Zum
Mithras-Kult
Prof. Dr. Bernd Seeberger 04.10.06 Rothenburg
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Was
wollte der Evangelist Matthäus in seiner Weihnachtsgeschichte sagen? Er verdeutlicht
den Glauben der Christen an die Menschwerdung Gottes in Jesus. Dazu müssen wir
uns noch einmal in das Land von Euphrat und Tigris und in das iranische
Hochland versetzen.
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Das
Land im Osten war damals seit dreihundert Jahren das Reich der Parther zu ihm
gehörten Kleinasien, der Iran, Mesopotamien und Afghanistan. Als die Römer in
den Osten kamen, konnten sie den Parther Kleinasien abringen, aber in
Mesopotamien, dem heutigen Irak, blieben die Parther immer wieder die Sieger.
Die Hauptstadt dieses mächtigen Reiches war Ktesiphon, südöstlich von Bagdad am
Tigris gelegen. Noch heute steht dort der grandiose Palast der Könige der
Parther.
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Dieses
Land war geprägt von der Licht-Finsternis-Religion des Zoroaster. Der Bringer
des Lichts, die Hauptfigur dieser Religion, hieß Mithras. Er war die Sonne im
physischen wie im geistlichen Sinn. Er war ein Vermittler zwischen Gott und den
Menschen, ein Kämpfer für das Recht gegen
das Böse, ein Künder der Wahrheit gegen die Unwahrheit. Die
Mithrasreligion war also geprägt durch eine scharfe Trennung zwischen zwei
einander feindlichen Bereichen der Welt: In der Tiefe dachte sie das Reich der
Finsternis, des Bösen, des Unreinen, in der Höhe das Reich des Lichts, der
Reinheit, des Guten und der Gerechtigkeit. In der Tiefe herrschte der finstere
Angra Mainyo oder Ahriman als Repräsentant des Bösen im Kosmos, in der Höhe der
Lichtgott Ahura Mazda, der strahlende, geistige Gott, der als geflügelte Sonne
dargestellt wurde. Schon fünf Jahrhunderte vor Christus war das jüdische Volk,
als es in Babylon in der Gefangenschaft war, mit dieser Religion
zusammengetroffen, und wenn damals die Schöpfungsgeschichte des ersten Kapitels
der Bibel geschrieben wurde, dann im Bekenntnis gegen diese mächtige und fremde
Religion: Die Welt ist von Gott geschaffen, nicht, wie die Religion des
Zoroaster meinte, vom Gegengott. Sie ist also eine gute Schöpfung, nicht ein
Herrschaftsbereich des Bösen. „Und Gott sah an alles, was er geschaffen hatte,
und siehe, es war sehr gut“, schließt die Schöpfungsgeschichte. Andererseits
ist ein gewisser Gegensatz zwischen Licht und Finsternis auch in die jüdische
Weltdeutung eingezogen. Erst von dieser Zeit an gibt es im Judentum so etwas
wie einen Teufel, einen Satan, freilich nicht als Gegengott, sonders als eine
Gegenkraft im Dienst Gottes.
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In
der Zeit nach Jesus bestand in der Spannung zwischen dem iranischen und dem
jüdisch-christlichen Glauben der wichtigste religiöse Gegensatz in der
damaligen Welt. Noch Jahrhunderte lang spielte sich zwischen diesen beiden
Religionen der eigentliche geistige Kampf in der spätromanischen Welt ab.
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Die
Menschen der damaligen Zeit empfanden diese Licht- und Finsternis-Religion als
etwas Faszinierendes. Damals hatten sich im Römischen Reich unzählige
Religionen vermischt, und im Gewirr der Götter und der Götternamen wusste kaum
jemand mehr wirklich Bescheid. Die Welt war voll von Ritualen und
Mysterienkulten. In der Erde, in der Luft und im Himmel tummelten sich die
Elementargeister, die Dämonen, die Kräfte und Mächte, von denen auch in den
Briefen des Neuen Testaments die Rede ist, die Erdgöttinnen und die
Himmelsfürsten jeder Art und Herkunft. In den Sakramenten der
Mysterienreligionen verknüpften sich Zauberei, Magie und Sternglaube auf das
Verwirrende mit allen Weisheitslehren, Philosophien und Religionen. Wie
wohltuend hob sich die persische Religion des Mithras davon ab! Da war alles
klar: Oben war das Licht, unten die Finsternis. Der Mensch aber hatte die klare
und deutliche Entscheidung zu treffen zwischen Gut und Böse, zwischen Recht und
Unrecht. Es gab nur zweierlei Menschen, die Reinen und die Unreinen. Und das
galt für Zeit und Ewigkeit. Wer einmal zu den Reinen gehörte, gehörte für immer
den Reinen an, wer zu den Unreinen gehörte, blieb für Zeit und Ewigkeit verdammt.
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Der
Mithraskult wurde im 3. Jahrhundert nach Christus römische Staatsreligion. Vor
allem mit dem römischen Heer wurde er bis in unsere Länder gebracht. Mithras
war der endzeitliche Kämpfer des Lichts gegen die Finsternis. Und so, als
Kämpfer des Lichts, wollten sich die römischen Soldaten verstehen. Auf dem
weißen Pferd ritt Mithras aus gegen den Satan; noch heute bilden wir ihn ab in
der Gestalt des heiligen Georg, der gegen den Drachen kämpft. Wenn wir in
Spanien oder Südfrankreich Stierkämpfen beiwohnen, dann haben wir nichts
anderes als den Mithraskult vor uns. In Arles finden sie heute noch im gleichen
Amphitheater statt, in dem in der Zeit nach Christus die Mithraskulte
stattfanden, die ihren Höhepunkt in der Tötung eines Stiers hatten. Noch heute
versteht niemand die Begeisterung der Menschenmassen in den Stierkampf-Arenen -
er brandet in dem Augenblick auf, in dem der Stier tot zusammenbricht -, der
nicht weiß, was den Menschen selbst unbewusst ist: dass der Tod des Stiers die
Erlösung bringt, den Sieg der Gerechtigkeit und des Lichtes. Unser
Weihnachtsfest am 25.Dezember ist ein parthisches Erbe. An diesem Tag wurde
dort die Geburt des Mithras gefeiert als der unbesiegbaren Sonne, die sich aus
ihrem tiefsten Punkt erhob.
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Begeben
wir und noch weiter nach Osten. In Aserbeidschan, am Kaspischen Meer, lag die
Stadt Schiz, die Hauptstadt der parthischen Provinz Media Atropatene. Dort
wurden die parthischen Könige gekrönt, weil in eben dieser Stadt, in einer
Höhle, Mithras geboren wurde. Die Höhle lag in einem Berg. Auf dem Berg stand
eine Sternwarte, auf der die Magier nach Zeichen des Heils am Himmel
ausschauten und alljährlich die Geburt des Mithras feierten. In Feuergestalt,
als ein leuchtender Stern, stieg dann der Retter und Herr der Welt auf den
`Siegesberg´ nieder und wurde in einer Höhle als das Lichtkind geboren. Am Ende
der Zeiten, so glaubte man, werde er wieder in die Welt kommen. Alle Jahre
warteten die Magier während dreier Tage auf die Geburt des Lichtkönigs und
suchten am Himmel seinen Stern. Wenn er geboren war, zogen sie in die Höhle ein
und legten ihm ihre Kronen zu Füße.
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Eine
Weissagung Zoroasters ist der Hintergrund: „Horchet, ich werde euch das
erstaunliche Mysterium vom Großen König offenbaren, der in die Welt kommen soll.
Bei der Vollendung der Zeit, im Augenblick der Auflösung, die sie beendet, wird
ein Kind empfangen und mit seinen Gliedern im Schoße einer Jungfrau gebildet
werden, ohne dass ein Mann ihr nahegekommen ist.“ In der Nacht, in der das Kind
geboren wird, erschient ein Zeichen für die Welt: Ein Stern fällt vom Himmel
herab.“
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Da
erzählt nun Matthäus: Die Magier sehen einen Stern, der ihnen neu ist, und der
Stern weist sie nach Westen. Sie wallfahren zu dem Kind, in dem der Gott der
Juden den schickt, der Frieden und Gerechtigkeit auf diese Erde bringt. Sie
gelangen nach Bethlehem und bringen dem Kind Gold, Weihrauch und Myrrhe, also
Geschenke, wie der antike Mensch sie einem König und einem Gott zu bringen hat.
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Sie
kommen aus einer Welt, die in Licht und Finsternis gespalten ist. Sie sehen am
Himmel ein Lichtzeichen und folgern daraus, es müsse unten auf der Erde etwas
geschehen sein. Der Gott des Lichts müsse sich in irgendeinem lichtvollen
Ereignis kundgetan haben. Und wenn da ein König geboren sein sollte, dann müsse
er der Sohn des Lichtgottes sein, vom Himmel her eingesetzt, mit der
Herrlichkeit der himmlischen Erscheinung ausgestattet und mit dem Amt, auf der
Erde den Kampf des Lichts gegen die Finsternis zu kämpfen. Er müsse die
Menschen aus dem Bann der Finsternis und des Bösen herausreißen und sie für das
Licht retten, zugleich aber die Bösen unter ihnen vernichten, zertreten,
ausrotten und so das Reich der Finsternis zerstören.
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Der
Mithraskult hat auf vielerlei Weise das Christentum mitgeprägt. So läuft die
Linie über die Mithaskulte in Südfrankreich zu den großen Ketzerbewegung der
Katharer oder Albigenser, die diese Welt für die Welt des Teufels hielten und
sich in harter Askese, die bis zur Endura ging, dem freiwilligen Hungerstod,
von ihm befreiten. Und bis in den Sagenkreis von König Artus mit dem Berg
Montsalvatsch und dem heiligen Gral reichen die Spuren dieser Religion. Viel
auch von dem, was man Leibfeindlichkeit oder Weltfremdheit des Christentums
genannt hat, geht auf den Einfluss jener frühen Licht-Finsternis-Religion
zurück.