Was ist Aufklärung?

Was ist Aufklärung? In der deutschen Philosophie thematisierte der Berliner Verleger Johann Friedrich Zöllner diese Frage, als er 1783 in der Berlinischen Monatschrift alle zeitgenössischen Denker zu einem Forum über die Aufklärung einlud. Er schrieb: „Was ist Aufklärung? Diese Frage, die beinahe so wichtig ist, als: was ist Wahrheit, sollte doch wohl beantwortet werden, ehe man zu aufklären anfinge! Und noch habe ich sie nirgends beantwortet gefunden!“[1]

Diese Fragestellung war ursprünglich kein theoretisches Problem. Viel mehr wollte man damit die Frage nach der Trennung zwischen Staatskirche und Volksreligion in den Vordergrund bringen. Man schlug vor, die Geistlichen nicht mehr bei Eheschließungen zu bemühen.[2] Die Divergenz zwischen der staatlichen und der bürgerlichen Religion kann damit als Motiv  der Aufklärung in dieser Zeit bezeichnet werden. Durch Verstaatlichung der Religion sind die religiösen Traditionen und sogar die von der Religion unterstützten moralischen Normen in den Definitionsbereich des Staates und Gesetzes gewandert und Damit haben diese ihren moralischen Wert in der bürgerlichen  Religion verloren. Die weiteren Diskussionen über die Trennung zwischen Religion und Staat brachten eine theoretische Begründung des Sachverhaltes hervor. So antworteten verschiedene Philosophen und Denker der Zeit auf diese Frage, unter denen die Antwort von Kant und Mendelsohn die berühmtesten sind. So wurde besonders mit Kant die Rolle des Individuums in der Aufklärung immer deutlicher ausgestärkt, sodass das Individuum allein mit seiner eigenen Vernunft  Verantwortung wahrnehmen soll. Man kann den Aufklärungsprozess in Deutschland in folgenden Stichwörter zusammenfassen:

-               Individuum als Zentrum

-               Sprache als Instrument des Selbstbewusstseins und der Verständigung des  Individuums

-               Vernunft  zum Selbstdenken

-               Kritik als Methode und Instrument der Vernunft

-               Freiheit zur Kritik

-               Toleranz und Respekt der Freiheit

 

Die Aufklärung hat einen anthropologischen Ursprung, da sie von der Fähigkeit jedes Menschen zum vernünftigen Denken ausgeht. Das bedeutet, dass  die Aufklärung wahrgenommen werden kann, wenn der Mensch in seiner Individualität als potentieller Denker anerkannt wird. In der vorliegenden Arbeit soll die Aufklärung aus einer philosophischen Sicht untersucht werden. Für eine philosophische Aufklärung soll der Inhalt der Philosophie des Aufklärers im Zentrum stehen. Zuerst soll erläutert werden, was in dieser Arbeit unter philosophischer Aufklärung verstanden wird. Die philosophische Aufklärung ist die Aufförderung für eine philosophische Erkenntnis, deren Grundlage auf „Selbstdenken“ aufgebaut ist. Wolf unterscheidet zwischen historischer und philosophischer Erkenntnis. Diese Unterscheidung bleibt bis hin zu Kant ein zentraler Gedanke der deutschen Aufklärung und führt ausdrücklich zum Begriff und Wort „Selbstdenken“.[3]     Kritik ist wie bereits erwähnt das Instrument und gleichzeitig die Methode der Aufklärung. Kritik als Instrument hat eine gesellschaftliche Komponente, die ohne politische und gesellschaftliche Freiheit die Aufklärung vorantreiben kann. Freiheit und Mut zur Kritik sind die gesellschaftlichen und individuellen Komponenten der Aufklärung, die hier vorausgesetzt werden. Freiheit zur Kritik ist mit einer politischen Forderung verbunden.  Dieser praktische Teil der  Aufklärung bildet nicht die Thematik dieser Arbeit. Gegenstand dieser Untersuchung ist die theoretische Aufklärung, in der die Kritik als eine Methode ausgeprägt ist. Die verschiedenen methodischen Auffassungen zur Kritik weisen darauf hin, dass es nicht nur eine Aufklärung gibt, wohl aber eine Vernunft. Die Aufklärung setzt eine „allgemeine Menschenvernunft“ voraus. Es gibt nicht viele verschiedene „Vernunft“ sondern die gesamte menschliche Vernunft bildet  eine Einheit. Das bedeutet aber auch, dass jedes vernünftig denkende Subjekt die Möglichkeit gegeben ist den anderen Kritik auszuüben. Die Kritik kann dabei durch verschiedene rationale Wege erfolgen. Auch viele verschiedene Rationalitäten sollen am Ende zu einer Vernunft führen.

Die Aufklärung bedeutet nicht die Entdeckung der ewigen Wahrheit. Sie hat einen stark subjektiven Kontext. Eine philosophische Idee dient der Aufklärung, wenn sie die bestehenden Ideen so kritisiert, dass die dadurch entstehenden neuen Ideen  zu bestimmten gesellschaftlichen Veränderungen führen. Die Methodische Vorgehensweise der Kritik mit ihren aufgebauten Begründungsstrategien zeigt, dass „vernünftig- sein“ nur die Aufgabe „einer“ Vernunft sein kann.

 

 

Aufklärung und Kritik im iranischen Kontext

 

Unsere Untersuchungen zur Aufklärung zur Kritik konzentrieren sich, wie bereits erwähnt, auf die philosophische Ebene. Zuerst stellt sich die Frage, ob man überhaupt von „iranischer Philosophie“ reden kann. Ist damit nicht etwa die islamische Philosophie gemeint? Einerseits ist es eine Tatsache, dass die islamische Religion bei fast allen iranischen Philosophen als Instanz der Kritik zu sehen ist, sodass man wohl von islamischer Philosophie im Iran reden kann.

Dabei muss man aber die iranischen Besonderheiten der islamischen Philosophie im Iran beachten. Diese Besonderheiten sind so enorm, dass andererseits der Begriff der iranischen Philosophie gerechtfertigt ist. Der ideologische Anspruch des Islam ist möglicherweise ein Grund für diese Betrachtungsweise. Weiterhin beschäftigten sich die europäischen Philosophen überwiegend mit der Existenzfrage Gottes, während der islamische Dogmatismus die Rahmenbedingungen der Philosophie im Iran bestimmte. 

 

 

Die iranischen Philosophen schrieben ihre Werke überwiegend in arabischer Sprache; daher sind sie meistens als arabische Philosophen bekannt.  Die frühere Macht der arabischen Sprache ist vergleichbar mit der des Lateins im damaligen Europa. Die iranischen Philosophen konnten sich nur durch die arabische Sprache mit der damaligen geistigen Welt in Verbindung setzen. Dieses Phänomen führte, neben den anderen dazu, dass diese philosophischen Schriften im Iran nie eine breite Aufmerksamkeit fanden, was die wichtigste Voraussetzung für einen kritischen Prozess der Aufklärung ist. 

Auf der anderen Seite beschäftigte sich die iranische Philosophie nie explizit mit der Frage der Aufklärung. Implizit sind jedoch aufklärerische Elemente zu finden. Da diese Elemente nicht für die Masse der Menschen erreichbar waren, haben diese nie zu einer „Aufklärungsepoche“ geführt. Der Begriff „Aufklärungselemente“ ist passend, da in der Geschichte der iranischen Philosophie weder von Aufklärern noch von einer Aufklärungsepoche geredet werden kann. Die Kritik wurde nie als Instrument und „Waffe“ verwendet. Die Kritik war in der iranischen Philosophie nur dann überlebensfähig, wenn sie „Versöhnung“ zum Ziel hatte. Diese versöhnende Funktion der Kritik hat ihre Ursache in der fehlenden „Freiheit“ zur Kritik. Die Ursache dieser fehlenden Freiheit liegt selbst vor allem in der religiösen Macht und  deren Vorbestimmtheit für die Philosophie, was die Flucht aus der Vernunft zur Folge hatte. Der philosophische Rahmen der Gedanken ist vorbestimmt. Wer diesen Rahmen überschreitet, muss sich in Harmonie mit der Religion bringen, sonst wird er als Nichtgläubiger zurückgewiesen.

Die orientalische Philosophie ist in Deutschland vor allem von Hegel erkannt worden. Er vertritt die These, dass sich die morgenländische Philosophie anders als die abendländische von allem Besonderen und Bestimmten entfernt und sich allein mit allgemeinen Aussagen begnügt.[4]  Er verteidigt diese These mit der Begründung:

„Wir können von den Arabern sagen: Ihre Philosophie macht nicht eine eigentümliche Stufe in der Ausbildung der Philosophie; sie haben das Prinzip der Philosophie nicht weitergebracht. Hauptfragen in dieser wie in der späteren Philosophie sind diese gewesen: ob die Welt ewig ist; dann die Einheit Gottes zu beweisen. Eine Hauptrücksicht war dabei aber, die mohammedanischen Lehren zu verteidigen, wodurch das Philosophieren innerhalb derselben eingeschränkt wurde; die Araber sind wie die abendländischen Christen durch die Dogmen der Kirche (wenn man es so nennen kann) beschränkt worden, sowenig sie hatten, - doch freier. Aber nach allem, was wir von ihnen kennen, haben sie keinen wahrhaften Fortschritt im Prinzip gemacht; sie haben kein höheres Prinzip der sich bewussten Vernunft aufgestellt. Sie haben kein anderes Prinzip als das der Offenbarung, - ein äußerliches.“[5]

 

Diese Kritik von Hegel ist für die iranische Philosophie allgemein akzeptabel, was den Begriff „islamische Philosophie“ auch für die iranische Philosophie zutreffend  macht. Ein allgemeines Urteil  soll uns jedoch nicht daran hindern, die Tiefe der morgenländischen Philosophie zu verstehen, die aufklärerischen Elemente zu suchen und nach der Ursache der fehlenden kritischen Entwicklung dieser Philosophie zu forschen.  Somit kann Hegel widersprochen werden, wenn er meint, dass die islamisch-iranische Philosophie, deren Wesen neuplatonisch ist, nur als Manier gelten soll.[6]  Hegel kritisiert die orientalische Philosophie wie folgt:

 

„Wir können von den Arabern sagen: Ihre Philosophie macht nicht eine eigentümliche Stufe in der Ausbildung der Philosophie; sie haben das Prinzip der Philosophie nicht weitergebracht. Hauptfragen in dieser wie in der späteren Philosophie sind diese gewesen: ob die Welt ewig ist; dann die Einheit Gottes zu beweisen. Eine Hauptrücksicht war dabei aber, die mohammedanischen Lehren zu verteidigen, wodurch das Philosophieren innerhalb derselben eingeschränkt wurde; die Araber sind wie die abendländischen Christen durch die Dogmen der Kirche (wenn man es so nennen kann) beschränkt worden, sowenig sie hatten, - doch freier. Aber nach allem, was wir von ihnen kennen, haben sie keinen wahrhaften Fortschritt im Prinzip gemacht; sie haben kein höheres Prinzip der sich bewußten Vernunft aufgestellt. Sie haben kein anderes Prinzip als das der Offenbarung, - ein äußerliches.“[7]

 

 

Die möglichen Hindernisse für eine Aufklärung in der iranischen Philosophie können wie folgt aufgezählt werden:

-               Konfessionelle Konflikte, die eine starke Polarisierung zwischen dem Islam und dem nicht- Islam zur Folge hatten.

-               Die sprachliche Manipulation durch arabischen. Auch weil ihre Schriften in arabischer Sprache abgefasst waren, halten die aufklärerischen Versuche von behannten Dichtern nur wenig Erfolg. Aus diesem Grund konnte eine Aufklärung nie zum Thema der Öffentlichkeit werden. Die Senkung des Anteils der in lateinischer Sprache veröffentlichten Werke zwischen 1740 und 1800 von 27,7 auf knapp 4% und damit die Durchsetzung der Muttersprache gehörte in Deutschland zu den von den Aufklärern gewollten Konsequenzen.[8]

-               Der stark dualistische Charakter der vorislamischen Philosophie wurde durch dem stark monistischen Islam negiert, wobei sich der Monismus durchgesetzt hatte. Diese Anomalie führte zur Auflösung des Subjekts im Gottesbegriff. Das Subjekt vereinheitlicht sich mit dem Objekt und das absolute Subjekt als Gott wird unzugänglich. Diese Entwicklung ist ein „antiaufkläririscher“ Prozess, der in allen Epochen zu spüren ist. Anders als in Europa führte die Subjekt-Objekt- Aufspaltung zum der Konzept der Freiheit des Individuums und der Gleichverteilung der Vernunft.

-               Die Mystik und „Erfan“ ist die Synthese zwischen dem Islam als fremde Religion und der altiranischen Denkweise. Sie konnte nicht zur philosophischen Aufklärung führen, da aus ihrem Skeptizismus kein Kritizismus entwickelt wurde. Eine Rationalisierung der Mystik war wegen ihrer ablehnenden Haltung gegenüber der Vernunft nicht möglich, was zu einem evtl. Auftrieb der Aufklärung hätte führen können.

- Kritik kann nur dann der Aufklärung dienen, wenn sie zu neuen Möglichkeiten des Denkens führt. Eine Kritik, die sich an der Möglichkeit authentischer Erfahrung festhält, schließt alle andere Erfahrungen aus. Die philosophische Kritik der sufistischen und islamischen Philosophen wie Molawi, Suhrawardi, Ibn Sina und Ghazali ist eine Kritik, die mit einem authentischen Gehalt die Vernunft und die Erfahrungen mit der Vernunft kritisiert. Die Vernunft steht in ihrem System starr der Kritik gegenüber, als etwas, das der Kritiker als bloß scheinhafte Unmittelbarkeit zum Ausdruck bringen muss, um zur Wahrheit vorzudringen. Diese Kritik führt zur bloßen Ablehnung. Die Widerlegung der Einheit der Existenz bei Molla Sadra war eine Negation dieser Negation.   

 



[1] Hinske N.; Was ist Aufklärung, Darmstadt 1973, S. XLI

[2] ebenda S. XXXVII

[3] Andere Wissenschaften lassen sich lernen durch Belehrung anderer, indem wir alles bloß nachahmen. In der Historie kann sich mir nichts selbst ersinnen; ich muss anderen fplgen ... Allein wenn einer auch Repositorium dieser Bücher liest; so ist er doch nur ein Repositorium dieser Bücher, woferne er nur nach ihnen und nicht selbst denkt.“  Christian Wolf siehe:

Hinske N.; Einleitung zu „Was ist Augklärung?“, Darmstadt 1973, S. XVII

[4]Das Morgenland reinigte sich von allem Besonderen und Bestimmten, während das Abendland in die Tiefe und Gegenwärtigkeit des Geistes niederstieg.“

Hegel: Vorlesungen über die Geschichte der Philosophie, S. 1551. (vgl. Hegel-W Bd. 19, S. 514)

[5] Hegel: Vorlesungen über die Geschichte der Philosophie, S. 1557. (vgl. Hegel-W Bd. 19, S. 517-518)

 

[6]Der arabischen sowie der scholastischen Philosophie und allem, was in der christlichen geschehen, liegt als das Wesen die alexandrinische oder neuplatonische Idee zugrunde; auf ihr ist es, daß die Bestimmungen des Begriffs sich bemühen, umhertummeln. Eine besondere Beschreibung der arabischen Philosophie hat teils wenig Interesse, teils hat sie mit der scholastischen Philosophie die Hauptsache gemeinschaftlich. Diese ebensowohl erlaubt die Zeit nicht, und wenn sie es auch erlaubte, die Natur der Sache nicht, in ihren einzelnen Systemen oder Erscheinungen auseinanderzulegen, sondern nur eine Charakterisierung und die Hauptangabe der Momente, die sie im Gedanken wirklich genommen hat. Sie ist nicht durch ihren Inhalt interessant, bei diesem kann man nicht stehenbleiben; es ist keine Philosophie, sondern eigentliche Manier.

[Hegel: Vorlesungen über die Geschichte der Philosophie, S. 1556. (vgl. Hegel-W Bd. 19, S. 517)]

 

[7] [Hegel: Vorlesungen über die Geschichte der Philosophie, S. 1557 (vgl. Hegel-W Bd. 19, S. 517-518)]

 

[8] Möller H.; Vernunft und Kritik: deutsche Aufklärung im 17. und 18. Jahrhundert, suhrkamp 1986, S. 24