Esfandiar
Tabari, Tübingen, 2001
Der Begriff Risiko
Es ist ein großer Unterschied zwischen Ruhe und
Sicherheit des Gewissens. Nichts soll Ruhe geben als die aufrichtige Forschung
nach der Wahrheit und nichts kann Sicherheit geben als die Wahrheit. Es gibt
zwei gleich feste Wahrheiten des Glaubens, die eine, daß der Mensch im Stande
der Unschuld oder im Stande der Gnade über die Natur erhaben ist, Gott ähnlich
gemacht und teilhaftig der göttlichen Natur, die andere, daß er im Stande des
Verderbens und der Sünde von jenem (glücklichen) Stande herabgefallen und den
Tieren ähnlich geworden ist.
Pascal:
Gedanken über die Religion, S. 406
1.
Statt einer
Einführung: Risiko und Unsicherheit entlang der Subjekt-Objekt-Entwicklungslinie
Risiko,
Unsicherheit, Entscheidung und Zufall: Es ist plausibel, daß diese Begriffe
irgendwie eng miteinander verbunden sind. Man geht ein Risiko ein, wenn man in
einer unsicheren Situation zufällige Entscheidungen trifft. Ob die Situation
oder Entscheidung unsicher oder zufällig ist, da beide Begriffe oft (besonders
bei der Zufälligkeit) keine Vorbereitung des Subjekts voraussetzen.
Ein
historischer Blick auf die Beziehung zwischen Subjekt und Objekt führt uns zu
einer tieferen logischen Bedeutung dieser Begriffe.
Es gibt
bereits eine Reihe von Büchern und Werken, die auf eine
entwicklungsgeschichtliche Beziehung
zwischen Subjekt und Objekt hinweisen. Die Tatsache, daß besonders in der
modernen Philosophie dieses Thema einen besonderen Platz eingenommen hat, ist vor allem auf wahrheitstheoretische Untersuchungen
zurückzuführen, die ihrerseits für unsere moralischen Handlungen (auch in der
Risikoethik) eine bestimmende Rolle spielen. In diesem Sinn ist der Begriff
Wahrheit eng mit dem jeweiligen
Definitionsbereich von Subjekt und Objekt verbunden. Daher kann man
eventuell die historische Entwicklung des Wahrheitsbegriffes mit der
historischen Subjekt - Objekt - Beziehung in eine direkte Verbindung bringen.
Die ersten
philosophischen Versuche, einen Definitionsbereich für das Subjekt zu suchen,
sind in der attischen Philosophie zu sehen. Bei Pythagoras findet diese
Trennung des Sinnlichen vom Gedanken erstmals wirklich statt; der Übergang von
der natürlichen Sicht zu derjenigen des Intellekts ist vollzogen.
In der
attischen Philosophie wurde das Subjekt als "tuendes" gekennzeichnet.[1]
Das Subjekt ist der Tätige bzw. der, der etwas verursacht. Subjekt und Objekt
sind in dieser Zeit tief in einander verwickelt. Sokrates stellt in seinem
Dialog mit Kratylos die Möglichkeit der Erkenntnis in Frage, da sich alle Dinge ständig verändern und die
Objekte keinen Bestand haben können. Aus diesem Grund ist der Inhalt der
Erkenntnis "unsicher". Er weist jedoch auf die Möglichkeit hin, die sich
ergibt, wenn man den Begriff "Erkenntnis" und nicht seinen Inhalt betrachtet:
In dem Fall ist er ein unveränderter und sicherer Teil des Subjekts. Da
Erkenntnis veränderlich sein muss, verwandelt sie sich in andere Begriffe, die
nicht mehr den Begriff der Erkenntnis beinhalten können. Somit begründet
Sokrates, daß weder ein Subjekt noch ein Objekt der Erkenntnis fähig sein kann.
[2]
In der attischen (platonischen) Philosophie ist zum ersten Mal das Konzept eines einheitlichen Innen-Raumes zu
finden. Bei Plato ist erstmals eine
Trennung zwischen "Innen-" und "Außen-Raum" festzustellen.[3] Bei Plato wird der "Innen-Raum" zu einer
Einheit, die als menschlicher Geist bekannt ist. Die Gesamtheit der Teile wird
durch das "ich" zusammengehalten und so entsteht eine innere Ordnung und
Sicherheit, die Platon als Vernunft bezeichnet. Vernunft ist sicher und "seine
Entscheidung muß man nach der Erkenntnis treffen, nicht nach der Menge der
Stimmen, wenn die Entscheidung die richtige sein soll." [4] Mit dieser Ordnung der inneren Welt entsteht
die Idee. Die äußere Welt ist ebenfalls geordnet, so daß die ganze
Subjekt-Objekt-Welt als eine Innen-Außen-Welt zu verstehen ist. Die Ordnung ist
repräsentativ für innere (Erkenntnis) und äußere (mit Hilfe der Erkenntnis)
Sicherheit.
Nach Taylor
beginnt der nächste Schritt zur Subjekt-Objekt-Beziehung mit Augustinus (354-430). Während die
Begriffe innen-außen bei Plato explizit nicht zu sehen sind, verwendet
Augustinus diese Begriffe zum ersten Mal. Er gruppiert die beiden Welten um ein
einziges Zentrum. Damit divergieren Subjekt und Objekt stark auseinander. Die Unsicherheit der
Gefahr liegt für Augustinus im Subjekt als Innerraum selbst. Diese
verinnerlichte Gefahr kann zur Zerstörung des Subjekts selbst führen, wenn
nicht die Liebe zum Gott gesucht wird, "... Denn wer die Gefahr liebt, den
stürzt sie.[5]
Das Subjekt im
frühen Mittelalter unterscheidet sich von der Neuzeit durch eine viel geringere
Distanz zur "Außen-Welt", zum Objekt als Gegenstand, der wörtlich als
Gegenüber-Stand verstanden werden kann.[6]
Dies gilt
ebenfalls für das Objekt. Das Objekt als "Ding" hatte im Mittelalter eine
reichhaltigere Natur als in der heutigen Zeit. Im Mittelalter handelte es sich
beim "Ding" nicht um ein "Einzel-Objekt", das getrennt für sich existiert.
"Dinge" im Mittelalter hatten ein breites Spektrum, das sich in enger
Verbindung mit dem Subjekt steht. So hat z.B. jedes Ding einen inneren Zweck,
der nach seiner Funktionalität festgelegt wird.
Die
neuzeitliche Subjekt-Objekt-Philosophie wird durch Nietzsche und Marx
repräsentiert. Das Subjekt steht auf seinem Höhepunkt und hat, ohne es zu
wissen, sich selbst zerstört. Die weitere technologische und industrielle
Entwicklung hat die Subjekt-Objekt-Spaltung vollendet. Die Quelle der Gefahr
ist nicht mehr das Subjekt, sondern das Objekt im seiner technologischen
Gestalt. Das Subjekt riskiert die Akzeptanz der Gefahr. "Sicherheit" wird in
Form der Versicherungsorgan institutionalisiert. Die erste "kognitive
Infrastruktur" (Bonß) im Umgang mit Gefahr und Unsicherheit ist im 17.
Jahrhundert in
wahrscheinlichkeitstheoretischen Rechnungen zu sehen.
2.
Ansätze in der
neuzeitlichen Risikoforschung
In der
heutigen Zeit gibt es fast in allen Wissenschaftsdisziplinen verschiedene
Forschungslinien, die verschiedene Ziele verfolgen. Doch bei allen dieser
Forschungen geht es schließlich nicht um eine Beseitigung der Unsicherheit,
sondern darum sie zu erkennen, zu präzisieren und zu kontrollieren.
Mathematische Ansätze
Wahrscheinlichkeitsrechnung
und Spieltheorie sind in der Mathematik wichtige Werkzeuge für die Abschätzung
der Risiken als unberechenbare Ungewissheiten, ohne diese in Gewissheit
umzuwandeln. Der Umgang der Mathematik mit dem Risiko hat eine naturalistische
Form: in der Wahrscheinlichkeitstheorie wird die Verteilung der "natürlichen"
Häufigkeit erforscht.
Ökonomische Ansätze
Die
mathematischen Wahrscheinlichkeiten haben zuerst in der Ökonomie eine wichtige
Anwendung gefunden. Die Wahrscheinlichkeitstheorie wurde benutzt, Risiken und
Unsicherheiten abzuschätzen. Der Begriff Risiko hat im weitesten Sinne einen ökonomischen
Ursprung, mit dem Ziel die materiellen und finanziellen Risiken, die sich aus
dem unternehmerischen Handeln am Markt ergeben, abzusichern. Die
Wahrscheinlichkeitstheorie gab den ökonomischen Unsicherheiten eine kognitive
Infrastruktur. Diese Struktur wurde als Standardform im Umgang mit Unsicherheit
akzeptiert. Damit wurden die ökonomischen Aspekte der Unsicherheit durch
Steigerung der Vorhersehbarkeit der finanziellen Fluktuationen möglichst
eliminiert. Die Struktur der Vorhersagen beinhaltet weiterhin eine unsichere
Seite, was die Existenz der Risiken in allen Handlungen rechtfertigt. Diese
Risiken werden wiederum mathematisch berechnet und in einer
Wahrscheinlichkeitstheorie der zweiten Ordnung erforscht.
Technische Ansätze
Der
Risikobegriff hat in der Technik und mit der technologischen Entwicklung eine
völlig neue Dimension bekommen. Ziel der Risikoansätze in der Technik ist
die Risikoquellen zu identifizieren,
das aus ihnen abgeleitete Risiko zu qualifizieren und Maßnahmen zu seiner Minderung
zu entwickeln. Die ökonomische Dimension spiegelt sich hier in der
Kosten-Nutzen-Bilanz wieder, die sich auf einen Seite eine Minderung des
Risikos hoher Kosten und auf der anderen Seite eine Erhöhung der Effizienz zum
strategischen Ziel setzt. Die Nutzung der neueren mathematischen Theorien, wie
der Fuzzy Logik, die ein Kontinuum im Bereich des Unsicheren erlaubt, ist ein
Beispiel dafür: Hier geht es nicht mehr um "sicher" und "unsicher", sondern um
"unsicher" und "unsicherer" oder "wenig unsicherer".
Die
Geschwindigkeit der technologischen Fortentwicklung erhöht jedoch das Risiko
für einen flexiblen Einsatz der Technik in verschiedenen Bereichen des Lebens.
Nicht nur die Experten, sondern auch die Laien
können nicht mehr das Ausmaß der Risiken wahrnehmen. Dies führt zu einem
wachsenden Akzeptanzproblem der Technik. Die wissenschaftliche Rationalität
erkennt es nun als eine wichtige Aufgabe für sich, die Risikowahrnehmung und
Risikobewertung der gesellschaftlichen Vermittelung (Risikokommunikation) zu
integrieren und dadurch die Durchsetzung (Risikopolitik) von riskanten
Technologien und Entscheidungen in die Risiko Assessment Ansätze zu
erleichtern. Der Begriff Risiko Assessment bezieht sich hier auf den gesamten
Prozess der Risikoanalyse und umfasst sowohl die Bestimmung des Risikoausmaßes
als auch die gesellschaftliche Bewertung der Risiken.
Ethische Ansätze
Die
ethisch-normativen Ansätze in der Risikoethik haben das Ziel dem
Geltungsbereich von Expertenurteilen zu bestimmen. Die Risikoethik ist die
normative Dimension der Risikoproblematik und sie stellt sich die
grundsätzliche Frage "wie sicher ist sicher?". Es werden hier die Begründungsmöglichkeiten gesucht.
Kognitive Ansätze
In der
Risikotheorie gibt es eine Reihe von kognitiven Ansätzen. Ziel dieser Ansätze
ist das Herausfinden der subjektiven Komponenten der Risikowahrnehmung und
Risikobewertung. Tatsache ist, daß die Komplexität von Risikolagen immer mehr
zunimmt. Die richtige Entscheidung zur richtigen Zeit ist erfordert ein hohes
Maß an Rationalität bei den Akteuren. Dabei spielt nicht nur die Reduktion der
Komplexität, sondern auch der Umgang mit der Komplexität eine wesentliche
Rolle. Relationale Entscheidungen werden aufgrund relativ stabiler, geordneter
und verrechenbarer Präferenzen
problematisch.
Kulturell - soziologische Ansätze
Ziel der
Risikoansätze in der Soziologe ist vor allem die kulturelle Erklärung der Risikowahrnehmung und die Bestimmung des
charakterist von Risikoverhalten. Diese Ansätze erfolgen aus zwei verschiedene
Perspektiven: der objektivistischen und der konstruktivistischen.
Die
objektivierende Perspektive ist ein handlungstheoretischerr Ansatz im Hinblick
auf selbst produzierte Risiko- und Gefahrenlagen. Es werden durch tatsächlich
bestehende Handlungen Wertesysteme für die Risikoeinschätzung aufgestellt. Die
diskurstheoretischen Ansätze sind ein Beispiel für objektive gesellschaftliche
Selbstbestimmung und Zielvorstellungen.
Risiko und Unsicherheit soll in der Gesellschaft systematisch und rational
ausdiskutiert und so die Rahmenbedingungen für zukünftige Entscheidungen
präzisiert werden.
In den
konstruktivistischen Ansätzen werden bestimmte systemtheoretische Definitionen
vorausgesetzt. Nach dem radikalen Konstruktivismus werden Risikowahrnehmung,
Risikobewertungen und Risikoakzeptanz (gesellschaftlich und individuell) als
systeminterne Konstruktionen angesehen, die aufgrund der operativen
Geschlossenheit der Systeme auch nicht durch Informationsaufnahme
vereinheitlicht werden können und von denen keine die Autorität besseren
Wissens beanspruchen kann. Der
Wahrheitsgehalt solcher Systeme wird nur durch die Zukunft entschieden.
Die
systemtheoretische Betrachtung von Luhmann in der Risikotheorie ist ein
Beispiel für eine subjetivistische Betrachtungsweise, die einen besonderen
Platz in der Risikoforschung besitzt und hier nicht unerwähnt bleiben darf.
Eine
der wichtigsten Thesen von Luhmann beinhaltet die Unterscheidung zwischen
Gefahr und Risiko: während, wie bereits erläutert, eine solche Unterscheidung
in der früheren Geschichte der Philosophie nicht als wesentlich erschien,
findet sie mit der technischen Entwicklung ihre Plausibilität. Während das
Risiko vom Subjekt als System aus geht, ist die Quelle der Gefahr die Umwelt,
wobei mit der Umwelt auch die Technik mit eingeschlossen ist. Mit anderen
Worten handelt es sich bei der Selbstzurechnung um Risiken, im Falle von
Fremdzurechnung um Gefahr.
Ein
weiterer interessanter Ansatz von Luhmann ist sein Versuch, die objektive
Realität der Risikoforschung durch Unterscheidung der drei subjektiven
Dimensionen zu determinieren: Zeit-, Sach- und Sozialdimension.
Die
Zeitdimension spezialisiert sich auf die Unterscheidung von Vergangenheit und
Zukunft, die Sachdimension auf die Unterscheidung von Konsens und Dissens. Die
Sozialdimension des Risikos interessiert im Zusammenhang mit der Divergenz von
Auffassungsperspektiven in der modernen, funktional differenzierten
Gesellschaft. Die damit verbundene Erhöhung der Wahrscheinlichkeit eines
Dissens und der Unwahrscheinlichkeit eines Konsens wird in besonderer Weise in
der Risikothematik sichtbar.[7]
Luhmann
setzt seine Systemtheorie in der
Weltkomplexität ein und will wissen, welche Funktion Systeme in dieser
Welt überhaupt haben. Seine Antwort lautet: Sie reduzieren die Weltkomplexität.
Das Problem mit Luhmanns Theorie der autopietischen Systeme besteht darin, daß
sie per definitionem wahr ist. Deshalb ist sie durch einen Bezug auf empirische
Argumente nicht zu widerlegen.[8]
Es ist jedoch plausibel, daß die operationale Geschlossenheit der
autopoietischen Systeme, die Möglichkeit der offenen Wechselwirkungen unter
verschiedenen sozialen Systemen , wie politischen, kulturellen, technischen
usw. ausschliesst. Aus diesem Grund hat Luhmann zur Ergänzung seiner Theorie
die strukturelle Koppelung der selbst reproduzierten autopoietischen Systeme
definiert.
Ökologische Ansätze
Ziel der
ökologischen Risikoansätze ist die Annäherung von Risiko- und Umweltforschung .
Methodisch benutzen sie überwiegend die technisch-naturwissenschaftlichen
Gegebenheiten, die in der Umweltpolitik eingesetzt werden. Die Frage, wie man
die Risiken für eine Klimaveränderung und Umweltverschmutzung abschätzen kann,
die vor allem durch umweltfeindliche Technologien verursacht wird, ist hier ein Hauptthema. In den 90er
Jahren wurden besonders im Zusammenhang mit der Wahrnehmung und Analyse
globaler Umweltveränderungen wichtige globale Maßnahmen (Rio-Konferenz) für
die "Risikokontrolle" in der
Wechselwirkung zwischen Umwelt und Technologie ergriffen.
3.
Risiko im
Kontext der Neuzeit
Wie bereits
erwähnt, wurde durch die Technik der Risikobegriff einen Kontext gesetzt, der
in der Neuzeit eine qualitative Veränderung im Vergleich zum herkömmlichen
Risikobegriff aufweist. Diese Veränderung wurde von Krohn in seinem Buchtitel
ausführlich diskutiert, hier erfolgt eine kurze Zusammenfassung.[9]
Die
unübersehbare Menge von Risiko- und Gefahrenpotentialen moderner Gesellschaften
kann vom einzelnen nicht mehr direkt erfasst werden. Die semantische
Unterscheidung zwischen wahrgenommenen und tatsächlichen Risiken ist vermutlich
in allen Kulturen vorhanden. Die tatsächliche Risiken können viel mehr
institutionell erkannt werden, da sozial vermittelte Risikoselektionen erfolgen
müssen, welche die individuelle Wahrnehmung und Bewältigung strukturieren.
Douglas und Wildavsky identifizieren drei Institutionen, welche die Funktion
der Kontingenzentlastung und Handlungsorientierung erfüllen: Markts und
Hierarchie als gesellschaftlich zentrale Institutionen auf der einen Seite; eine
an der Peripherie der Gesellschaft lokalisierte Institution auf der anderen
Seite, für die sie den umstrittenen Begriff der Sekte wählen.
Nach
Krohn ist der Schlüsselbegriff zum Verständnis des neuzeitlichen Risikobegriffs
die Kategorie der Individualisierung. Mit Individualisierung ist nicht gemeint,
daß die Gesellschaft aus "freien Persönlichkeiten" besteht, die sich ihre
Institutionen wählen, sondern die Verschiebung von sozialen Zuschreibungen in
Richtung einer zunehmenden Selbstkontrolle, Gewissendisziplinierung und
Affektregulierung. Versicherungen sind wichtige gesellschaftliche Institutionen
, deren Auftritt an zwei Merkmalen hängt: an der Gefahrengemeinschaft und an
dem vertraglichen Rechtsanspruch auf wechselseitige Deckung im Schadenfall.
Krohn
unterscheidet den Begriff des evolutionären Risikos vom herkömmlichen
Risikobegriff:
Risiken
außerhalb der Reichweite des versicherungstechnischen Risikobegriffs heißen
"evolutionäre Risiken (evR).
EvR sind solche, die in einem gegebenen Kontext
auftreten und zugleich diesen Kontext verändern. Sie beeinflussen die
Bedingungen, die sie möglich machen. (Das Risiko, ohne Schirm aus dem Haus zu
gehen, beeinflusst das Klima nicht; das Risiko, Wolken zum Abregnen zu bringen,
womöglich schon.). Dem evolutionären Risikobegriff werden folgende Merkmale
zugeordnet:
-
Erstens bezieht sich die Unsicherheit nicht
mehrt einfach darauf, ob ein Schaden eintreten wird, sondern darauf, worin die
Unsicherheit besteht. EvR sind also
Unsicherheits-Unsicherheiten: Man ist unsicher über Qualität und Umfang der
Unsicherheit. Globale Klimaveränderungen machen diesen Aspekt besonders
deutlich.
-
Zweitens enthalten evR eine Verschiebung vom klassischen Risiko
des Entscheiders zu dem des von der Entscheidung Betroffenen (nach Luhman: vom
Risiko zur Gefahr). Prägnant ist diese Verschiebung bei der Belastung
zukünftiger Generationen.
-
Drittens ist es für evR nicht mehr möglich, zwischen einem
wissenschaftlich abgesicherten objektiven Risiko und seiner Wahrnehmung durch
verschiedene Beobachter zu unterscheiden. Damit zerfließen die Grenzen zwischen
Expertenwissen und Laieneinschätzungen. Die Differenzen unter den Experten
nehmen zu, ebenso wie sich die Polarisierung in den Laieneinschätzung
verschärft.
Zusammenfassung und Überblick
-
Die
technologische und industrielle Entwicklung hat die Subjekt-Objekt-Spaltung
vollendet: Die Quelle der Gefahr ist nicht mehr das Subjekt, sondern das Objekt
im seiner technologischen Gestalt. Das Subjekt riskiert die Akzeptanz der
Gefahr. "Sicherheit" wird in Form der Versicherungsorgan institutionalisiert.
-
In
der heutigen Zeit gibt es fast in allen Wissenschaftsdisziplinen, wie
Mathematik, Ökonomie, Technik, Ethik, Wissenschaftstheorie, Soziologie und
Ökologie, verschiedene Forschungslinien, die verschiedene Ziele verfolgen. Doch
bei allen dieser Forschungen geht es schließlich nicht um eine Beseitigung der
Unsicherheit, sondern darum sie zu erkennen, zu präzisieren und zu
kontrollieren.
-
Durch Technik wurde er Risikobegriff einen Kontext gesetzt,
der in der Neuzeit eine qualitative Veränderung im Vergleich zum herkömmlichen
Risikobegriff aufweist. Mit "Evolutionäre Risiken"
sind solche gemeint, die in einem gegebenen Kontext auftreten und zugleich
diesen Kontext verändern. Sie beeinflussen die Bedingungen, die sie möglich
machen.
Literatur:
- Risiko als Konstruktion und Wirklichkeit in "Riskante Technologien", Herg. W. Krohn & G. Krücken, 1993, Suhrkamp
- Ansätze und Methoden des Risikoforschung, W.D. Rowe , in "Riskante Technologien", Herg. W.Kohn & G. Krücken, 1993, Suhrkamp
- Von Risiko, W. Bonß, 1995, HIS
- Rissikopolitik, R. Münch, 1996, Suhrkamp
- Risikogesellschaft, U. Beck, 1986, Suhrkamp
- Soziologie des Risikos, N. Luhmann, 1991, de Gruyter
- Handeln unter Unsicherheit und Risiko, R. Buergin, Arbeitsbericht des Instituts für Forstökonomie, 1999. Freiburg
- Theorie und Entscheidung, H. Lübbe, 1971, Rombach
- Risiko, K. Peter Japp, 2000, transcript Bielefel
-
C. Taylor: Quellen des Selbst, Die Entstehung der
neuzeitlichen Identität, Frankfurt/Main, 1994
[1] Plato: Sammel
Werke Bd. 1, S. 342
[2] vgl. Plato: SW Bd. 1, S. 615-616
[3] C. Taylor: Quellen des Selbst, Die Entstehung der
neuzeitlichen Identität, Frankfurt/Main, 1994
[4] vgl. Platon-SW Bd.
1, S. 181
[5]
Augustinus: Bekenntnisse, S. 175. Wissenschaft,
1978
[6] G. Simmel: Philosophie des Geldes, 8.Auflage,
Berlin 1987
[7] vgl. Risiko, K. Peter Japp, 2000, transcript
Bielefeld
[8] Rissikopolitik, R. Münch, 1996, Suhrkamp, S. 35
[9] Rsikante Technologien: Reflexion und Regulation (Hers.: wolfgang Krohn, Georg Krücken),
1993, Suhrkamp