syllogistische Verfahren geht vom Allgemeinen aus. Es gibt mithin Prinzipien, aus denen der Syllogismus fließt, die nicht auf syllogistischem Wege gewonnen werden ... Wissenschaftliche Erkenntnis trägt demnach den Charakter eigentlicher Beweisbarkeit ... soweit er irgendwie zu voller Gewißheit gelangt ist und die Kenntnis der Prinzipien besitzt. Denn sind ihm diese nicht in höherem Maße bekannt als die Konklusion des Schlusses, so hat er ein Wissen nur von uneigentlicher Art. Damit mag der Charakter der wissenschaftlichen Erkenntnis gekennzeichnet sein.

Analogie

"die Übereinstimmung gemäß einem Verhältnis" (Thomas von Äquin[1]). "Zusammengehörigkeit von Identität uns Differenz" (Heideger[2]). "dialektische Identität und Einheit von Einheit und Gegensatz oder Identität der Identität und Nichtidentität" (Hegel[3]). "Mitte zwischen Identität und Widerspruch" (Lakebrink[4]).

Im Philosophischen Wörterbuch lesen wir: " Ähnlichkeit, Gleichheit von Verhältnissen, aber auch Erkenntnis durch Vergleich. Zwischen vergleichbaren Dingen muss sowohl Verschiedenheit als auch Ähnlichkeit bestehen."

Ohne Analogie konnte es zu keiner Philosophie oder Wissenschaft kommen. Der analogische Gedankengang ist überall im Alltag, Wissenschaft und Philosophie und in aller unseren methodischen Vorgehensweise zusehen. Trotzdem ist sie nicht als eine logische Methode anerkannt. So zusagen die Analogie wird stillschweigend überall verwendet. Obwohl historisch gesehen die philosophische Überlegungen über analogischen Gedankengang eine lange Tradition hat, aus einer systematischen Sicht gibt es kaum philosophische Forschungen über Analogie. Analogie wird vor allem nur von Juristen als ein unter Frage gestelltes Verfahren angesehen, mit deren Hilfe der Richter sein Urteil geben kann. Daher in diesem Zusammenhang gibt es eine Reihe von Rechtsphilosophischen Arbeiten. Dort beschäftigt man sich mit der Frage, ob die Analogie die Möglichkeit für eine logische Schlußfolgerung anbietet.

[1] Thomas con Aquin, Untersuchungen über die Wahrheit, Edith Stein, Bd. I, 1952, S.75

[2] Heideger, Identität und Differenz, 2.Aufl. 1957, S.10

[3] Hegel: Wissenschaft der Logik, S. 88

[4] Lakebrink, Hegels dialektische Onthologie und die thomistische Analektik, 1995, S. 12.

Abduktion

Einfache Abduktion: Schluss auf die beste Erklärung. Beispiel: Aus einem Fußspur eine bestimmte Person in Betracht kommt.

Abduktion ist von unseren Hintergrundannnahmen abhängig: wenn wir wissen, dass es in der Umgebung keinen Mensch Existiert, dann ändern sich unsre Hypothesen über Fußspuren. à die gesuchten Erklärungen sollten möglichst selbst wieder nur erklärbare Bestandteile enthalten (Regreß) à Lösung: Kohärenz!

Ist die Abduktion typisches Schlussverfahren nur im Alltag? à Falsch!! Auch inder Wissenschaft oder Gericht sind die Schlüsse auf die besten Erklärungallgegenwärtig. Z.B. Mordprozess... Verteidigung: alternative Erklärungshypothesen

In der Wissenschaft: Wahrheit wissenschaftlicher Theorien: Erklärungsleistung: Eine Theorie genau dann besser begründet ist als eine andere, wenn sie mehr Phänomene und diese möglichst auch noch besser erklärt als ihre Konkurrentin: z.B. Kosmologische Theorien...

"Für wissenschaftliche Theorien und auch für viele Aalltagsüberzeugungen ist ihre Erklärungsstärke der zentrale Aspekt ihrer epitemischen Beurteilung"

Induktion

In der Induktion steigt man von beobachteten Einzelfällen zu allgemeinen Gesetzen auf.

Induktion: Schlüsse in denen wir über das uns Bekannte hinausgehen.

Zwischen Prämissen und Konklusion besteht keine logisch notwendige Verbindung.

Antike Induktionsverfahren: Konservative oder enumerative Induktion: Danach sammeln wir eine Reihe von gleichartigen Fällen und schließen dann, dass wir auch in allen weiten Fällen auf ähnliche Zusammenhänge stoßen werden. Wenn 20 Raben Schwarz à alle Raben Schwarz!

Deduktion

Demnach wird nach Regeln des logischen Schließens eine Aussage (Konklusion) aus anderen Aussagen (Prämissen) abgeleitet.

Beispiel: mit der allgemeinen Regel: "wenn es regnet, ist die Straße naß" gilt für Prämisse: "Es regnet" die Konklusion "Die Straße ist naß".

Syllogismus stellt eine Deduktion dar.

Die Gültigkeit eine Deduktion beruht auf der logischen Beziehung zwischen Prämissen und Konklusion.

Die deduktive Methode stammt vor allen aus der Mathematik.

Zusammenfassung

Deduktion: Regel + Fall à Resultat

Beispiel: Alle Bohnen aus diesem Beutel sind weiß. (Regel)

Diese Bohnen sind aus diesem Beutel. (Fall)

Diese Bohnen sind weiß. (Resultat)

Induktion: Resultat + Fall à Regel

Beispiel:Diese Bohnen sind weiß. (Resultat)

Diese Bohnen sind aus diesem Beutel. (Fall)

All Bohnen aus diesem Beutel sind weiß. (Regel)

Abduktion: Resultat + Regel à Fall

Beispiel:Diese Bohnen sind weiß. (Resultat)

Alle Bohnen aus diesem Beutel sind weiß. (Regel)

Diese Bohnen sind aus diesem Beutel. (Fall)

Analogie: Fall1 + Fall2 à Resultat

Beispiel:Bohne A ist weiß (1. Fall)

Bohne B ist weiß. (2. Fall)

Die Bohne A und B sind aus einem Beutel. (Resultat)

 

 

Analogie

 

·        In der Analogie werden die Fälle mit einander verglichen. Ein Vergleich unter verschiedenen Fälle ist kein logischer Schluss. Wenn aber der Fallvergleich mit vorhandenen Regeln in Verbindung gebracht werden und daraus den neuen Fall als bestimmten Resultat der Fallzusammensetzung betrachtet wird, können wir einen logischen Schluss unter den Beweis stellen.

·        In der Philosophischen Forschungen hat eine Philosophie der Analogie eine lange Tradition. Metapher und spontanes vergleichen können z.B. bei Parmenides und Heraklit als Wurzeln der Analogie beim Aufbruch des Denkens angesehen werden.

·        Neben dem zunächst naiven Gebrauch in der Alltagssprache und im Mythos findet man eine erste Erwähnung des Wortes Analogie bei Archytas von Tarent (4./5. Jh.v.Chr.) schon in rationalem Zusammenhang. Die mathematische Zusammenhänge können wie folgt zusammengefasst werden:

Arithmetische Proportion: a - b = b - c

Geometrische Proportion: a / b = b / c

Harmonische Proportion: (a - b) / a = (b - c) / c

·        Diese mathematische Analogielehre umfasst bereits eine Mehrzahl von Begriffen, deren Vereinigung nicht schlechthin zwingend ist. Die Begriffe Analogie und Proportion werden bei ihm als synonym verwendet.

·        Beispiel der Analogie in der Moral: In der Moralphilosophie steht der Begriff "Sein" dem "Sollen" gegenüber. Was den beiden miteinander verbindet, ist der "Sinn", der in Form der moralischen Begriffe erscheint. Z.B. wenn eine Handlung "gut" sein soll.

 

 

Analogie bei Aristoteles und Platon

·        Aristoteles: Analogie besteht aus und in Verhältnisse:

"Die Übereinstimmung muss man einmal bei den in verschiedenen Gattungen stehenden Dingen betrachten und sich klar werden, dass wie sich Verschiedenes zu Verschiedenem, so Anderes zu Anderem verhält."

Beispiel: Meeresstille im Meer wie Windstille in der Luft

Sehen im Auge wie Verstand in der Seele
Wissenschaft zu Wißbar wie Sinn zu sinnlich

·        Diese Beispiele weisen teilweise auf die Verwendung der Analogie als Metapher und in einen poetischen Einsatz

·        Diese Metapher entsteht einfach aus dem Vergleich zweier Verhältnisse zwischen zwei mal zwei Gliedern, wobei zweites und viertes Glied vertauscht werden (a und b wie c und d)

·        Eine weitverbreitete Ansicht, die auf eine Formulierung von Aristoteles zurückgeht, allerdings nur unvollständig übernommen, hält die Analogie neben der Induktion und der Deduktion für einen eigentümlichen und autonomen Gedankengang. Während die Deduktion vom Allgemeinen auf das Besondere und die Induktion vom Besonderen auf das Allgemeine schließt, führe die Analogie - so diese Ansicht - vom Besonderen zum Besonderen.

·        Für Platon ist es charakteristisch, dass der mathematische Anwendungsbereich der Analogie transzendiert wird auf metaphysische Fragen. Eine Drei-Gliedrigkeit durchwaltet als ontologische Grundgestalt recht eigentlich die gesamte platonische Metaphysik (Unbegrenztes - Ideen - Körperwelt).

 

Höhlen- und Liniengleichnis bei Platon

·        Höhlengleichnis: Platon vergleicht das menschliche Dasein mit dem Aufenthalt in einer Höhle, in der mit dem Rücken gegen den Höhleneingang, der Mensch nur die Schatten der Dinge erblicken kann. Der Mensch hält die Schatten für alleinige Wirklichkeit. Führt man ihn aus der Höhle in die lichte Welt mit ihren wirklichen Ding, so würde er die wahre Welt für unwirklich und seine Schattenwelt für wahr halten. Erst allmählich würde er sich an die Wahrheit gewöhnen.

à Die Berührung mit der Wirklichkeit und ihre Klassifikation (Attributionsanalogie und platonisches Paradigma).

à Die Darstellung der Wirklichkeit durch intellektuelle, miteinander in Beziehung stehende Elemente (Ideen bei Platon).

à Das Urteil als die Entscheidung über den bestmöglichen Eingriff in die Wirklichkeit (Verhältnis bei Aritoteles).

·        Die mathematische Struktur von Proportion und Verhältnismäßigkeit erfährt bei Platon eine Einbettung in die Philosophie und wird durch die Übertragung mathematischer Proportionalität auf alle Bereiche des Seins und Denkens angewendet. In der konkreten Durchführung dient die Analogie Plato dazu, um die Beziehung der Ideen zur materiellen Welt und den verschiedenen Arten unserer menschlichen Erkenntnis zu erhellen oder besser zu beschreiben.

·        Liniengleichnis: eine Linie in vier Stücke so zu teilen, dass gilt: A:B = C:D = (A+B):(C+D) . Das heißt, die Anweisung Platons teilt das Ganze in zwei ungleiche Teile und jeden dieser wieder, im selben Verhältnis.

·        Platon ordnet jedem Teilstück einen Seinsbereich und einen Erkenntnisbereich zu: A die Ideen bzw. die Einsicht, B die mathematischen Gegenstände bzw. den Verstand. C die Gegenstände der Sinnlichkeit bzw. den Glauben und D die Bilder bzw. die Vermutung. Die ersten beiden zusammen bilden die Sphäre des Denkbaren, die beiden letzen zusammen die des Sichtbaren. Nun lässt sich korrelieren je ein Gegenstandsbereich zu einem Erkenntnismodus, aber auch das Verhältnis von Ideen zu den mathematischen Gegenständen als Abbildverhältnis, nämlich analog zum Verhältnis zwischen Dingen und Bildern. Schließlich verhalte sich Meinung zum Werden, wie Erkenntnis zum Sein. Und das Sein zum Werden in die gleiche Beziehung setzt wie Erkenntnis zur Meinung etc. Die ganze Kette von Verhhältnisse heißt bei Platon ausdrücklich Analogie.

·        Die Analogie wird bei Platon zu einem Instrument zur Darstellung struktureller Eigenschaften.

·        Im Beispiel der Subjekt-Objekt-Beziehung: So wie Ideen der Einsicht zugänglich sind, erlauben Bilder nur Vermutung. (mehr dazu: Kunzmann, Dimension von Analogie, 1998, Parerga)

 

Skepsis gegen Analogie

·        Kant: "Wenn ich sage, wir sind genötigt, die Welt so anzusehen, als ob sie das Werk eines höchsten Verstandes und Willens sei, so sage ich wirklich nichts mehr, als: wie sich verhält eine Uhr, ein Schiff, ein Regiment, zum Künstler, Baumeister, Befehlshaber, so die Sinnenwelt (oder alles das, was die Grundlage dieses Inbegriffs von Erscheinungen ausmacht) zu dem Unbekannten, das ich also hierdurch zwar nicht nach dem, was es an sich selbst ist, aber doch nach dem, was es vor mich ist, nämlich in Ansehung der Welt, davon ich ein Teil bin, erkenne. Eine solche Erkenntnis ist nach der Analogie, welche nicht etwa, wie man das Wort gemeiniglich nimmt, eine unvollkommene Ähnlichkeit zweier Dinge, sondern eine vollkommne Ähnlichkeit zweier Verhältnisse zwischen ganz unähnlichen Dingen bedeutet. Vermittelst dieser Analogie bleibt doch ein vor uns hinlänglich bestimmter Begriff von dem höchsten Wesen übrig, ob wir gleich alles weggelassen haben, was ihn schlechthin und an sich selbst bestimmen könnte; denn wir bestimmen ihn doch respektiv auf die Welt und mithin auf uns, und mehr ist uns auch nicht nötig. "

[Kant: Prolegomena zu einer jeden künftigen Metaphysik, S. 189]

 

 

Analogie bei Wittgenstein

·        Wittgenstein sieht in der Analogie eine irreführende Denkfigur.

·        "Was uns jedoch in Versuchung führt .. Ist die Analogie zwischen den Ausdrücken "etwas sagen" "etwas meinen".

·        Bei ihm wird die Analogie verbunden mit "verfehlt", "Verwirrung", "Fehler",

·        Analogie bei Wittgenstein sind in drei Punkten interessant:

Der Funktion von Bild und Modell in Wittgensteins gesamtem Schaffen

"Alles, was mir in den Weg kommt, wird mir zum Bild dessen, worüber ich noch denke"

 

·        Goethe: "Wer diese Weisheit wirklich liebt, begnügt sich mit Beispielen und sucht nicht nach dem, was hinter ihnen liegen soll, Denn das Suchen verhindert das Schauen der "Urphänomene".

·        Wittgenstein versucht die Lösung philosophischer Fragen in kleinen Gegebenheiten des Alltags zu "sehen".

Ein Bild hielt uns gefangen. Und heraus konnten wir nicht, denn es lag in unserer Sprache, und sie schien es uns nur unerbittlich zu wiederholen.

·        Der hypothetische Analogie von Sprache und Welt im Tractatus

·        Der analogietheoretischen Analyse des Problemkreises der Familienähnlichkeit aus dem Spätwerk.

 

Analogie in der Wissenschaftstheorie

 

·        Wolfgang Stegmüller:

"Will man Phänomene einer bestimmten Art X erklären, so muss man nach Gesetzen suchen, unter welche diese Phänomene subsumierbar sind bzw. nach einer diese Phänomene erklärenden Theorie. Die Tatsache, dass eine andere Klasse von Phänomenen ein Analogiemodell für untersuchten Phänomene bildet, hilft dabei nicht."

Nach ihm kann die Analogie erst im nachhinein festgestellt werde, erst dann wenn die Gesetze beider Bereiche bekannt sind. Stegmüller verweigert die "theoretische Funktion der Analogie, aber billigt er ihr wenigstens ein "praktische" zu. Die praktische Funktion ist die heuristische, d.h. die Analogie leistet einen Beitrag für neue Entdeckungen.

 

Praktische Funktion der Analogie im juristischen Gedankengang:

 

Norbert Bobbio:

·        Der analogische Gedankengang ist nicht, wie allgemein angenommen, eine unvollkommene Induktion, sondern kann sowohl induktiv als auch deduktiv sein.

·        Die Gültigkeit des analogischen Verfahren kann "logisch" mit Hilfe der von Bobbio selbst aufgestellten "allgemeinen Gültigkeitsgesetze der Analogie" bewiesen werden

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