Einige Aspekte von Vor-Sokratikern
Prof. Dr. Bernd Seeberger 04.10.06 Rothenburg
1.
Gedanken:
Parmenides sagt, die Frauen seien wärmer
als die Männer.
Es ist unmöglich, zweimal in denselben
Fluss hinabzusteigen, so Heraklit.
Anaxagoras sagt, der Geist verfüge über
die absolute Gewalt, sei mit nichts vermischt und ordne die Dinge an, indem er durch
sie alle hindurchgehe.
Es ist eine schwere Aufgabe, so Heraklit,
dem Mut Widerstand zu leisten: worauf er seinen Sinn richtet, das kauft er mit
dem Leben.
Phytagoras sagt: Wenn die Winde wehen,
sollst du das Rauschen verehren.
2.
Annäherung
Auch wenn einige Fragmente der
Vorsokratiker eines gewissen poetischen Humors nicht entbehren - Die Thesen,
Intuitionen und Phantasien der ersten griechischen Philosophen aus dem 6. und
5. Jahrhundert, werfen bis heute grundlegende ethische, wissenschaftliche und
erkenntnistheoretische Fragen auf. Alle Richtungen der griechischen und
abendländischen Philosophie wurden in dieser dichten Zeit vorgeprägt.
Die Fragen nach den archai und aitiai, den
Prinzipien und Ursachen sind schon in der Homerischen Religion, der Orphik und
den Mysterienreligionen, in vorphilosophisch gestalthaften Bildern berührt
worden. Das wirklich neue bei den ersten philosophischen Denkern ist, das sie
als individuelle, unabhängige und freie Geister ihre intuitiven,
phantasievollen Behauptungen aufstellen, an dem Erfahrbaren reflektieren oder
durch rein vernunftmäßige Schlüsse zu beweisen suchen - und das dies´ dann
zunehmend in einem immer weiter ausgreifenden direkten und genealogischen
Dialog stattfindet.
Warum dieser plötzliche und heftige
individuelle Aufbruch: Mit dem Begriff der "Achsenzeit der
Weltgeschichte", weist Karl Jaspers auf die gleichzeitigen
philosophisch-religiösen Entwicklungen in verschiedenen Kulturkreisen hin: Das
Auftauchen des Buddhismus und Jainismus in Indien, des Lao Tse und Konfuzius in
China, des jüdischen Monotheismus und Zarathustras; und impliziert damit die
Frage nach einem hintergründigen Programm, einer zwangsläufigen Entwicklung in
der Geistesgeschichte der Menschheit. Doch so etwas wie ein "prozessierender
Weltgeist"? ein schwieriges Feld.
Zumindest für die Akme aber, die Blüte des
Geistes bei den Vorsokratikern kann man mit Bestimmtheit sagen: Der lebendige
Austausch zwischen den Kulturen, dass Zusammentreffen und Zusammenleben
verschiedener Ethnien und Religionen hat eine entscheidende, eine unschätzbar
positive Rolle gespielt. Die Geburtsorte der ersten griechischen Philosophen,
das waren fast ausschließlich die jungen griechischen Kolonien an der
kleinasiatischen ionischen Küste, (der heutigen türkischen Ägäisküste). Diese
offenen Handels- und Hafenstädte wie Milet, Kolophon und Ephesos, - und später
auch die italienischen Stadtgründungen der Griechen - mit ihrem libertinären
Charakter der Poleis, der Möglichkeit der freien Rede, der Tatsache dass es keinen
mächtigen Priesterstand gab, und - vor allem - mit ihrem Zusammentreffen vieler
verschiedener Denkweisen, Lebensformen und religiösen Vorstellungen, waren die
Bühne für die `Frechheit des freien Geistes´. Wo viele Glaubensbekenntnisse mit
ihrem absoluten Wahrheitsanspruch aufeinander trafen, konnte leicht der Zweifel
an allen sich breit machen. Von den `Anderen´ Lernen: Das ist auch als ein
ausdrücklicher Beweggrund in den Biographien der Vorsokratiker, aber auch schon
bei Solon, erkennbar. Nach anfänglichen Studien standen meist ausgedehnte
Bildungsreisen nach Ägypten, Mesopotamien und, wie im Falle des Demokrit, bis
nach Indien auf dem Programm.
3.
Geographie der vorsokratischen Philosophie
Auf schmalem Küstensaum am Westrande
Kleinasiens entlang der Ägäis hatten die Ionier, der genialste griechische
Stamm, zwölf blühende Städte gegründet. Hier endeten die großen
Karawanenstraßen, die aus dem Innern des asiatischen Kontinents kamen, hier
wurden die von dort ankommenden Waren auf Schiffe verladen und nach
Griechenland verfrachtet. Mit dem Warenstrom aus dem Osten kam die Kenntnis
vieler kultureller Errungenschaften der asiatischen Völker auf diesem Wege zu
den Griechen. Astronomie und Kalender, Münzen und Gewichte, vielleicht auch die
Schrift kamen aus dem Osten zunächst zu den kleinasiatischen Ioniern, und
wurden von ihnen den übrigen Griechen vermittelt. Die südlichste der zwölf
ionischen Städte war Milet, im 6. Jahrhundert ein bedeutender Handelshafen und
vielleicht die reichste Stadt der damaligen griechischen Welt. Diese Stadt, in
der sich Rassen, Sprachen und Religionen kreuzten, ist die Geburtsstätte der
griechischen und damit auch der abendländischen Wissenschaft und Philosophie.
Die Vorsokratiker begannen sich von der
`oral Tradition´ zu lösen; sie haben Bücher verfasst und in Umlauf gebracht.
Nur wenig dieser ursprünglichen Schriften sind allerdings erhalten - die
meisten Fragmente der Vorsokratiker stammen aus Überlieferungen von 2. und 3.
Hand. Also von späteren Autoren und Doxographen wie Aristoteles und Plato,
Aristophanes, Theophrast, Aetios und Plutarch - aber vor allen Dingen auch von
dem von Hegel verachteten und von Nietzsche geschätzten Diogenes Laertios.
4.
Zu Thales
Aristoteles über Thales: Thales, der
Begründer dieser Art der Philosophie, in der ein materieller Urgrund aller
Dinge angesetzt wird, sagt, das Wasser sei Prinzip, weshalb er auch erklärte,
die Erde sei auf dem Wasser. Wahrscheinlich begründeteer diese Annahme damit,
dass er beobachtete, die Nahrung aller Lebewesen sei feucht.
Diogenes Laertios: Apollodor sagt in
seiner Chronik, Thales sei im 1. Jahr der 39 Olympiade, (also 624 v.Chr.)
geboren und mit 78 Jahren gestorben; denn er sei während der 58. Olympiade
gestorben und habe zu Krösus Zeiten gelebt, dem er auch versprach, er würde den
Halys ohne Brücken überqueren können, weil er das Bett des Stroms verlegen
würde.
Kommentar zu Thales: Nach Aristoteles beginnt in der ersten Hälfte des 6. Jahrhunderts
v. Christus mit Thales einem Ingenieur aus Milet, das philosophisch-wissenschaftliche
Denken; die Enthmytologiesierung der natürlichen Phänomene. Er gilt als der
Wegbereiter für einen Begriff des natürlichen Prozesses. Als vielgereister Mann
nahm er das ägyptische und mesopotamische Wissen auf und entwickelte es auf den
Gebieten der Mathematik und Astronomie selbständig weiter. Thales nannte das
Wasser als Urgrund und Prinzip allen Seins. Vielleicht ist auch der Beginn der
abendländischen Philosophie durch einen mehr oder weniger zufälligen Erfolg des
Mannes aus Milet bestärkt worden. Mit seinen Kenntnissen aus dem Orient hatte
sich Thales mit der Voraussage einer Sonnenfinsternis, die dann auch und noch
besonders effektvoll während des Krieges der Lyder gegen die Perser eintrat,
bei seinen Zeitgenossen Respekt verschafft. Der Geschichtsschreiber Herodot
berichtet: „Der Wandel von Tag in Nacht, fand in dem von Thales angegebenen
Jahr tatsächlich statt“. Thales galt als `sophos´, als Weiser - was allerdings
im alten Griechenland eine umfassende auch praktische Geschicklichkeit und
Gewandtheit in den Dingen des Lebens, der Politik und des Handels einschloss.
Heiraten wollte er allerdings nicht: Auf die Aufforderung seiner Mutter zur
Heirat soll er nur geantwortet haben: Die Zeit dafür sei noch nicht gekommen.
Eine spätere erneute Mahnung der Mutter beschied er mit: dafür sei es nun zu
spät.
5.
Weitere Vor-Sokratiker
·
Anaximander
·
Anaximenes
·
Anaxagoras
·
Demokrit
6.
Zu Phytagoras
Wie Timaios berichtet war er auch der erste,
der sagte, dass Freunden alles gemeinsam und Freundschaft Gleichheit sei.
Deshalb legten seine Schüler ihre Vermögen zusammen, um daraus ein Gemeinsames
zu machen. (Verweis zur Doktorarbeit von Karl Marx!)
Porphyrios: Am meisten werden jedoch folgende
Lehren bei allen bekannt: erstens, dass Phytagoras behauptete, die Seele sei
unsterblich; zweitens, dass sie sich ändere, indem sie in andere Lebewesen
eingehe; außerdem, dass das Entstehende nach gewissen Perioden erneut entstehe
und dass es überhaupt nichts Neues gebe; schließlich, dass man alles
Entstehende, das beseelt ist, als verwandt betrachten solle. Phytagoras scheint
der erste gewesen zu sein, der diese Lehren in Griechenland einführte.
Kommentare zu Phythagoras: Phytagoras, der Sohn eines Goldschmieds, wuchs auf der Insel
Samos, nahe der milesischen Küste auf. Er begann seine Lehrreise bei den
ägyptischen Priestern und Gelehrten, und setzte sie fort bei den Chaldäern und
Phöniziern. Zurück auf Samos unterrichtete er zunächst den Sohn des Tyrannen
Polykrates. Im Widerspruch zu dessen Herrschaft, wanderte der nun schon etwa 40
jährige aus nach Kotron, dem heutigen Cotrone in Italien. - Es kam dort zu der
Gründung einer Schule mit dem Charakter eines religiösen Ordens, einer
Bruderschaft, einer kultischen Lebensgemeinschaft mit allen Charakteristika
eines solchen Bundes wie der absoluten Autorität des Meisters, den
geheimbündlerischen Logengesetzen, der ausschließlich mündlichen Überlieferung,
und den Geboten und Regeln für das alltägliche Leben usw. Bei allem
Legendenhaften das Phytagoras umgibt; es zeigt sich hier doch ein ganz anderes
Bild als bei den `freien Geistern´ seiner milesischen Vorgänger. Aber in der
Suche nach einem Urprinzip steht der Phytagoreismus doch auch in der Tradition
der milesischen Naturphilosophie.
Man hat in dieser sogenannten orphischen
Richtung den Glauben an die Weiterdauer der Seele als Träger der Personalität
und Individualität des Menschen. Die Vorstellung vom Hades - der Unter und
Totenwelt - wird beibehalten; es gibt Totenrichter, der Tote muss sich
verantworten für die Taten seines Lebens. Das nächste ist dann der Gedanke der
Strafen im Hades und der Belohnungen. Das Elysium ist der Ort für die Seelen,
die ein reines Leben geführt haben. Die praktische Folge, die sich aus alledem
ergibt ist klar. Da nun der Gedanke an eine Verantwortung der Seele nach dem
Tod aufkommt, muss das praktische Folgenhaben für die Lebensführung. Die Frage
ist jetzt, welche Bedeutung diese Dinge gewinnen für die Philosophie. Da ist
kurz zu sagen, dass durch die so verstandene Seele des Menschen als Träger des
eigentlich Menschlichen eine Tür aufgeschlossen wird zu einem neuen
Seinsbereich. Man erkennt unschwer hier auch schon spätere
folkloristisch-dualistische platonisch, christliche und islamische Szenerien
aufscheinen. Der Begriff des `eigentlich Menschlichen im Seelischen´ - berührt
schon das erst `eigentlich jenseitige Leben des Christentums´; Die
`unsterbliche Seele´ berührt aber in ihrer Wertbeimessung auch schon im Keim
den wahrhaft revolutionären Gedanken der allgemeinen `Gleichheit des Menschen
vor Gott´ - und das in einer griechischen Gesellschaft die weitgehend von
Sklavenarbeit lebte, ja in der Sklaven mitunangefochtener
Selbstverständlichkeit kaum als Menschen sondern eher als `Sachwerte´ empfunden
wurden.
7.
Zu Xenophanes
Kommentare zu Xenophanes: Auch Xenophanes war Ionier, er kam etwa 570 v. Chr. in Kolophon
zur Welt. Nach der Eroberung der ionischen Küstenstädte durch die Perser und
Meder, durchwanderte Xenophon jahrzehntelang als Rhapsode, als fahrender
Dichter die griechischen Städte, bis er sich schließlich in Elea, einer jungen
griechischen Kolonie in Unteritalien niederließ.
de Creszenzo: "Ihm blieb nichts
erspart: er wurde von Piraten gekapert und als Sklave verkauft, dann von den
Phytagoreern Parmeniskos und Orestades losgekauft, er begrub seine Söhne, lebte
in Messina, auf Malta, in Syrakus und Agrigent. Schließlich gelangte er nach
Elea, beschloss, sich endgültig niederzulassen und am Aufbau der Eleatischen
Schule mitzuarbeiten."
Mit einer ungewöhnlichen Distanz trug er
seine Auffassungen und Theologien als nicht absolut sicher, als ledigliche
Annäherung an die Aletheia, die Wahrheit dar: Sichere Wahrheit erkannte kein
Mensch und wird keiner erkennen. Über die Götter und alle die Dinge, von denen
ich spreche. Selbst wenn es einem auch glückt, die vollkommenste Wahrheit
zukünden, Wissen kann er sie nie: Es ist alles durchwebt von Vermutung. „Nicht
von Beginn an enthüllten die Götter den Sterblichen alles; aber im Laufe der
Zeit finden wir, suchend, das Bess´re“ (Xenophanes).
Karl Raimund Popper weist auf den frühen
`kritischen Rationalismus´ des Dichters, Sängers und Philosophen hin. Die
`Lizenz zum Suchen´ des Xenophanes hat ihre Wurzeln in erkenntnistheoretischen
und auch in ethischen Forderungen, die hauptsächlich von Kritik und
Selbstkritik getragen werden. Wie konnte es aber zu diesem dynamischen
Verhältnis zwischen Wahrheitssuche und kritischer Methodologie kommen? Es ist
sehr wahrscheinlich, dass der Grund hierfür in der Erfahrung des Xenophanes als
Rhapsode zu finden ist. Xenophanes rezitierte die klassischen Dichtungen von
Hesiod und Homer: zweifellos trug er auch zeitgenössische Dichtungen vor,
einschließlich seiner eigenen Werke, und das in Gegenden des Mittelmeerraumes,
wo viele Kulturen mit all ihren verschiedenen Erwartungen und Vorstellungen an
derartige Auftritte zusammenkamen.
8.
Zu Heraklit
Kommentar zu Heraklit: In der Welt des
Heraklit gab es laut Karl Raimund Popper keine Stabilität mehr. "Alles ist
in Fluss, nichts ist in Ruhe". Alles ist in Fluss, sogar die Balken, das
Bauholz, der Baustoff aus dem die Weltgemacht ist: Erde und Felsen oder die
Bronze eines Kessels - alles ist in Bewegung. Die Balken verrotten, die Erde
wird weggespült oder verweht, sogar die Felsen zerbrechen und verwittern, der
Bronzekessel bekommt eine Patina oder setzt Grünspan an: "Alle Dinge sind
ständig in Bewegung, auch wenn wir es mit unseren Sinnen nicht
wahrnehmen", wie Aristoteles es ausdrückte. Diejenigen, die nicht wissen
und nicht denken, glauben, dass nur das Öl verbrennt, während die Schale in der
es brennt, unverändert bleibt, denn wir sehen die Schale nicht brennen. Und
doch brennt sie; sie wird von dem Feuer in ihr zerfressen. Es gibt also keine
unveränderlichen Körper. Die Dinge sind nicht wirklich Dinge, sie sind
Prozesse, sie sind in Fluss. Sie sind wie Feuer, wie eine Flamme, die, obwohl
sie eine bestimmte Form haben kann, ein Prozess ist, ein Strom von Materie, ein
Fluss. Alle Dinge sind Flammen: Feuer ist der wahre Baustoff unserer Welt; und
die scheinbare Stabilität der Dinge ist hauptsächlich auf die Gesetze, die
Maße, zurückzuführen, denen die Prozesse in unserer Welt unterworfen sind.
Friedrich Nietzsche: Heraklit, in dessen Nähe
überhaupt mir wärmer, mir wohler zumute wird als irgendwo sonst. Die Lehre von
der `ewigen Wiederkunft´, das heißt vom unbedingten und unendlich wiederholten
Kreislauf aller Dinge - diese Lehre Zarathustras könnte zuletzt auch schon von
Heraklit gelehrt worden sein. Zum mindesten hat die Stoa, die fast alle
grundsätzlichen Vorstellungen von Heraklit geerbt hat, Spuren davon.
"Mitten auf diese mystische Nacht, trat Heraklit aus Ephesus zu und
erleuchtete sie durch einen göttlichen Blitzschlag. Heraklit hat als sein
königliches Besitztum die höchste Kraft der intuitiven Vorstellung, während er
gegen die andere Vorstellungsart, die in Begriffen und logischen Kombinationen
vollzogen wird, also gegen die Vernunft, sich kühl, unempfindlich, ja feindlich
zeigt. Die Dinge selbst, an deren Festhalten und Standhalten der enge Menschen-
und Tierkopf glaubt, haben gar keine eigentliche Existenz, sie sind das
Erblitzen und der Funkenschlag gezückter Schwerter, sie sind das Aufglänzen des
Siegs, im Kampf der entgegengesetzten Qualitäten. Und so wie das Kind und der
Künstler spielt, spielt das ewige lebendige Feuer, baut auf und zerstört, in
Unschuld, - und dieses Spiel spielt der Äon, die Weltzeit, mit sich. Sich
verwandelnd in Wasser und Erde, türmt er wie ein Kind Sandhaufen am Meere,
türmt auf und zertrümmert; von Zeit zu Zeit fängt das Spiel von neuem an. Ein
Augenblick der Sättigung: dann ergreift ihn von neuem das Bedürfnis, wie den
Künstler zum Schaffen das Bedürfnis zwingt."
Sören Kierkegaard aus: Die Wiederholung -
aus den Schriften des Constantin Constantius: "Die Wiederholung ist die
neue Kategorie, welche entdeckt werden muss. Wenn man etwas weiß von der
neueren Philosophie und der griechischen nicht ganz unkundig ist, so wird man
leicht sehen, dass eben diese Kategorie das Verhältnis zwischen den Eleaten und
Heraklit erklärt, und dass die Wiederholung eigentlich das ist was man
irrtümlich die Vermittlung genannt hat. Die Dialektik der Wiederholung ist
leicht, denn was sich wiederholt, ist gewesen, sonst könnte es sich nicht
wiederholen; aber eben dies, dass es gewesen ist, macht die Wiederholung zum
Neuen. Wenn die Griechen sagen, dass alles Erkennen ein sich Erinnern ist, so
sagten sie: das ganze Dasein, welches da ist, ist da gewesen; wenn man sagt
dass das Leben eine Wiederholung ist, so sagt man: Das Dasein, welches da
gewesen ist, tritt jetzt ins Dasein. Wenn man die Kategorie der Erinnerung oder
der Wiederholung nicht besitzt, so löst das ganze Leben sich auf n leeren und
inhaltslosen Lärm."
9.
Zu Parmenides
Parmenides ist für mich (Karl Reimund
Popper) einer der eigenartigsten, aber auch größten unter allen Philosophen.
Ich betrachte ihn als Kosmologen, als Begründer der Theorie von der Kugelform der Erde, der Anaximanders
Weltmodell korrigierte und vollendete, und als Urheber der Theorie von der
Kugelform des Mondes und seiner Phasen sowie der Tatsache, dass der Mond durch
geborgtes Licht leuchtet. Diese Entdeckungen sind entscheidende und wichtige
Wegweiser auf dem Weg der Forschung, die zu Aristarch, Kopernikus, Newton und
Einstein führt. Sie werden jedoch winzig neben seinen erkenntnistheoretischen
Entdeckungen. Er war der Begründer der Tradition, dass jede Kosmologie und
jegliche Wissenschaft eine Suche nach der verborgenen Wirklichkeit ist, dem Ding
an sich hinter der Welt der Erscheinungen - einer Tradition, die man zutreffend
als antipositivistisch bezeichnen könnte. Er erstellte das erste deduktive
System, das die Welt beschreibt und dessen Widerlegung zur Gründung der Physik
führte. Dies war jedenfalls der wichtigste Beitrag zur Theoretischen Physik,
der je geleistet wurde, da er zur Grundlage der Arbeit mit mathematischen
Gleichungen in der Physik wurde. Mit ihm nahm die Kontinuitätstheorie der
Materie ihren Anfang, und auf ihn geht, eher indirekt, die Theorie "der
Atome und des Leeren" zurück, die zur modernen Atomtheorie führte.
Sein Einfluss auf Platons
Erkenntnistheorie war immens. In seinem Beharren auf der rationalen
Beweisbarkeit mag er zu weit gegangen sein. Er hatte aber Recht mit seiner
Betonung der Bedeutung des kritischen rationalen Denkens und mit seiner Kritik
an der Theorie, dass die Sinne die Quellen der wahren Erkenntnis seien. Ich bin
der Ansicht, dass wissenschaftliche Theorien Erfindungen sind, die sich von
Mythen hauptsächlich dadurch unterscheiden, dass die Wissenschaft die kritische
Annäherung anwendet. Die kritische Annäherung übt so etwas wie einen
revolutionären Selektionsdruck auf die Theorien aus und fördert damit ihre
Entwicklung hin zu größerer Wahrheitsähnlichkeit. Diese kritische Haltung ist
jenes Charakteristikum, das so zutreffend als das griechische Wunder bezeichnet
worden ist. Wie kam es zu diesem Wunder? Ich denke, dass ein solches Wunder
niemals erschöpfend erklärt werden kann. Es kann für Kreativität keine befriedigende
Erklärung geben. Ich glaube aber, dass es möglich und höchst interessant ist,
die kritische Haltung bis zu einem gewissen Grad zu erklären. Die kritische
Haltung ist, wie ich meine, das Produkt des Zusammenpralls der Kulturen. Homer
beschreibt den Zusammenprall der Kulturen, er tut das aber wohl kaum in
bewusster Absicht. Einige der frühen Philosophen, wie Thales und Phytagoras,
unternahmen, wie uns überliefert wird, ausgedehnte Reisen und studierten die
Weisheit der Ägypter und des Orients. Die ionischen Philosophen in Kleinasien
hatten Kontakte mit der phönizischen und mesopotamischen Kultur, und manche der
großen Männer Griechenlands, insbesondere Herodot, waren sich der Bedeutung des
kulturellen Zusammenpralls sehr wohl bewusst. Der weitgereiste Xenophanes,
geboren in der ionischen Stadt Kolophon, bedient sich des Aufeinanderprallens
der Religionen verschiedener Stämme oder Nationen, ganz bewusst, um seine
kritische Haltung gegenüber der traditionellen Theologie und auch seinen
eigenen Monotheismus zu erklären, der so auffallend von allen Traditionen
abweicht.
10.
Zu Leukipp
„Kein Ding entsteht aufs Geratewohl,
sondern alles entsteht aufgrund eines Verhältnisses, dem Logos und unter
Einwirkung der Notwendigkeit“.
1.10.06/Bernd Seeberger